Freitag, 22.03.2019

|

#FridaysForFuture in Neustadt: Es gibt keinen Plan(et)B

Bis zu 300 Schüler waren bei der Demo dabei - 15.03.2019 19:13 Uhr

Marc Langel aus einer Initiativgruppe, die schulübergreifend zum „Friday for Future“ aufgerufen hatte, freute sich über die stattliche Zahl von Schülerinnen und Schülern, die sich der Demonstration nach dem Unterricht anschlossen. Diesen Termin hatte man in Neustadt bewusst gewählt, um die „Schulschwänzer-Debatte“ erst gar nicht aufkommen zu lassen. Rund 250 bis 300 Jugendliche setzten nach Veranstalterschätzung damit ein deutliches Zeichen, dass es ihnen „nur um die Sache junger Menschen geht, die sich Sorgen um die Zukunft machen - um die des Planeten, unsere eigene und vor allem, um die unserer Kinder“.

Bilderstrecke zum Thema

#FridaysForFuture war auch in Neustadt aktiv

„Wir sind hier, wir sind laut, weil ihr uns die Zukunft klaut“ skandierten rund 250 Jugendliche bei der ersten Freitagsdemo für den Klimaschutz in Neustadt. An diesem Freitag waren die Demonstrationen besonders groß: Schüler aus über 120 Ländern waren am Freitagmittag auf den Straßen unterwegs, in Deutschland in insgesamt 222 Städten. Darunter finden sich Nürnberg und Erlangen, auch Neustadt/Aisch, Herzogenaurach und Weißenburg, wo junge Menschen und viele Erwachsene für besseren Klimaschutz demonstrierten.


Und dass sie es anders machen wollen, als eine festgefahrene Politik, mit der es bei den bereits deutlichen Folgen des Klimawandels nicht weitergeht, wie es Marc Langel zum Auftakt der Aktion am Schulzentrum beklagte. „Schön, dass ihr es anders macht, aufsteht und auf die Straße geht“, rief er der großen Teilnehmerkulisse mit ihren Transparenten zu, auf denen sie ihre Forderungen ebenso deutlich machte, wie in Sprechchören für den „Klimaschutz jetzt!“ Dass man es sogar in einer Kleinstadt wie Neustadt geschafft habe, Menschen auf die Straße zu holen, zeige, so Langel, „dass die Zukunft erst noch geschrieben werden muss“.

Hopp, hopp Kohlestopp“

Eine Regenpause begünstigte den von der Polizei begleiteten Zug vom Schulzentrum durch die Altstadt mit einer Schleife vorbei an der Mittelschule zum Marktplatz. „Hopp, hopp Kohlestopp“ hallte es durch die Gassen und „wir sind hier, wir sind laut, weil ihr unsere Zukunft klaut“. Für diese werde man so lange demonstrieren, bis man endlich gehört werde und etwas geschehe, wie es in großer Runde vor dem Rathaus von vielen Rednerinnen und Rednern mit der Kraft der Gemeinschaft beschworen wurde. Einen Finger könne man brechen, aber fünf seien eine Faust, die einer der Demonstranten als Symbol des eisernen Willens zeigte, mit dem eine verheerende Klimakatastrophe abgewendet werden soll.

Dass die meisten wüssten, was der Klimawandel sei, aber nur die wenigsten wirklich verstünden, welches Ausmaß die Klimakatastrophe habe, „auf die wir gerade zusteuern“, beklagte es Anne Mertel. Mit etwa zwei Dutzend Schulfreundinnen und -freunden hatte die 16-Jährige schon bei „FridaysForFuture“ in Nürnberg oder Nürnberg mitdemonstriert und die Demo in Neustadt organisiert, mit der ebenfalls die Folgen des Klimawandels bewusst gemacht werden sollten, die schon in den Wetterextremen spürbar würden. Sollte der Klimawandel ungebremst anhalten, mochte sich Anne bei einer Erwärmung um weitere drei bis vier Grad in „ihrem“ Jahrhundert die Folgen lieber nicht vorstellen.

Von Menschen nie erlebte Klimaumstände

Da man diese aber leider erleben müsse, stimmten ihr die Demonstranten zu, „darauf verständlicherweise nicht so viel Lust zu haben“. Schließlich stellten Forscher die Theorie auf, dass sich die Erde bis 2100 so stark erwärmen könne, dass die Temperaturen denen vor rund 50 Millionen Jahren entsprächen, als es zum Massensterben vieler Tiergruppen gekommen war. Da es den Menschen erst seit rund 200.000 Jahren gebe, wäre er dann Klimaumständen ausgesetzt, „die keine menschliche Gesellschaft je erlebt hat“.

Grund genug für Anne Mertel und weltweit Millionen Demonstranten, alles zu tun, um eine konsequente Klimapolitik zu bewirken und damit die eigene Zukunft zu retten. Dazu sei es erforderlich, die Treibhausgasemissionen auf Nettonull zu senken, wozu eine 100-prozentige Energiewende hin zu erneuerbaren Energien ebenso ein wichtiger Schritt wäre, wie ein klimaneutraler Personen-und Warentransport und entsprechender Wandel auch in der Landwirtschaft. Des Weiteren fordere man eine Treibhausgas-Bepreisung für Unternehmen, denn nur so könne ein Umdenken weg vom reinen Wirtschaftswachstum erfolgen, das die Grenzen des Planeten berücksichtige, führte Anne Mertel immer wieder lautstark von den Demonstranten bestätigt aus.

Es gibt keinen Plan(et)B

Mit denen stimmten sie und weitere RednerInnen darin überein: „Weil es die Mächtigen dieser Welt anscheinend nicht auf die Reihe kriegen, dafür zu sorgen, dass die kommenden Generationen auch noch auf diesem Planeten leben können, streiken und demonstrieren wir so lange weiter, bis gehandelt wird“. Schließlich gibt es ja „keinen Pan(et)B“, wie plakativ dazu ermahnt wurde. Viel Vertrauen in die aktuelle Bundespolitik – „lauter alte Leute“ – hatte man unter den Demonstranten nicht, die deshalb bei der Wahl 2021 genau hinschauen wollen, wer sich für den Klimaschutz einsetzte, und diesen dann „selbst in die Hand nehmen“ wollen. Klar, dass dabei große Herausforderungen zu bewältigen sein werden, „es bringt aber nichts, seine Probleme weiter vor sich herzuschieben“, wurde Anne Mertel mit dem lautstark skandierten „Klimaschutz jetzt“ bestätigt.

Auf Politik massiven Druck ausüben

Da es absehbar sei, dass Deutschland das Klimaziel krachend verfehlen werde, sieht sich die Jugend in der Pflicht, massiven Druck auf die Politik auszuüben, da sie sich von ihren Kindern nicht fragen lassen will, warum man nichts gegen die Katastrophe getan habe. Dass dieses Engagement von Schulen sanktioniert werde, wurde von der Jugend mit heftigem Unmut quittiert, der sich auch auf FDP-Chef Linder entlud, der ihr das Recht abgesprochen hatte, sich ernsthaft für den Klimaschutz einzusetzen.

Mit ihrer Unterschrift unter eine entsprechende Petition 12.000 Wissenschaftler hinter sich wissend, sah man Lindner im Abseits, allerdings den Weg in eine sichere Zukunft durch „Ewig Gestrige, Politikkader und Lobbyisten“ erschwert. Sich davon nicht entmutigen zu lassen und „die Steine auf dem Weg in unsere Zukunft wegzuräumen“, zeigte sich die Jugend entschlossen. Dass sie stärker sei, als sie denke, wurde ihr von älteren Beobachtern ihrer Aktion bestätigt. Und auch dass sich ihr Einsatz lohnen könne, wie es eine 33-Jährige schilderte, die von den Eltern im Kinderwagen zu den Großdemos gegen die Wiederaufbereitungsanlage Wackersdorf geschoben worden war und nun mit ihrem Kind auf dem Arm an diesem bedeutungsvollen „Tag der Umwelt“ mit ihrem Zuspruch einer mutigen Jugend den Rücken stärken wollte.

Die zeigte sich auch selbstkritisch mit dem Appell, dem Klimaschutz nicht nur zu fordern, sondern auch selbst etwas dafür zu tun. Sie wäre es also damit, häufiger mit dem Rad zur Schule zu fahren, als sich vorfahren zu lassen. Ferner gab es Anregungen auch zum umweltbewussten Einkauf. Weitere Pläne für Freitagsdemos in Neustadt gibt es aktuell nicht. Dass man dennoch konsequent am Ball bleiben wird, steht für Anne Mertel und Marc Langel mit ihrem Team fest. Schließlich will man nicht glauben, dass ein intelligentes Lebenswesen seine eigenen Lebensgrundlagen zerstört. 

Harald J. Munzinger

Seite drucken

Seite versenden



Um selbst einen Kommentar abgeben oder empfehlen zu können, müssen Sie sich einloggen oder sich zuvor registrieren

Ihr Kommentar

Ihr Kommentar:

Bitte beachten Sie unsere Netiquette.

weitere Meldungen aus: Neustadt