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"Fremde in Franken": Ausstellung beleuchtet Migration

Schau läuft bis zum 30. April im Neustädter Markgrafenschloss - 20.03.2017 17:10 Uhr

Die Ausstellung „Fremde in Franken – Migration und Kulturtransfer“ des Bezirks Mittelfranken stieß bei der Eröffnung im Neustädter „Markgrafgenmuseum“ auf sehr großes Interesse. © Harald Munzinger


Im Festvortrag zur Ausstellungseröffnung im überfüllten Markgrafensaal der Neustädter Schlossmuseen machte Bezirksheimatpflegerin Dr. Andrea Kluxen deutlich, dass "Franken mit seiner historisch kleinteiligen Struktur nie ein homogener geschlossener Raum und daher offener und mithin stärker von Wanderungsbewegungen geprägt war, als andere Regionen". Es sei immer wichtig, "sich dieser Geschichte und Kultur in all ihren Dimensionen zuzuwenden, um die Gegenwart zu begreifen und die Zukunft gestalten zu können". 

 Dass dazu die Ausstellung einen wertvollen Beitrag leisten kann, zeigten sich Landrat Helmut Weiß und Erster Bürgermeister Klaus Meier ebenso überzeugt, wie die Vorsitzende des Geschichts- und Heimatvereins, Carola Kabelitz, die Kluxens exzellenten Überblick über die wichtigsten Wanderungsbewegungen nach Franken und ihre Folgen würdigten. Mit von den "Stadtpfeifern" gespielten "Fränkischen nicht nur für Franken" und "Reichenberger Rauchwürsten", mit denen Vertriebene nach dem zweiten Weltkrieg ein Stück alte in die neue Heimat gebracht hatten, wurde der festliche Rahmen gestaltet. Kluxen nahm Bezug zur aktuellen politischen Diskussion über Migration und Integration, die den Eindruck erwecke, "dass die diesbezüglichen gegenwärtigen Herausforderungen eine historische Ausnahmesituation wären" und machte deutlich: "Zuwanderung ist kein isoliertes Phänomen unserer Tage, auch keine Ausnahmeerscheinung in der Geschichte, sondern prägende Erfahrung aller Generationen".

Die Vorsitzende des Geschichts- und Heimatvereins, Carola Kabelitz, würdigte den exzellenten Festvortrag von Bezirksheimatpflegerin Dr. Andrea Kluxen (r.). © Harald Munzinger


Es habe "schon immer grenzüberschreitende Wanderungen von Einzelnen wie von Gruppen gegeben", hätten "Menschen aus ökonomischen, sozialen und politischen Gründen ihre Heimat verlassen und anderswo einen Neuanfang gewagt". Kulturen seien keine monolithischen Einheiten, sondern von vielfältigen Mischungen, Überlagerungen und Einflüssen bestimmt, so Dr. Andrea Kluxen. Migranten hätten denn auch "mit ihren Kulturelementen und Fertigkeiten zur kulturellen Genese unserer Heimat beigetragen und diese mitgeprägt". Da Franken nie eine territoriale Einheit gewesen sei, habe sich dies hier noch verstärkt. Wem sei schon bewusst, dass man Spargel und Wein, Karpfen und Kohl, Garten und Obstanbau oder Bauwesen und Straßenbau den Römern verdanke, die vor über 2000 Jahren als Eroberer gekommen seien und auch heute noch Recht auf der Grundlage des römischen Rechts gesprochen werde? Orts- und Gewässernamen stammten noch von den hier zu Völkerwanderungszeiten im Frühmittelalter zugewanderten slawischen Siedlern.

Franken kamen einst selbst als Fremde

 Die Bezirksheimatpflegerin wies darauf, dass „selbst die Franken als Fremde nach Franken kamen und dem Landstrich den Namen gaben“. Handwerk, Gewerbe und Handel seien schon seit dem Mittelalter wesentlich durch Migranten geprägt. Aber wer denke schon beim Besuch eines Cafés daran, dass das erste Kaffeehaus Süddeutschlands 1697 (!) in Würzburg von einem türkischen Migranten eröffnet worden war? Die Ursachen von Migration seien unterschiedlich, hätten sich über Jahrhunderte wiederholt und überlappt, wie es Dr. Kluxen im fundierten Beitrag mit einigen für Franken relevanten Migrationsformen und -gruppen deutlich machte.

 Einen Schwerpunkt ihres Festvortrages bildete die Zwangsmigration durch Flucht und Vertreibung von rund 12 Millionen deutscher Staatsbürger und Minderheiten nach dem Zweiten Weltkrieg. Bayern sei das Hauptaufnahmeland der geflüchteten und vertriebenen, in der Regel katholischen Sudetendeutschen gewesen. Um 1950 sei jeder fünfte Einwohner in Bayern ein Flüchtling oder Heimatvertriebener gewesen. Die Hauptlast habe der weniger zerstörte ländliche Raum getragen, der etwa drei Viertel der Flüchtlinge aufgenommen habe. Allerdings hätten viele von ihnen infolge fehlender beruflicher Möglichkeiten in den kleinen Gemeinden in Ballungsräume oder Mittelstädte abwandern. 

 Niemand sei auf die Flüchtlingsströme vorbereitet gewesen, schilderte Kluxen die dramatische Lage mit einem Anteil Heimatvertriebener von 44,5 Prozent im Altkreis Neustadt und gar 51,1 Prozent im Landkreis Scheinfeld. Etwa die Hälfte von ihnen sei in Lagern untergebracht, die andere bei Einheimischen einquartiert worden. Gegen deren heftige Gegenwehr, da finanzielle Einbußen und Überfremdung befürchtet worden seien. Die Integration sei allerdings relativ schnell erfolgt, zumal die Flüchtlinge Deutsche mit vollen staatbürgerlichen Rechten gewesen und Arbeitskräfte für den wirtschaftlichen Aufbau gebraucht worden seien. 

Industriealisierungsschub für Bayern 

 Die Neubürger hätten neue Produktions- und Gewerbezeige mitgebracht – was eine integrierte Ausstellung „Fremde in Neustadt“ anschaulich dokumentiert (nn-online berichtete) – und damit einen Industriealisierungs- und Modernisierungsschub nach Bayern gebracht, wesentlichen Anteil am Wandel vom Agrar- zum Industriestaat gehabt. Besonders starke beschäftigungspolitische Effekte machte Dr. Andrea Kluxen in Mittelfranken für den Landkreis Neustadt/Aisch aus, in dem 29 Vertriebenenbetriebene entstanden seien: "So ist auch die Stadt Neustadt durch Heimatvertriebene, Sudentendeutsche, geprägt, brachten diese doch den Musikinstrumentenbau und die Textilindustrie an die Aisch". 

 Kluxen zog den Schluss, dass sich die Voraussetzungen für Integration nicht verändert hätten: "Es geht um kulturelle, ökonomische und soziale Integration, also um Sprache, Teilhabe an Wirtschaft, Arbeitsmarkt, gesellschaftlichen Leben sowie um allgemeine Werte und Normen". Die eigentliche Integration aber sei immer die kulturelle und zwar für beide Seiten. Denn durch diese entstehe kultureller Austausch, der die eigene kulturelle Identität präge, ebenso die Kultur der aufnehmenden Gesellschaft beeinflusse und verändere, "was in der Geschichte vielfach zu beobachten" sei.

Aus der Geschichte lernen

 Diese wiederhole sich nicht, aber man könne aus ihr lernen, so die Bezirksheimatpflegerin: "Denn die Geschichte von Migration und Integration, die dabei zu Tage tretenden Mechanismen können durchaus mit gegenwärtigen Erscheinungen in Beziehung gesetzt werden, auch wenn diese heute vielschichtiger sind". Sie könne den Blick für die Gegenwart schärfen und zu mehr Verständnis im Umgang mit Zuwanderern führen. Die aufnehmende Gesellschaft könne "lernen, dass Migration und Integration nichts Neues ist, keineswegs furchteinflößend, sondern bereichernd für Gesellschaft, Kultur und Wirtschaft sein kann". Dabei könne der landesgeschichtliche Ansatz helfen, Wurzeln aufzuspüren, Migration in der Geschichte der Region bewusst zu machen, womit sich viele reale und scheinbare Probleme lösen ließen.

 Dazu kann der Besuch der Ausstellung im Markgrafenmuseum beitragen, zu dem jeden Mittwoch, Freitag, Samstag und Sonntag von 14 bis 17 Uhr bei freiem Eintritt eingeladen wird. Das große Interesse bei der Ausstellungeröffnung bestätigte Gastgeberin Carola Kabelitz das Bemühen, die ausgezeichnete Dokumentation nach Neustadt zu holen. 

Harald J. Munzinger

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