Mittwoch, 14.11.2018

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Jurabergrennen: Als der Asphalt in Neumarkt brannte

1982 heulten ein letztes Mal die Motoren am Mariahilfberg auf - 19.04.2014 11:00 Uhr

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Als auf dem Mariahilfberg der Gummi qualmte

Von 1968 bis 1982 wurde der Mariahilfberg zur Rennstrecke umfunktioniert. Tausende Besucher strömten zu den Rennen und bestaunten - bis auf Formel-1 - alle Fahrzeugklassen.


Dieser Berg verzeiht keine Fehler. Das waren die Worte von Rennfahrer Georg Bock nach der Siegerehrung am 31. Mai 1970. Mit seinem BMW 2002 TI Schnitzer hatte er die Konkurrenz in Ford Mustang, Porsche Carrera und Jaguar E-Type abgehängt.

Dem Freudentaumel folgte die nüchterne Erkenntnis, dass er auch Glück gehabt haben musste: Dauerregen machte die Strecke glatt und schmierig. Wer sein Fahrzeug zu schnell um die Spitzkehren scheuchte, machte Bekanntschaft mit der Leitplanke oder der Böschung.

Unbeschadet überstanden hat das Rennen auch Jürgen Mösl. Der Neumarkter Lokalmatador bekam freudestrahlend den Lorbeerkranz überreicht und fiel seinem Bruder Hardl in die Arme. Im Jahr 1970, dem 3. Jura-Bergrennen, wurde Jürgen Mösl Klassensieger der Spezial-Grand-Tourisme-Wagen bis 1300 Kubik.

Bergeweise Bergrennen

Heute, 44 Jahre später, sitzt Jürgen Mösl in seinem Wohnzimmer, Berge von Aktenordnern vor sich aufgestapelt. „Ich habe jetzt nur das Nötigste herausgesucht“, sagt er und präsentiert das Programmheft des 1. Jura-Bergrennens aus dem Jahr 1968.

Damals hatte der Deutsche Motorsport-Verband die Rennen am Mariahilfberg ausgerichtet, der 1. Motorsportclub Neumarkt (MSC) stand als Macher eher im Hintergrund. Erst in den Folgejahren übernahm der MSC die Rolle des Veranstalters.

„Eine Riesenarbeit war das“, erinnert sich Jürgen Mösl. Am Freitag, dem Vorabend der Trainingsläufe, überzeugten sich die Prüfer der Sportbehörden, die Polizei und die Verkehrsbehörde des Landratsamtes, dass alle Auflagen erfüllt sind.

Einmal, da hielten die Prüfer für eine Minute inne und blickten auf einen Gedenkstein. „Niemand soll sagen, dass sein Tod umsonst war“, stand darauf geschrieben. An dieser Stelle war Rennpilot Horst Schrankl tragisch ums Leben gekommen. Sein Wagen geriet ins Schleudern und Schrankl kam von der Straße ab.

„Der ganze Neumarkter Club hat bei der Vorbereitung angepackt“, erzählt Mösl. Die Tribüne erhielt Sitzbänke, die Leitplanken in den Kurven wurden mit Strohballen gepolstert, Lautsprecher wurden aufgestellt, Fahrbahnmarkierungen aufgetragen und dutzende weitere kleine Arbeiten erledigt.

Die anschließende Abnahme unterlag einem strengen Protokoll. Dort war unter anderem genau vorgeschrieben, wie weit die Zuschauer von der Strecke entfernt sitzen müssen.

Tausende Zuschauer

Belohnt wurde die Mühe der Helfer und Organisatoren mit 15.000 Zuschauern, die in den ersten Jahren auf den Berg strömten. Mit den Jahren wurden es weniger, sagt Mösl.

Gelockt hatte sie mit Sicherheit der Geruch von Benzin und verbranntem Gummi. Aber auch Namen wie Anton „Tony“ Fischhaber zogen die Massen an. Der Porsche-Werksfahrer zählte zu den erfolgreichsten Bergrennfahrern der 1960er-Jahre. „Das war phänomenal“, schwärmt Jürgen Mösl. Zu dieser Zeit machte der MSC Neumarkt noch Startgelder locker für Fahrer wie Tony Fischhaber.

Andere Fahrer legten Geld auf den Tisch, um starten zu dürfen. „Es war ein sehr teures Hobby“, sagt Jürgen Mösl. Der größte Posten war der Kauf und das Tunen der Fahrzeuge. „Amateure wie ich machten viel in Eigenregie.“ Dazu gehörte das Zerlegen des Motors, der Tausch der Innereien – Pleuel, Kolben und Kurbelwelle – und der Umbau der Karosserie.

Mösl war in einem Glas 1300 GT unterwegs. „Das war mein Gebrauchsfahrzeug, das ich dann frisiert hatte“, erklärt er. Der Glas 1300 GT ist ein Sportcoupé, das in seiner Form ab 1967 von BMW weitergebaut wurde. Die Optik stand eher im Hintergrund, „wir waren schon froh, wenn wir Alufelgen mit Rennreifen hatten“, sagt Mösl. Vom Sponsor, der sich mit einem Aufkleber auf der Motorhaube verewigte, gab es eine Tankfüllung geschenkt.

Stolz ist Jürgen Mösl vor allem auf die breite Auswahl an Rennwagen und Motorrädern, die sich bei den Bergrennen heiße Duelle lieferten. „Im Laufe der Jahre war alles am Berg“, erzählt er. „Alles, außer Formel 1“. Sogar Formel-2- und Formel-3-Flitzer sind mit Höchstgeschwindigkeiten durch die Kurven gewetzt.

Lauscht man den Stimmen dieser Zeit, wird klar: Der Organisator wird mit Lob überschüttet. Gemeint sind damit die damaligen MSC-Chefs Helmut Gleichauf, Richard Kellermann, Rennleiter Manfred Weibrecht und die freiwilligen Helfer. Viel Wert legt Jürgen Mösl darauf, Max Loichinger zu erwähnen. „Seinen Einsatz kann man gar nicht genug loben“, sagt er. „Er hat sich diese Rennen zum Lebensinhalt gemacht.“ Von schweren Unfällen blieben die Fahrer des letzten Jura-Bergrennens verschont. Nach dem Wochenende des 15. und 16. Mai 1982 standen im Protokoll ein glimpflich ausgegangener Sturz bei Posten 19, ein aufgerissener Knöchel und ein Schlüsselbeinbruch – keine große Sache für Rennfahrer.

Viel schlimmer dürfte da der seelische Schaden gewesen sein, den die Fahrer eines Motorradgespanns erlitten: Von dem nagelneuen Seitenwagen blieb nach einem „Seitensprung“ in der Brunnenhäuslkurve nur noch ein Haufen Blech übrig. Die Gründe für das jähe Ende der Bergrennen sind vielfältig. Hauptsächlich war es aber dem logistischen und finanziellen Aufwand geschuldet, dass der MSC Neumarkt einen Schlussstrich zog. Negative Erlebnisse mit dem „Sauwetter“, wie Jürgen Mösl sagt, hätten für ein Loch in der Kasse gesorgt.

Comeback geplant?

In den Jahren darauf konnte der 1. MSC Neumarkt die Veranstaltung nicht mehr stemmen. Das Geld – finanziert wurden die Kosten über Start- und Eintrittsgelder – reichte nicht mehr aus. Außerdem seien die behördlichen Auflagen „unerfüllbar“ geworden, die Sicherheitsbestimmungen weiter verschärft worden.

Von 1968 bis 1982 wurde der Mariahilfberg zur Rennstrecke umfunktioniert. Tausende Besucher strömten zu den Rennen und bestaunten - bis auf Formel-1 - alle Fahrzeugklassen. © Fritz Etzold


Trotzdem: „Es fehlt eine große Veranstaltung in Neumarkt“, findet Jürgen Mösl.

Dass die Bergrennen eine Renaissance erfahren, hält er für unwahrscheinlich. Und das, obwohl die Strecke zwischen Höhenberg im Tal und Höhenberg erneuert und verbreitert wurde. „Das Problem ist, dass oben im Auslauf, in der Kurve, die Strecke zweigeteilt ist“, sagt Mösl. Das müsse man zuerst beheben, so wie das auch in Monaco gemacht werde.

Die letzten Spuren von Reifenabrieb sind also restlos beseitigt. Die Jura-Bergrennen existieren nur noch in Zeitungsarchiven und Aktenordnern des MSC Neumarkt. Und in der Erinnerung tausender Motorsport-Fans. 

Philip Hauck

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