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Der Elfmeterflüsterer

Wie Alfons Riehl den Fußball sieht: Irgendwie anders - 24.12.11

MECKENHAUSEN  - Mit wie vielen Stürmern beginnt der Trainer? Ist der verletzte Verteidiger wieder fit? Klappt es endlich mal wieder mit einem Sieg? Es sind Fragen wie diese, die den typischen Fußballfan am Wochenende umtreiben. Die aber Alfons Riehl nur selten interessieren. Er analysiert lieber, denkt über Spielzüge oder Statistik nach und sinniert, wo die Matrix hängt. Und hat obendrein noch eine ganz eigene Philosophie zum Spiel mit dem runden Leder. Genau also das Format für unsere Serie „Am Spielfeldrand“.


„Fußball besteht fast ausschließlich aus Fehlern“, meint Alfons Riehl, der seine ganz eigene Art hat, ein Spiel zu beobachten und   zu analysieren, in diesem Fall die Partie  zwischen dem TSV Freystadt gegen der DJK Allersberg.
„Fußball besteht fast ausschließlich aus Fehlern“, meint Alfons Riehl, der seine ganz eigene Art hat, ein Spiel zu beobachten und zu analysieren, in diesem Fall die Partie zwischen dem TSV Freystadt gegen der DJK Allersberg.
Foto: Schoplocher
„Fußball besteht fast ausschließlich aus Fehlern“, meint Alfons Riehl, der seine ganz eigene Art hat, ein Spiel zu beobachten und   zu analysieren, in diesem Fall die Partie  zwischen dem TSV Freystadt gegen der DJK Allersberg.
„Fußball besteht fast ausschließlich aus Fehlern“, meint Alfons Riehl, der seine ganz eigene Art hat, ein Spiel zu beobachten und zu analysieren, in diesem Fall die Partie zwischen dem TSV Freystadt gegen der DJK Allersberg.
Foto: Schoplocher

Fußball ist ein schönes Spiel, macht aber viel Arbeit und selten zufrieden,“ zitiert Alfons Riehl sehr frei nach Karl Valentin. Auch seine eigenen Aussagen würden es ohne Probleme in die einschlägigen Zitatensammlungen schaffen. Doch das will der freischaffende Architekt und Energieberater genau so wenig wie Rummel um seine Person oder seine systemtechnischen Analysen. Dabei wird schon nach ein paar Gesprächsminuten klar: Der Mann ist nicht nur ein scharfer Beobachter, er kann auch klare Schlüsse ziehen.
Ob nun TSV Meckenhausen gegen TSV Mörsdorf, eine Partie des VfB Eichstätt oder ein Heimspiel des FC Ingolstadt – wer sich da im Einzelnen gegenüber steht, ist für Alfons Riehl nicht so wichtig. Ihm geht es mehr um das Spielsystem an sich.
Leidenschaft kommt von Leiden
Fußball besteht seiner Meinung nach primär aus Fehlern, Rückschlägen, Niederlagen und Verletzungen. Das weiß der ehemalige Torwart aus eigener Erfahrung. Folglich stellt er sich die Frage, warum sich junge Leute das Sonntag für Sonntag immer wieder antun. Antwort: Fußballspielen sei kein Hobby und schon gar kein „Funsport“, sondern eindeutig eine Leidenschaft – und diese sei zwangsläufig mit Leiden verbunden.
Fehler an sich seien das zentrale Thema. Ohne sie würde jedes Spiel 0:0 enden, meint er. Der Zuschauer nehme viel intensiver die gelungenen Aktionen einer — vor allem „seiner“ — Elf wahr als die Fehler. Vor allem kleine Unzulänglichkeiten sind es, die zusammengefügt zum Sand im Getriebe der „Maschine Mannschaft“ werden und oft unbemerkt Erfolge verhindern.
Dass Meckenhausen nun in Sachen Fehler aufgrund des Tabellenstandes derzeit ein besonders attraktives „Ausflugsziel“ für den gebürtigen Reckenstettener sein könnte, muss an dieser Stelle dementiert werden. Denn trotz aller Distanz: Mit dem TSV sympathisiert der 50-Jährige sehr wohl. Unter anderem, weil sein Bruder dort, mit 46 Jahren als „Dienstältester“, immer noch in der zweiten Mannschaft aktiv ist. Familientreffen am Spielfeldrand quasi inbegriffen.
Team hat durchaus Potenzial
Zur Tabellensituation fällt Riehl ein weiteres Zitat von Valentin ein: „Hoffentlich wird es nicht so schlimm, wie es schon ist.“ Ins etwas Ernsthaftere übersetzt: Riehl sieht den derzeitigen zehnten Platz in der Kreisklasse Ost ganz gelassen — einen Gedanken daran, dass diese Mannschaft absteigen könnte, habe er noch nicht verschwendet. Vor allem die letzten drei Spiele hätten gezeigt, welches Potenzial in der Truppe stecke.
Außerdem hält Alfons Riehl den Abstiegskampf für die intensivste Art des Spiels, weil dort, mehr noch als im Kampf um die Meisterschaft, Mannschaft und Akteure ihren Charakter zeigen könnten. Es sei nicht einfach, jeden Sonntag zu verlieren und am nächsten Wochenende wieder mit hoher Motivation auf den Platz zu gehen. In gewisser Weise eine Schule fürs Leben. Wobei Riehl vor dem Hintergrund der Meckenhausener Platzierung weiß, dass man „auch in der Kreisklasse selten einen Gegner nur mit Technik vom Platz spielen kann. Ganz ohne Kampf geht es nicht“.
Gut, für diese Erkenntnis muss man vielleicht kein Experte sein, für die Riehl‘schen Elfmetertheorien schon. Nicht nur, dass der mittlerweile in Ingolstadt lebende Architekt in seiner aktiven Zeit für den VfB Eichstätt in einer Saison zwölf von zwölf Strafstößen parierte. Seine Prognosen vom Spielfeldrand aus, wie das „Drehbuch“ des Elfmeters ausfallen wird, verblüffen ein ums andere Mal. Dies habe weniger mit Raten zu tun, als hauptsächlich mit Psychologie und der Abfolge von Aktion und Reaktion. Im Idealfall bestimme es der Torwart, wohin der Schütze schießt.
Trainerkreise sind mit dieser Erkenntnis vielleicht nicht zu beeindrucken, aber Riehl ist ja streng genommen „nicht mehr als ein interessierter Zuschauer“. Aber einer, der inzwischen über eine beachtliche Datenbank verfügt. Früher wurde nach jeder Begegnung zunächst einmal die Statistik bedient. Auf Papier, aber auch in Form von Excel-Tabellen. Das alles sei „natürlich ungewöhnlich“, gibt der Architekt zu, aber er wolle konkrete Fakten zum Fußball, über die man auch sachlich diskutieren kann. Die meisten Gespräche über Fußball seien emotional und führten selten zu Ergebnissen.
Dabei hatte Alfons Riehl bis zum 13. Lebensjahr recht wenig mit Fußball zu tun. „Spät, dafür aber exzessiv“, habe er in der Folge gespielt und trainiert. Dies sei begünstigt worden durch seinen Aufenthalt in einem Schulinternat der Salesianer in Ingolstadt, wo die hauptsächliche Freizeitbeschäftigung Sport war. Oft wurde sogar zweimal am Tag Fußball gespielt.
Gegentor von Lothar Matthäus
Und das in der Folge recht erfolgreich – immerhin hat der 50-Jährige in der Bayernliga-Jugend beim MTV Ingolstadt zwischen den Pfosten gestanden. Als damals jüngster Torwart der Liga durfte sich Riehl auch über Gegentore von später sehr bekannten Spielern wie Lothar Matthäus, Klaus Augenthaler oder Bernd Schuster „freuen“. Später wechselte Riehl auch gerne mal die Position, sprich: spielte im Sturm, auch beim TSV Mörsdorf und beim VfB Eichstätt. Dies aber mit überschaubarem Erfolg, wie er betont.
Gekickt wird heute immer noch, wenn auch nur einmal in der Woche. Auch hier ist die Motivation des Ingolstädters eine andere als die anderer AH-Spieler: Mit dem Überschreiten der weißen Linie werde der Kopf frei, beschreibt Alfons Riehl sein Empfinden. Eine Stunde Fußball sei wie ein Tag Urlaub.
Man betrete eine eigene Welt, in der es keine beruflichen, sozialen oder kulturellen Unterschiede gebe. Jeder sei gleich, nur Fußballer. Dies sei für ihn die schönste Eigenschaft am Fußball. Nichts, außer der Musik, sei, über alle Kulturen und Religionen hinweg, weltumfassend verbindender als Fußball.
Ob er denn nie darüber nachgedacht habe, sein Wissen und seine Erkenntnisse als Trainer weiter zu geben? „Nie lange“, antwortet der Architekt und schiebt lächelnd nach, dass sich das zeitlich mit seinem Beruf nur sehr schwer vereinbaren ließe.
Wenn überhaupt, würde ihn ein Engagement im Nachwuchsbereich mehr reizen, denn jungen Menschen seien Werte leichter zu vermitteln. Ihnen könnte man sicher auch Teile der eigenen Philosophie eher nahe bringen. Und Alfons Riehl würde noch ein wenig mehr mitgeben: Akribie und Leidenschaft. PETRA SCHOPLOCHER 



PETRA SCHOPLOCHER

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