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Sonntag, 17.02.2019

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Genuss für alle Sinne

Theatercollagen und Gaumenschmaus bei neuer „Spielraum“-Produktion
  - 11.02.2019 14:42 Uhr

Wer kennt sie nicht, die drangvolle Enge in U-Bahnen. Beklemmende „Stadtgeräusche“ werden ausdrucksstark in Szene gesetzt. © Harald Munzinger


In dem wie für ein besonderes Theatererlebnis geschaffenen Saal des Birnbaumer Landgasthofes „Hammerschmiede“ spielte sich das Leben inmitten der Gäste ab, die in das Geschehen einbezogen waren und es aus buchstäblich verschiedenen Perspektiven betrachteten. Dafür sorgten nicht nur die mal heiter dargebotenen Sequenzen „mitten aus dem Leben“, mal dessen dunkleren Seiten, sondern auch die wechselnden Standpunkte seiner Betrachtung.

Nach köstlichen Antipasti eröffneten Interviews das Lebenskaleidoskop, das Mayet Gressenberger und Astrid Baugut sowie ihr Ensemble mit vielen bunten Splittern füllten und mit Musik, Gesang, Tanz sowie Spielszenen drehten. Dabei wurde auch mit der Gefühlswelt der Zuschauer „gespielt“, etwa wenn nach quirligen „Presseszenen“ esoterische Musik erklang und Räucherstäbchen ihren Duft verbreiteten oder nach den Sinnfragen „warum wir leben“ ein Tango den „ersten Akt“ beschloss.

Beim Hauptgang mit Lamm, Putengeschnetzeltem oder Tortellini bot sich Gelegenheit, mit den kulinarischen Genüssen das Geschehen auf der improvisierten Bühne nachwirken zu lassen. Dann hieß es die Gästeblöcke zu wechseln, um „einen Sack voll Leben“ – genauer gesagt damit prallgefüllte Rucksäcke als „Reisebegleiter“ zu dessen vielfältigen Stationen – aus anderer Perspektive zu verfolgen. Wie ein König im Höhenflug der Glücksgefühle einmal deren sein Volk beherrschende Gegenseite kennenlernen wollte und sich, dem Expertenrat folgend, in dessen Welt wiederfinden sollte.

Doppeldeutige Sprachlosigkeit

Das Auseinanderleben eines Paares, dem „die Liebe abhandengekommen ist“ wurde zur Pantomime in der doppeldeutigen Sprachlosigkeit erzählt und mit Klaviermusik gefühlvoll unterlegt, bei der mit Patrick Hevr ein exzellenter Pianist die schwarz-weißen Tasten des Lebens anschlug. Als ebenso versierter musikalischer Begleiter durch den Abend mit seinen Genüssen für alle Sinne erwies sich Adrian Baugut, der mit Martin Schlenz und Maximilian Boy auch für die Technik verantwortlich zeichnete, die das Geschehen „ins rechte Licht“ rückte.

Nach einer kurzen mit Chopin „überspielten“ Pause ging es in das letzte Drittel der „Collagen“ mit einem Dutzend Lebensbildern. In dem mochte sich vielleicht manch ein Zuschauer mit der Rolle des Mannes identifiziert haben, der nach ausgiebiger Shoppingtour seiner Frau, ihr genervt auch noch in ein Modegeschäft folgen muss. Seltener mag man dabei von einem hübschen jungen Wesen aus der Verzweiflung um das verpasste Fußballspiel gerissen werden, das sich später als gerissene Diebin erweisen sollte. Und mittendrin im U-Bahn-Gedränge konnte man sich beim guten Schoppen oder kühlen Pils auch gefühlt haben.

Albtraum: „Mehr Schranken als Wege“

Bei genauerem Hinsehen werden bei dem auf der Glückswellen schwimmenden König allerlei Mängel entdeckt. Ein Spiegelbild. © Harald Munzinger


Und das zum Glück fernab beklemmend dargestellter quälender Stadtgeräusche, in denen man auch schon mal von einem Junkie „um einen Euro“ gebeten wurde. Ehe mit einer „Rucksackperformance“ der „rote Faden“ des Theaterabends, sinnbildlich für das „Bündel, das jeder auf seine Weise zu tragen hat“, endet, wird an ihm das Bedrückende der Welt mit „mehr Schranken als Wegen und Mauern statt Brücken“ blitzlichtartig in einem Gefühlsgewitter aufgeknüpft. „Weck mich auf“ hallt der Hilferuf zur Befreiung aus diesem Albtraum durch den Theatersaal.

Das Publikum hingegen hätte sicher nach dem Dessert gerne noch mehr vom „Spiel-Traum“ des „Spielraum“-Ensembles genossen, das auch „Spiel-Spaß“ heißen könnte, mit dem es den außergewöhnlichen Theaterabend gestaltete. Die Idee für die „Perspektiven“, wie das neue Projekt des 2012 gegründeten Theatervereins überschrieben ist, hatten Astrid und Mayet Gressenberger, die auch Regie führte und sich aktiv in das wechselvolle Geschehen einbrachte. An dessen einfallsreicher Ausgestaltung wirkten Birgit Beuschel, Charlotte und Gaby Dümmler, Matthias Wörlein, Iris und Sally Reichel, Obai Hamod, Britta Pauli, Alisa Baugut sowie Miriam und Michael Trautner im eingeschworenen Ensemble mit, das es versteht, mit wenig Requisiten Fantasiewelten zu entwickeln.

Im Dinner-Theater hatte es nach unterschiedlichen Eigenproduktionen von der „Geißbock-Sage“ über die „Mission Götterfunke“ bis zum Märchensommer schon mit einem Krimi oder einem mystischen „Mittelalter-Bankett“ schon Erfahrungen. Nun präsentierte es mit den „perspektivischen Collagen“ eine ganz neue Idee für einen unterhaltsam-geistreichen Abend, der für das vielfältige Leben und die individuelle Wahrheit neue Blickwinkel eröffnen sollte. Ein gelungenes Experiment, wie es die Begeisterung im Publikum als beste Empfehlung für die weiteren Aufführungen am 15. und 16. Februar, ebenfalls im Theatersaal der „Hammerschmiede“. In dem ist mit einem „genussvollen Theaterabend“ nicht zu viel versprochen!

Astrid Baugut und Mayet Gressenberger konnten sich mit dem Ensemble nach der erfolgreichen Premiere über viele sehr positive Rückmeldung vom Publikum freuen: Von tiefgründig bis unterhaltsam und anspruchsvoll sei für jeden etwa was dabei. Und einige Gäste dankten für so manche Denkanstöße. Auch der Platzwechsel zwecks der neuen Perspektive sei bei den Zuschauern sehr gut angekommen! Und der Live-Gesang sowie die Klaviermusik wurden als „eine große Bereicherung“ empfunden!

  

Harald J. Munzinger

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