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Neumarkter Handwerk heißt Migranten willkommen

Handwerk würde gerne Asylbewerber beschäftigen - 30.11.2014 09:00 Uhr

Der Schlüssel zu einer erfolgreichen Integration in Gesellschaft und Arbeitsleben: Asylbewerber müssen die Schulbank drücken und Deutsch lernen. © Roland Huber-Altjohann


 „Wir stehen Gewehr bei Fuß“, versicherte Kreishandwerksmeister Gerhard Ulm bei einem „Gipfeltreffen“ von Bürgermeistern und Innungsobermeistern im Saal der Handwerkerschaft. Dies schließe auch die Bereitstellung von Ausbildungsplätzen ein.

Landrat Willibald Gailler nannte bei dem Treffen die aktuelle Zahl von etwa 420 Asylbewerbern im Landkreis. Allerdings sei die Zahl der Ausbildungsfähigen aufgrund des Alters und der Familienverhältnisse „überschaubar“. Gailler erklärte, dass die von der SPD-Kreistagsfraktion vorgeschlagene Arbeitsgruppe zur schnelleren Integration von Migranten ins Arbeitsleben nun eingerichtet werden soll. An dem Runden Tisch sollen alle institutionellen Akteure sitzen. Es gebe Signale aus der Wirtschaft, junge Asylsuchende ausbilden zu wollen.

Längst existierten ähnliche Modelle in München und Augsburg, meinte der Initiator der Arbeitsgruppen-Idee, der Berger Bürgermeister Helmut Himmler. In Oberbayern sei der Druck auf die Wirtschaft noch viel größer: „Die kriegen die Leute nicht her. Zu uns kommen Menschen, die sich eine Zukunft aufbauen wollen, es ist eine gute Chance, wenn wir diese Leute für den regionalen Arbeitsmarkt nutzbar machen.“

Kreishandwerksmeister Ulm übte auch Kritik an den Gemeinden. © privat


Ernüchternd wirkte da das Referat von Monika Aurbach. Die Chefin der Neumarkter Arbeitsagentur bezeichnete es zwar als gesetzliche Erleichterung, dass Asylbewerber nun bereits nach drei Monaten einen „nachrangigen“ Zugang zum Arbeitsmarkt hätten: Sie kommen letztlich doch nicht zum Zug, wenn es deutsche, europäische oder andere ausländische Aspiranten mit Arbeitserlaubnis gebe. Ohnehin ist viel Bürokratie gefordert: Der künftige Arbeitgeber muss Fragebogen ausfüllen und bei der Arbeitsagentur eine detaillierte Stellenbeschreibung abgeben. Eine Zentralstelle prüft; der Job wird ausgeschrieben. Entschieden werde innerhalb von zwei Wochen, versicherte Monika Aurbach. Doch bisher habe sich kein einziger Asylbewerber als arbeitssuchend bei der Agentur gemeldet.

Viermal pro Woche

Doch diese Formalien sind das eine. Das andere sind die Deutschkenntnisse. Fundierte seien erforderlich, wenn ein Migrant eine Ausbildung anstrebe oder als Fachkraft arbeiten wolle. Aber auch ein Helfer müsse sich verständigen können. Kreishandwerksmeister Ulm fragte zwar nach Deutschkursen, doch unter den Handwerkern und Kommunalpolitikern wurde bei der Veranstaltung nicht weiter darüber gesprochen, wie der Deutschunterricht für Flüchtlinge besser organisiert oder intensiviert werden könnte.

Die Gemeinde Deining macht vor, wie es laufen könnte: Für acht junge Männer aus Eritrea hat die Kommune viermal pro Woche Deutschunterricht organisiert. Jeweils am Mittwoch lernen die Flüchtlinge im Seniorenheim und im Bauhof den Arbeitsalltag kennen. Bürgermeister Alois Scherer: „Wenn die Deutsch können, dann machen sie sicher eine Ausbildung oder suchen sich Arbeit.“

Drei von vier Handwerksbetrieben in Ostbayern sind mit ihrem Internetzugang nicht zufrieden. Christian Stachel von der Handwerkskammer referierte die Ergebnisse einer Umfrage unter selbstständigen Handwerkern. Er appellierte an die Mitglieder, ihre Anforderungen an die Qualität des Netzanschlusses bei den Gemeinden zum Ausdruck zu bringen. Längst sei schnelles Internet bei Auftragsabwicklungen, bei der Kommunikation mit Kunden und Zulieferern oder für Dienstleister bei der Energieanlagensteuerung essentiell.

„Für unsere Betriebe ist schnelles Internet eine lebensnotwendige Hauptschlagader“, mahnte Kreishandwerksmeister Ulm. Kein Handwerksbetrieb sei heute ohne einen vernünftigen Breitbandanschluss konkurrenzfähig.

Zuvor hatte Michael Gottschalk von der Wirtschaftsförderung des Landkreises das realistische Ziel beschrieben: In jeden Ort des Landkreises solle zumindest bis zum sogenannten Kabelverzweiger Glasfaser für schnelle Übertragungsraten verlegt werden. Neumarkt sei einer der wenigen Landkreise, in denen alle Gemeinden ihre Förderanträge schon weit vorangetrieben hätten. Jede Kommune habe Zuschüsse bis zu 950 000 Euro zu erwarten, was Gesamtinvestitionen von etwa 1,5 Millionen Euro entspreche. Gottschalk: „Das dürfte in den meisten Gemeinden ausreichend sein. Es ist möglich, eine flächendeckende Versorgung weitestgehend zur Verfügung zu stellen.“

Zu wenig unterstützt

Kritische Worte richteten die Handwerker Richtung Rathäuser: Müsse es denn sein, dass eine Gemeinde drei Elektromeister beschäftigt, fragte Gerhard Ulm. Statt dessen sollten die Kommunen örtliche Handwerker für Service- und Wartungsarbeiten heranziehen. Die heimischen Betriebe würden zu wenig unterstützt.

Ein Dauerthema ist es laut Kreishandwerksmeister, dass die Gemeinden geeignete Standorte für Gewerbetreibende bereitstellen. In der Stadt Neumarkt sei dies ein „großes Thema“. Ulm sagte voraus, dass es „weitere Abwanderungen“ aus Neumarkt geben werde. Der Vormann der Handwerker verwies auf viele ungenutzte landwirtschaftliche Gebäude im Landkreis, die für Handwerksbetriebe unter Umständen brauchbar seien.

Doch die Beschaffung von Flächen für Gewerbegebiete sei so einfach nicht, klagte Bürgermeister Horst Kratzer aus Postbauer-Heng: Landwirte seien angesichts der Konjunktur und aus Angst vor inflationären Entwicklungen wenig geneigt, Flächen zu moderaten Preisen zu verkaufen. Bei hohen Einkaufspreisen und einem möglichen Verkaufspreis von 50 bis 60 Euro pro erschlossenen Gewerbe-Quadratmeter werde es schwierig. Kratzer: „Eine wahnsinnige Spirale nach oben bremst uns sehr.“ 

WOLF-DIETRICH NAHR

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