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Montag, 24.09.2018

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Erinnerungen an den 30-jährigen Krieg am Denkmaltag

Neustadts finsterste Zeit - 09.09.2018 19:02 Uhr

Wie die Menschen in Kriegszeiten Schutz im großen Gewölbe und dem unterirdischen Gängelabyrinth gesucht hatten, stieß auf großes Interesse. © Harald Munzinger


Ihre Blüte in strategisch wichtiger Lage habe die Neue Stadt unter dem Markgrafen Albrecht Achilles erlebt, der sie 1488 mit der Stadtmauer und vier Toren befestigen und das stattliche Schloss bauen ließ, richtete die Stadtführerin vor großer Gästekulisse vor dem Rathaus den Blick zunächst noch weiter in die Geschichte Neustadts zurück, das in diesen Tagen auch die vor 700 Jahren von den Hohenzollern verliehenen Stadtrechte feiert. 

Welch unsägliches Elend die Menschen im 30-jährigen Krieg mit zwei großen Stadtbränden sowie raubenden und mordenden Truppen erlebte, schilderte Irun Kirsch mit dem Kroatenüberfall 1632, der 222 Menschenleben auslöschte und 70 Häuser vernichtete. Dass der Schwedenkönig Gustav Adolf drei Tage in der Stadt gewesen und diese immer wieder von marodierenden Truppen überfallen worden sei, machte sie das Grauen des „europäischen Krieges“ auf deutschem Boden am Beispiel Neustadts sowie ausgelöschter Dörfer in dessen Umkreis deutlich.

Beklemmende Parallelen

Das Elend zitierte sie aus dem Schilderungen eines englischen Geschichtsschreibers, den fast zu Tode gehungerte Kinder vor zerstörten Häusern so erbarmten, dass er sich um Nahrungsmittel für die Stadt bemühte. Im Zuhörerkreis verband sich dies beklemmend mit aktuellen Bildern des Kriegsgeschehens etwa in Syrien und ließ so das geschilderte Elend bildhaft werden. Irun Kirsch berichtete von der über Generationen dauernden Rückkehr zum normalen Leben in der mühsam wieder aufgebauten Stadt, in der das zweimal niedergebrannte Rathaus 50 Jahre „in den Aschen“ gelegen hatte, mit der Bewunderung der enormen Leistung der Überlebenden.

Spannend wurde es für die zahlreichen Wanderer auf den Geschichtspfaden, als diese in Neustadts geheimnisvolle Unterwelt führten, in der die Fantasie geweckt wurde, wie sich die Menschen vor den Feinden in ein Gängelabyrinth flüchteten das vom großen Lagergewölbe unter dem mächtigen „Kastenbau“ am Nürnberger Tor bis zum Marktplatz geführt haben soll. Genaue Aufzeichnungen über deren Verlauf gebe es nicht, sah Irun Kirsch noch Forschungsbedarf. Sie würdigte die enorme Leistung freiwilliger Kräfte um dem umtriebigen Steinmetz Guntram Gust, die tonnenweise Schutt aus Gewölben und Gängen geschafft und so ein spannendes Kapitel der Neustädter Geschichte zugänglich gemacht hatten. Dieses zu erforschen und mehr auf die mit ihm verbundenen menschlichen Tragödien einzugehen, waren die Besuchergruppen zu groß.

Breites Angebot gut angenommen

Weitere Führungen befassten sich im „Tag des offenen Denkmals“ mit der Zuwanderung von Heimatvertriebenen des Zweiten Weltkrieges und den Impulsen für die Wirtschaft und das gesellschaftliche Leben, mit Geschichten erzählenden Denkmalen, Amtsgebäuden und Bürgerhäusern sowie mit Kirchen und Glauben. Großen Zuspruch fand die Kirchenführung in der Evangelischen Stadtkirche ebenso wie der seltene Blick in die Kirchenbibliothek. Und über viele Besucher konnte man sich in den „Museen im Alten Schloss“ mit der Finissage der Kunstausstellung rund um die Bienen oder im Nürnberger Tor mit der gastfreundlichen Neustädter Geißbockgesellschaft freuen. 

Im nächsten Jahr das vielfältige Angebot zeitlich besser zu koordinieren und auch aufzubereiten, kam der Wunsch zum Ausdruck und mochte eine Bad Windsheimer Broschüre Ansporn dazu sein. 

Harald J. Munzinger

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