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Die Fassade bestimmt das Haus und die Stadt

Professor Mäckler referierte über Stadtgestaltung und Stadtplanung — Vorsicht mit einem Einkaufszentrum - 19.10.2012 10:47 Uhr

NEUMARKT  - Neumarkt hat einen guten Ruf. Als Stadt der Architektur. Weil es eine intakte Altstadt hat, mit Bausünden, aber weitgehend intakt und ihresgleichen suchend. Weil Johannes Berschneider im Maybach-Museum eine Vortragsreihe installiert hat, die mit den besten Architekten und dem besten Publikum aufwartet. Jetzt zu Gast: Christoph Mäckler, Direktor und Universitäts-Professor der Architektur.

Professor Christoph Mäckler zeigte zum Thema Stadtgestaltung und Entwicklung verschiedene Beispiele.
Professor Christoph Mäckler zeigte zum Thema Stadtgestaltung und Entwicklung verschiedene Beispiele.
Foto: Fellner
Professor Christoph Mäckler zeigte zum Thema Stadtgestaltung und Entwicklung verschiedene Beispiele.
Professor Christoph Mäckler zeigte zum Thema Stadtgestaltung und Entwicklung verschiedene Beispiele.
Foto: Fellner

Er sitzt im Kuratorium zur Stadtentwicklungspolitik des Bundesministeriums für Verkehr, im Architekturbeirat des Auswärtigen Amtes, ist Mitglied der deutschen Akademie für Städtebau und Landesplanung, Gründer und Direktor des Instituts für Stadtbaukunst, Mitglied der Bauakademie Berlin und Professor an der TU Dortmund.


Johannes Berschneider eröffnete die Herbst-Staffel im Maybach-Museum.
Johannes Berschneider eröffnete die Herbst-Staffel im Maybach-Museum.
Johannes Berschneider eröffnete die Herbst-Staffel im Maybach-Museum.
Johannes Berschneider eröffnete die Herbst-Staffel im Maybach-Museum.

„Nein, das wäre eine Verhohnepiepelung schlechthin“, sagt er, als ihm Johannes Berschneider erste Pläne für den Neuen Markt am Unteren Tor auf der Leinwand zeigt. Das seien doch „Häuschen auf dem Dach und unten herrscht der große Kaufrausch“, Das sehe so aus, als wollten die Neumarkter ihre Altstadt nebenan noch einmal bauen und dabei auf Geschäftshäuser aufsatteln, sagt er. Wollen sie nicht, sagt Johannes Berschneider, denn der Plan sei inzwischen grundlegend geändert, die Fassade eine andere, Einkaufen, ein Kino und anderes sei geplant.

Nicht unbedingt beruhigt


Begrüßte den Gast mit einem Gstanzl: Architektur-Musiker Jörg Bauer.
Begrüßte den Gast mit einem Gstanzl: Architektur-Musiker Jörg Bauer.
Begrüßte den Gast mit einem Gstanzl: Architektur-Musiker Jörg Bauer.
Begrüßte den Gast mit einem Gstanzl: Architektur-Musiker Jörg Bauer.

Das beruhigt den Direktor für Stadtbaukunst nicht unbedingt: So ein Zentrum neben der Altstadt könne massiv schaden; einen Kommentar zur Fassade des derzeit geplanten Neuen Markt, die Berschneider auch zeigt, gibt er nicht, wiegt nur den Kopf. Zeigt dafür Lösungsansätze. Diversifizierung ist sein Stichwort; Handel, Wohnen und viel mehr seien nötig. Die im 19. Jahrhundert begonnene Trennung der Stadtareale in Wohnen und Arbeiten sei vielleicht bei stinkender Schwerindustrie nötig gewesen. Aber: Wo Menschen wohnen, gibt es weniger Gewalt und Vandalismus. „Sonst müssen sie da ein Heer von Sicherheitsleuten aufbieten.“

Doch zurück zum Neuen Markt: „Nein, ich bin nicht gekauft“, wehrte der Professor lachend eine Bemerkung aus dem Publikum ab. Aber Berschneider habe ihn kreuz und quer durch die Altstadt gefahren: Er sei begeistert, sagt Mäckler, so etwas gebe es nur in Süddeutschland, nördlich des Mains hätten erst die alliierten Bomber die Städte in Schutt und Asche gelegt, „so, wie Neumarkt“, und dann seien die Nachkriegsarchitekten gekommen. Es sei nicht aufgebaut worden, sondern historisch Gewachsenes sei umgestaltet worden.


Es gelte, postuliert Mäckler, die Altbausubstanz zu bewahren und, wenn nicht anders möglich, dann so neu zu bauen, dass das Haus nicht als Fremdkörper dastehe. In der Politik werde aber nicht getrennt zwischen dem, was in den Altstädten vorhanden sei und dem „Müll“, der drumherum entstanden sei.

Im bestens besetzten Saal im Maybach-Museum hatte der Kopf hinter der Vortragsreihe Architektur und Baukultur, Johannes Berschneider, zu Beginn die Gäste begrüßt, Jörg Bauer hatte sein Gstanzl gespielt und dann gehörte die Bühne dem berühmten Architekten aus der Main-Metropole Frankfurt. Er mache vom kleinen Anbau ans Einfamilienhaus bis hin zum Hochhaus alles, sagte er. Wie er das macht, konnten die staunenden Zuhörer auf der Leinwand verfolgen.

Bauen ist für Mäckler Stadtentwicklung. Gebäude können schon spektakulär geraten, doch müssen sie sich ins Umfeld integrieren. Historisch gewachsene Straßenfluchten gilt es einzuhalten oder, im besten Fall, wieder freizulegen und herzustellen, wie Mäckler an einem Beispiel aus Frankfurt zeigte.

90 Prozent der Architekten, sagte Mäckler, bauten heute keine Dächer mehr: „Das ist spießig, das ist alt, so haben sie im Kaiserreich gebaut“, heiße es. Doch vom Kaiserreich müsse man sich trennen, diese Ideologie müsse beerdigt werden: „Wir dürfen heute wieder Dächer bauen.“

Architektur darf wieder zu alten Stilmitteln greifen, sie neu verwalten, das mache Gebäude aufregend, spannend. Die Alten hätten das gewusst, sagte Mäckler und zeigte Beispiele von lebenden Fassaden aus dem vergangenen Jahrhundert, mit Erkern, Simsen, Stuckaturen. Mäckler: „Wir haben den Auftrag, eine Stadt für die Bevölkerung zu bauen.“

Fassade ist wichtig

Es könne doch nicht sein, sagte der Professor, dass der heutige Architekt, dem ganz andere Werkzeuge und Baumaterialien zur Verfügung stünde, qualitativ minderwertiger baue als vor 100 Jahren. Schmales Mauerwerk, doppelt soviel Dämmstoff – und in 30 Jahren sei die Lebensdauer abgelaufen, müsse das Haus entsorgt werden.

Nicht anders sei es mit der Fassade: Vor zehn, zwölf Jahren sei Fassade ein Schimpfwort gewesen wie Beton, das schlimmste sei gewesen, als „Fassaden-Architekt“ bezeichnet zu werden. Dabei bilde die Fassade den städtischen Raum. Je schlechter der Architekt, sagte Mäckler, desto schlechter der städtische Raum. Er lege hohen Wert auf Fenster, Dach, Eingangsbereich: „Das bestimmt das Haus, das Haus bestimmt die Stadt.“

Wie er sich das vorstellt, zeigte Mäckler am Augustinermuseum in Freiburg oder an einer Schule in Berlin. An letzterer stellte er einen dritten Baukörper zwischen zwei alte Ziegelsteinbauten. Er nahm deren Fassade auf, brach diese aber im Neubau. Die Fassade lebt, tausende Klinker schillern. Oder ein Hochhaus in Frankfurt: Da rekonstruierte Mäckler rund um den Goethe-Platz wieder die alte Straßen- und Parksituation, schloss Häuserfronten, stellte alte Situationen wieder her.

„Dürfen wir sie per Skype zur Diskussionsrunde mit dem neuen und dem alten Stadtbaumeister am Donnerstag, 8. November, zuschalten“, fragte Berschneider am Ende vorsichtig. Mäckler lächelte: In eine schöne Stadt wie Neumarkt fahre er auch zweimal, sagte er. Das war wohl die Zusage fürs Podium. 

wof


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