Mittwoch, 14.11.2018

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Blick ins Neumarkter Amtsgericht: Das Gemäuer atmet Würde

Ein Westfale in der Oberpfalz: Beobachtungen des NN-Gastreporters an einem ganz normalen Alltag für die Neumarkter Justiz - 16.05.2018 12:00 Uhr

NN-Austauschreporter Olaf Moos aus Lüdenscheid hat seinen ganz eigenen, speziellen Blick auf das Geschehen im Neumarkter Amtsgericht. © Foto: André De Geare


Doch um den Mann mit verspiegelter Sonnenbrille und Strohhut geht es heute nicht. Es geht um ein Paar unter Anklage. Die beiden stehen schweigend vor dem Saal 100. Sie werden gleich zugeben, sieben Cannabispflanzen aufgezogen und Dolden mit Marihuana abgeerntet zu haben. Das ist auch für einen westfälischen Gerichtsreporter Alltag. Vor dem Gesetz sind alle gleich, Lüdenscheider wie Neumarkter.

Im Sauerland aber gilt ein Erlass des Landgerichts-Präsidenten: Alle Fenster, egal bei welchem Wetter, haben während der Hauptverhandlung geschlossen zu bleiben. Der Erlass gilt, seit ein Angeklagter, der sich wegen Mordes verantworten musste, durchs Fenster eines Gerichtssaales im 2. Stock getürmt und über ein Baugerüst abgehauen war. Die Wachtmeister hatten keine Chance. Der Angeklagte war von Beruf Gerüstbauer.

Zu Beginn dieses Prozesses hier kommt der Wachdienst zunächst in den Saal und öffnet alle Fenster. Das ist wohltuend. Die Angeklagten werden schon nicht verschwinden, die Straferwartung spricht nicht für eine erhöhte Fluchtgefahr.

Im Gegensatz zu "meinem" Amtsgericht in Lüdenscheid wirkt Justitias Domizil in Neumarkt in der Oberpfalz gewaltig. Das Gemäuer atmet geradezu Würde. Die Holzvertäfelung unter der Decke des Saals 100 drückt aufs Gemüt. Der Angeklagte, ein Lastwagenfahrer mit breiten Schultern und derben Pranken, schaut betreten auf die Tischplatte vor sich. Seine Partnerin und Mitangeklagte, eine Frau aus Zeitz in Sachsen-Anhalt, gibt zu Protokoll, sie sei Facharbeiterin für Lederwaren. Sie sagt "Lädoworn".

Das Kruzifix an der Wand hinter Amtsrichter Rainer Würth sieht nüchtern, fast industriell aus. Für mich ein ungewohnter Anblick. Hinter "meinen" Richtern im Sauerland hängt Raufasertapete, Erfurter Classico — sonst nichts.

Strafverteidiger Thomas Lößel aus Nürnberg wirbt auf seiner Homepage unter anderem mit dem Slogan: "Sie werden einer Straftat beschuldigt? Schweigen Sie und nehmen Sie Kontakt auf!" Seine Mandantin und ihr Freund schweigen nicht mehr. Sie geben alles zu, der Richter sagt zu dem Mann: "Wenn man Sie so sieht — angesichts des Tatvorwurfes wundert das einen."

Cannabis-Geschichten schreiben in Lüdenscheid auch eher jüngere Vertreter, kleine Kiffer oder Gelegenheitsdealer. Ein 60-jähriger Lkw-Fahrer war noch nicht dabei. Dafür hat der hier fast Tränen in den Augen, wirkt schwer angefasst. Staatsanwalt Leykam regt eine Unterbrechung an.

Auf dem Flur nähert sich der Mann mit der Sonnenbrille und dem Zorn auf die Welt. Er will jetzt mit jemandem sprechen, der ihm erklärt, warum er obdachlos leben muss. Ich stehe daneben und lausche, westfälisch klingt anders, kaum zu verstehen, das Ganze.

Der Wachmann lässt den lauten Besucher auspacken, mehrere Flaschen aus dessen Rucksack kommen zum Vorschein, er lässt sich nicht aus der Ruhe bringen. "Ham‘s einen Termin?" Der Mann verneint, füllt seinen Rucksack wieder — und wird noch lauter. Vernehmlich ist das Wort "Wichser". Nein, er will nicht in einer Stunde wiederkommen. Man hört ihn noch auf dem Residenzplatz krakeelen.

Solche kennen wir im Sauerland natürlich auch. Lüdenscheid hatte — Stand Mai 2017 — eine Arbeitslosenquote von 8,1 Prozent, Vollbeschäftigung herrscht nur im Jobcenter. Obdachlose, organisierte Bettlerbanden oder offensichtlich gelangweilte Menschen ohne Beschäftigung prägen das Stadtbild nicht gerade. Aber bei meinen Stadtrundgängen durch Neumarkt habe ich entweder nicht genau genug hingeschaut oder mein Gesamteindruck von der propperen und prosperierenden Gemeinde stimmt tatsächlich.

Sicher ist nur das: Der zornige Mann mit der Sonnenbrille ist kein Fremder für mich. Und fest steht außerdem, was Amtsrichter Rainer Würth zum Abschied den beiden Angeklagten sagt. Es sind fast dieselben Worte wie "meine Richter" in Lüdenscheid sie wohl schon hundertfach ausgesprochen haben. "Lassen Sie die Finger von dem Zeug! Es wird sonst kein gutes Ende nehmen." 

OLAF MOOS

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