Mittwoch, 12.12.2018

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Neue Hoffnung nach zehn Jahren voll Angst und Sorgen

Der 18-Jährige Afghane Rohallha Barbare will auf dem Labenbachhof in Ruhpolding die Traumata von Flucht und Entbehrung überwinden - 02.08.2015 18:39 Uhr

Auf dem Labenbachhof fühlen sich Rohallha Barbare (links) und Enajat Mahdawi aus Afghanistan gut aufgehoben. Annekathrin Preidel, Präsidentin der evangelischen Landessynode, hält den Hof für einen Ort der Hoffnung. © Foto: Kasperowitsch


In gewisser Weise hat der FC Bayern den damals noch kleinen Jungen aus Afghanistan nach Deutschland gelockt. Der „Stern des Südens“, wie der Club in seiner Hymne besungen wird, und seine Fußball-Idole waren so ziemlich das Einzige, was den damals achtjährigen Rohallha Barbare vage leitete, als ihn seine Mutter losschickte, irgendwohin nach Europa. Insgesamt acht Jahre hat seine abenteuerliche Reise aus Zentralasien ins oberbayerische Ruhpolding gedauert. Zwei Jahre lebt der heute 18-Jährige jetzt im Schutzraum des Labenbachhofes.

Der Weg dorthin war ihm keineswegs vorgezeichnet. Der junge Mann erzählt seinen schwierigen Lebenslauf dabei derart gelassen, als gäbe es nichts anderes, als dass ein Achtjähriger von seiner Mutter in die Fremde geschickt wird. Die kleine Familie lebte ohne Vater in Bamiyan, wo Taliban-Milizen 2001 die weltberühmten Buddha-Statuen zerstörten.

Keinerlei Kontakt zur Mutter

Man bekommt von Rohallha aber kein gefährlich wildes Kriegsabenteuer mit pfeifenden Gewehrkugeln und Bombenhagel zu hören, eher eine elend traurige Armutsgeschichte. „Meine Mutter war krank“, erzählt er auf dem Labenbachhof, „sie wollte, dass ich es besser habe.“ Kein Laut des Vorwurfes kommt über seine Lippen. Vielleicht erhebt er ihn still tief im Inneren, wenn er äußerlich ungerührt erklärt, dass er nicht weiß, ob sie überhaupt noch lebt.

Jedenfalls habe ihn zunächst ein Onkel, der irgendwas mit der US-Armee zu tun gehabt habe, von zu Hause ins Nachbarland Iran bis nach Teheran begleitet. Kurz darauf sei dieser verschwunden. Da stand der damals Achtjährige Rohallha nun verloren auf der Straße.

Er ging, so erzählt er in Oberbayern, mehr instinktiv als überlegt in eine Moschee. Zwei Tage treibt er sich herum, bis eine Stimme durch Lautsprecher über das Gelände hallt, die fragt, ob jemand einen Jungen verloren hat. Nachdem sich niemand meldet, erbarmt sich eine Familie, bei der er insgesamt gut drei Jahre unterkommt. „Ich wurde zur Arbeit bei einem Schneider geschickt. Die anderen Kinder gingen zu Schule. Aber ich war ja illegal hier, ich konnte nicht dahin.“

Die Polizei greift ihn dazwischen einmal in Teheran auf. „Die markierten meinen Arm großflächig mit einer nicht abwaschbaren Farbe und brachten mich mit einem Bus in ein großes Grenzlager.“ Er soll wieder nach Afghanistan abgeschoben werden.

Eine diffuse Angst vor der Rückkehr plagt ihn da, Unsicherheit, überhaupt noch jemand von seiner Familie zu finden, „außerdem hatte ich gehört, dass Kinder wie mich dort nichts Gutes erwartet“.

Und er hat selbst als Kind dort schon die gewaltsamen Konflikte zwischen den Volksgruppen erlebt. Schließlich gelingt es ihm, einen Bekannten aus Teheran telefonisch um Hilfe zu bitten. Der kann den Jungen tatsächlich wieder aus dem Lager herausholen.

Rohallha Barbare verdingt sich dann im Iran weitere Jahre als Maurergehilfe, bis er von Fluchtplänen nach Europa erfährt, die eine Gruppe Illegaler in seiner Umgebung schmiedet. Umgerechnet rund 1500 Euro, die er über die lange Zeit gespart hat, gibt er einem Schlepper, um ihn nach Griechenland zu bringen.

Mit einem Taxi und auf einem Lkw geht es Richtung türkische Grenze. Es folgt ein entbehrungsreicher Fußmarsch über ein Gebirge. Mit einer großen Gruppe anderer Flüchtlinge wird er „irgendwohin gebracht“. Am Ende kommt der Flüchtlingstrupp im Raum Istanbul an. In den nächsten Monaten folgen von unwirtlichen Verstecken aus mehrere vergebliche Versuche, Griechenland zu erreichen. Am Ende gelangt er endlich nach Athen.

Man darf sich das nicht so vorstellen, dass ein vorbereiteter Schritt auf der gefährlichen Tour zügig auf den nächsten folgte. Es hieß, ständig auf der Hut vor Entdeckung zu sein, mal ein paar Monate illegal zu arbeiten, um Geld zu verdienen, dann wieder sichere Unterkünfte zu suchen. „In Athen lebte ich sehr arm,“ erinnert sich Rohallha, „außerdem wurden Ausländer da verprügelt.“

Mit einem Trick über die Grenze

In dieser Situation schwebt ihm vage vor, dass es ihm im Land des FC Bayern besser gehen könnte. Dieser Gedanke leitet ihn. „Von Deutschland wusste ich bis dahin sonst nichts.“ Wieder vertraut er sich Schleppern an, die ihn über Mazedonien, Serbien, Ungarn bis nach Wien bringen. Dort kauft er sich mit seinem letzten Geld eine reguläre Zugkarte Richtung Bayern.

Der Kontrolle der Zöllner, die durch die Abteile gehen, entkommt er mit einem Trick: „Ich habe mich neben eine Familie gesetzt und mit deren Kindern gespielt. Die dachten ich gehöre dazu.“ Dass der Münchner Hauptbahnhof die Endstation ist, ahnte er mehr als dass er es wusste. Unsicher fragt er an einem Döner-Stand: „Alman?“ „Alman“, kommt zurück. Heilfroh über die Auskunft, stellt er sich dem nächsten Uniformierten in den Weg.

Die Polizei bringt Rohallha Barbare erst in die Bayern-Kaserne, die große Münchner Flüchtlingsunterkunft. Da ist er 16 Jahre alt. Ein erster Ausflug führt ihn zur mächtigen Allianz-Arena. Er fühlt sich am Ziel.

Als minderjährigen Flüchtling ohne jede Begleitung leiten die Behörden den Jugendlichen dann weiter auf den Labenbachhof, wo er nun seit zwei Jahren in einer sogenannten Intensivwohngruppe lebt. Für jeden einzelnen der Jugendlichen gibt es dort einen Betreuer. Nach kurzer Eingewöhnungszeit und einem Deutschkurs geht Rohallha mit anderen in die Traunsteiner Berufsschule, in eine Klasse des Berufsvorbereitungsjahres (BVJ). Die Schulbank drückt er da überhaupt zum ersten Mal in seinem Leben. Endlich.

„Hier bin ich sicher und frei“

Der heute 18-jährige Afghane erzählt von Entbehrungen, Sorgen, Risiken, Ängsten, das schon, aber keineswegs von Lebensbedrohung oder roher Gewalt. Man kann von außen nur ahnen, was ein schier ewig langes Fluchterlebnis mit einem Jungen wie ihm gemacht hat. Er sagt auf dem Labenbachhof nur zurückhaltend: „Hier habe ich gelernt, dass mir nichts mehr passiert, dass ich sicher und frei bin.“

„Solche Jungs sind Überlebenskünstler“, sagt Lutz Besser, Facharzt und Gründer des Zentrums Psychotraumatologie und Traumatherapie Niedersachsen (ZPTN). Er ist seit Jahren auf dem Labenbachhof auch in der Ausbildung von Fachleuten tätig und verfügt über reiche Erfahrung im Umgang mit solchen Jugendlichen.

Beim nackten Überleben gehe es, so der Experte, darum, möglichst nichts zu spüren, zu tarnen, sich abzugrenzen. Das Gehirn friere manche Erlebnisse regelrecht ein. Besser hat erlebt, wie reizbar die jungen Flüchtlinge aufgrund dieser Erfahrungen sind, wie schnell sie ausrasten können, wie verstört sie scheinbar unvermittelt wirken, weil sie plötzlich ein Geruch, eine Begegnung, eine Äußerung an ihre traumatische Flucht erinnert. „Da wächst nicht einfach Gras drüber. Leben ist mehr als überleben.“ Stabile Kontakte, offene Beziehungen oder echte Freundlichkeit müssten sie erst wieder annehmen können.

Gewinn für die Gesellschaft

Für den Rummelsberger Diakon Peter Klentzan, der lange mit Besser gearbeitet hat und das Traumhilfezentrum auf dem Labenbachhof leitet, sind Entwicklungen, wie sie junge Menschen wie Rohallha nehmen können, auch ein Gewinn für die Gesellschaft. „Wir haben was von denen“, sagt er, „das soll sicher nicht der bestimmende Grund unseren Handels sein, aber man kann auch nicht so tun, als wären sie nur eine Belastung.“

Rohallha Barbare hat in seinen gut zwei BVJ-Jahren den Quali geschafft. Danach bestand er den Einstellungstest einer großen Autofirma. Die wollte ihn unbedingt als Auszubildenden haben. In Oberbayern sind viele Stellen mangels geeigneter Bewerber nicht zu besetzen. Im September beginnt Rohallha nun eine Lehre als Mechatroniker. Die Behörden haben ihm eigens für diese Zeit einen sicheren Aufenthalt gewährt. Das war auch eine Bedingung der Firma für die Übernahme des jungen Afghanen. Auch sie braucht Sicherheit.

In dreieinhalb Jahren, wenn die Ausbildung abgeschlossen ist, wird der heute 18-Jährige sehen, was wird. Kann er bleiben? Wird er abgeschoben? Eine Antwort kann heute niemand geben. „Als Afghane fühle ich mich jedenfalls nicht“, versichert er in Ruhpolding, „vielleicht halb, oder als Halb-Iraner. Aber nach Bamiyan gehe ich nicht mehr zurück.“

 

MICHAEL KASPEROWITSCH

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