Montag, 17.12.2018

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Hans Rosenfeld war ein Zeitzeuge mit Mission

Er berichtete den Schülern von der Judenverfolgung in Neumarkt - Nun starb er im Alter von 88 Jahren - 12.01.2015 18:18 Uhr

Die Aufnahme ist beim letzten Besuch von Hans Rosenfeld in der FOS/BOS Neumarkt im Oktober vergangenen Jahres entstanden. Der Zeitzeuge suchte immer wieder das Gespräch mit jungen Menschen. © Foto: Franz-Xaver Meyer


Hans Rosenfeld hatte eine Mission, die ihn in den vergangenen Jahren trotz körperlicher Gebrechen aktiv gehalten hat: Jedes Jahr kam er im Frühjahr und Herbst für drei oder vier Wochen aus seiner Heimat Brooklyn in die Metropolregion. Zahllose Schulen besuchte er hier, von Neumarkt bis Ansbach, von Treuchtlingen bis Sulzbach-Rosenberg war er unterwegs. Zwei, drei Termine am Tag waren keine Seltenheit. Trotz seines hohen Alters.

Vor den Schulklassen referierte er lebendig und eindringlich über die Zeit, die sein Leben prägte – die zwölf Jahre Tausendjähriges Reich mit all ihren Gräueln den Deutschen jüdischen Glaubens gegenüber. Das war seine Mission: Er sagte den Schülern, dass sie nichts für die Verbrechen der Nazis in den 30er und 40er Jahren könnten. Dass es aber an ihnen liege, dass so etwas nie mehr passiere. Das sagte er vor allem auch mit Blick auf den wieder erstarkenden rechten Rand der deutschen Gesellschaft.

Hans Rosenfeld wurde am 6. Mai 1926 im fränkischen Schopfloch geboren. Seine Eltern betrieben eine Wollwarenfabrik, die aber nach der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten immer weniger Abnehmer hatte. Die Nazis forderten die Kunden auf, nicht mehr bei Juden zu kaufen. Weil sich die Situation auf dem flachen Land bald zuspitzte, siedelte die Familie zu den Großeltern nach Neumarkt über. Gewohnt hat die Familie in der Regensburger Straße.

Doch auch in Neumarkt gab es kein Entkommen vor dem NS-Terror: Rosenfeld sah die SA-Trupps mit ihren Schildern „Wer bei Juden kauft, ist ein Verräter“ vor jüdischen Geschäften stehen. Die Diskriminierungen waren vielfältig: „Als meine Mutter mit mir zum Friseur ging, hieß es überall: Juden sind nicht erwünscht“, sagte Rosenfeld. Linientreue Ärzte behandelten den Vater nicht.

Prügel in der Schule

In der Schule – er besuchte mit Ernst Haas die evangelische Bekenntnisschule in der Bahnhofsstraße – bezog er häufig Prügel; die Lehrer stachelten die Schüler auf, die „Judenbuben“ zu schlagen. „Wir waren zwei Juden in der Klasse. Es gab keine Schüler, die zu uns gestanden sind. Das durften die auch nicht“, entschuldigte er Mitschüler von damals Jahre später. Die Erlebnisse prägten Rosenfeld nachhaltig.

Der Junge war froh, als er mit seiner Familie am 22. Juni 1937 in Hamburg das Schiff gen Argentinien besteigen konnte, wo Verwandte lebten. „Ich nahm nichts mit, was mich an Deutschland erinnert“, sagte Rosenfeld bei einem Vortrag. Außer den Hass auf alles Deutsche, und der saß tief. „Ich hoffte, dass Deutschland den Krieg verliert“, sagte Rosenfeld.

„Über Konzentrationslager in Deutschland hörte man Gerüchte, aber die schlimme Wahrheit erfuhr man erst nach der Befreiung der Konzentrationslager.“ In Argentinien studierte Rosenfeld Jura und Wirtschaftsingenieurwesen. Als zunächst Staatenloser erhielt er in dem lateinamerikanischen Land einen deutschen Pass. Sein Leben blieb bewegt: 1953 verlegte er den Wohnsitz nach New York.

In Argentinien hatte Diktator Perón die Herrschaft übernommen und er selbst „genug von Diktatoren“. Die Eltern, erinnerte er sich, blieben zurück. Sie wollten nicht ein drittes Mal ihr Leben neu aufbauen müssen.

Nach fünf Jahren in den USA erhielt er die amerikanische Staatsbürgerschaft. In New York arbeitete er bis 1972 in einer Recycling-Firma und leitete anschließend bis 1995 eine Reiseagentur. Er war viermal verheiratet, aus erster Ehe hat er eine Tochter. Eine Europareise 1967 brachte schließlich das Umdenken. Der Hass auf alles Deutsche wich der Erkenntnis, dass „der Hass nicht weiter führt, das habe ich spät eingesehen und möchte ich euch jungen Menschen vermitteln. Diese Mission habe ich mir auferlegt“, sagte er in Neumarkt vor Schülern der FOS/BOS.

Verdienstkreuz verliehen

Seit 1996 besuchte er als Augenzeuge des Dritten Reichs zweimal jährlich Schulen in der Region. Für sein Engagement zeichnete ihn die Republik mit dem Bundesverdienstkreuz aus. Enge Kontakte hielt Hans Rosenfeld in Neumarkt zur FOS/BOS und zum Ostendorfer Gymnasium. Erst im Herbst traf er sich dort mit Ernst Haas, dem einzigen Neumarkter jüdischen Glaubens, der die Gräuel der Konzentrationslager überlebt hatte. In einer Feierstunde erinnerte die Schule an die in den KZ ums Leben gekommenen Neumarkter.

Nach der Rückkehr nach New York im Oktober hatte sich der Gesundheitszustand Hans Rosenfelds rapide verschlechtert. In der Nacht von Donnerstag auf Freitag vergangener Woche ist er im Alter von 88 Jahren gestorben. 

WOLFGANG FELLNER

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