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An der Hand des Arztes sterben, nicht durch die Hand des Arztes

Emotionale Diskussion über die geplante Gesetzesänderung bei der Sterbehilfe - 25.01.2015 08:00 Uhr

Nich allein sein am Lebensende: Für den Erlanger Professor Peter Dabrock sind Sterbebegleitung und Schmerztherapie in den schweren Stunden mit das Wichtigste.

Nich allein sein am Lebensende: Für den Erlanger Professor Peter Dabrock sind Sterbebegleitung und Schmerztherapie in den schweren Stunden mit das Wichtigste. © dpa


CSU-Stadtverbandsvorsitzender Robert Renker begrüßte das Publikum und dankte Pfarrer i. R. Ernst Herbert dafür, dass er das Thema angeregt und sich um die Einladung der sechs Experten gekümmert hatte. Der Bundestag hatte im Herbst vergangenen Jahres bereits in erster Lesung über den assistierten Suizid debattiert. Moderiert hat die Diskussionsrunde Wolfgang Fellner, Redaktionsleiter der Neumarkter Nachrichten.

Nicht ausklammern

Beim „Nein“ zu aktiver Sterbehilfe waren sich die Diskutanten einig: Moderator Wolfgang Fellner, Ursula Nießen, Barbara Lanzinger, Annette Widmann-Mauz, Dr. Susanne Vogel, Dr. Dietmar Wittek, Domkapitular Nobert Winner.

Beim „Nein“ zu aktiver Sterbehilfe waren sich die Diskutanten einig: Moderator Wolfgang Fellner, Ursula Nießen, Barbara Lanzinger, Annette Widmann-Mauz, Dr. Susanne Vogel, Dr. Dietmar Wittek, Domkapitular Nobert Winner. © F.: Xaver Meyer


Der Tenor der Veranstaltung: Es ist wichtig, das Thema Tod nicht auszuklammern und zu verdrängen, sondern sich rechtzeitig zu überlegen, wie man sein Lebensende gestalten möchte. Das Nein zur aktiven Sterbehilfe war bei allen Diskutanten auf dem Podium eindeutig. Sterbebegleitung soll das Abschiednehmen erleichtern.

Stadtpfarrer Domkapitular Norbert Winner stellte eingangs fest, dass der Freiheits- und Selbstbestimmungsbegriff heute fast pervertiert werde. „Kein Mensch kann sein Leben wirklich selbst bestimmen. Er ist von Geburt an von anderen abhängig“, betonte er. „Die Menschen brauchen Hilfe beim Sterben und nicht zum Sterben“, sagte der Geistliche. Die Palliativmedizin und die Hospizarbeit leisteten hier große Hilfen. Zum Wesen des Christentums gehöre die Nächstenliebe und die bedeute, den Sterbenden beizustehen.

Annette Widmann-Mauz (CDU), Staatssekretärin im Bundesgesundheitsministerium, hob hervor, dass der Staat durch den Artikel 1 des Grundgesetzes zum Schutz der Würde des Menschen verpflichtet sei und da gehöre auch der Sterbende dazu. Der organisierten Sterbehilfe wie in der Schweiz oder den Niederlanden erteilte die Politikerin eine klare Absage.

Schwerkranke mögen sich zwar als Belastung fühlen, in Wirklichkeit fehle ihnen aber die Hand, die sie hält. Der Staat habe die Aufgabe, das Wissen und die Palliativ-Versorgung zu verbessern. „Lebensverlängernde Maßnahmen durch die Apparatemedizin kann der Einzelne verhindern, sei es persönlich oder durch eine Vollmacht. Dies ist völlig legal“, sagte sie.

Dr. Susanne Vogel, die Leiterin der Palliativstation im Neumarkter Klinikum, sagte, dass es wichtig sei, den Schwerkranken in einer existenziellen, vorher noch nie erlebten Situation geduldig zuzuhören und dahinter zu hören, welche Bedürfnisse der Patient in den letzten Tagen und Wochen seines Lebens hat. „Kein Gesetz kann diese Probleme lösen“, meinte die Ärztin. Der Sterbende nehme sich so wahr, als ob es die Welt nicht gut mit ihm meine. Die Angehörigen wünschten sich mehrheitlich, dass der Schwerkranke kämpft beziehungsweise schnell erlöst wird.

Vogel fügte an, dass die Palliativstation keine Sterbestation sei, wie oft vermutet wird. „Derzeit werden 51 Prozent wieder entlassen.“ Oberarzt Dr. Dietmar Wittek, der Leiter des Ethikforums am Klinikum, betonte, dass der Begriff der Würde durch eine an Leistung und Show orientierte Gesellschaft verzerrt werde. „Wer als alter Mensch Pampers braucht, sieht sich als würdelos“, verdeutlichte Wittek an einem Beispiel, wie mit dem Wort „Würde“ umgegangen wird. Auch der sehr hilfsbedürftige, demente Mensch besitze Würde, auch wenn diese ihm immer wieder abgesprochen wird mit Formulierungen wie „Das ist doch ein würdeloses Leben“.

CSU-Bundestagsabgeordnete Barbara Lanzinger aus Amberg meinte, dass eine schweigende Mehrheit nur vordergründig ihr Leben selbst beenden möchte. Sie empfahl, dass sich der Einzelne rechtzeitig überlegt, wie er gepflegt werden möchte. Das Ja zum schnellen Tod weiche schnell einem Ja zum Leben, wenn Hilfe angeboten wird. „Ein Geschäft mit dem Tod, gewerbsmäßiges Anbieten zum Selbsttöten darf es nicht geben“, forderte sie. „Wenn wir einmal eine Tür aufmachen, dann kriegen sie nicht mehr zu“, sagte sie, geschockt von einem Besuch in den Niederlanden.

Ursula Nießen, die Vorsitzende des Hospizvereins, sagte, dass der Einzelne das Recht habe, dem anderen zur Last fallen zu dürfen. „Wir brauchen Hilfe beim Sterben, nicht zum Sterben“, verdeutlichte auch sie. Die Todkranken möchten am liebsten in ihrer vertrauten Umgebung sterben, Dankbarkeit in Gesprächen zurückgeben“, sagte sie. Sie empfahl den Angehörigen, sich Hilfe beim Hospizverein zu holen. Bei guter Betreuung werde nicht der Wunsch nach aktiver Sterbehilfe mit dem Giftcocktail laut. „Wir kommen, sind da und gehen auch wieder und stellen keine Rechnung.“

In der teils emotionalen Diskussion kristallisierte sich klar heraus, dass der Staat sich mehr für die Palliativmedizin, für Schmerztherapien und Pflegedienste engagieren müsse. „Sterben an der Hand, nicht durch die Hand“, brachte es eine Ärztin aus dem Publikum auf den Punkt. 

FRANZ XAVER MEYER

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