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Langenfeld feiert Künstler Paulo Reutters 90. Geburtstag

"Du bist eine echte Bereicherung für unser kleines Dorf" - 06.08.2017 10:47 Uhr

Bürgermeister Reinhard Streng und stellvertretende Landrätin Gisela Keller beglückwünschten Paulo Reutter (v. l.) und bewunderten mit zahllosen Gästen das überwältigende Lebenswerk des vitalen 90-Jährigen in seiner Geburtstagsausstellung. © Harald Munzinger


Allen voran stellvertretende Landrätin Gisela Keller, die Bewunderung und Wertschätzung seitens des Landkreises zum Ausdruck brachte, und Erster Bürgermeister Reinhard Streng, der mit Paulo Reutter und seiner Geburtstagsausstellung Langenfelds Leitsatz eindrucksvoll belegt sah: "Nahrung für Geist und Seele – Kunst verbindet Menschen in unserem Dorf".

Kunstausstellungen solchen Kalibers dürften eher selten in kleinen Dörfern stattfinden, waren sich Bürgermeister und Gästeschar einig und Laudator Dr. Mück unterstrich mit der Feststellung des "stimmigen Gesamtkunstwerkes" von Haus, Hof und Scheune diese Exklusivität Langenfelds, dessen Musikverein dem alle Würdigungen bescheiden annehmenden Jubilar flotte Geburtstagsständchen darbot und auch der Gesangverein musikalisch gratulierte.

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Die große Geburtstagsgalerie von Paulo Reutter

Ein kleiner Ort und ein großer Künstler wurden als seltene Verbindung mit einer großen Geburtstagsgalerie von Paulo Reutter gefeiert. Der genoss mit dem ihm eigenen bescheidenen Lächeln zahllose Glückwünsche zum 90. und zu seinem "stimmigen Gesamtkunstwerk", als das sein Anwesen in Langenfeld gilt: Vom Fensterbrett über den Hof bis in den Spitzboden der Scheune Bilder und Skulpturen wohin das Auge schaut. Symbol dafür ist die Farbpalette mit Pinseln als Winddreher. Und frischer Wind weht noch immer durch das Atelier des unermüdlichen Künstlers mit stürmischer Schaffensfreude und Kreativität.


Streng würdigte, was Reutter "mit größter Selbstverständlichkeit" schon für den Ort geleistet habe, wobei seine themenbezogenen und künstlerischen Beiträge zu allen "Tagen der Langenfelder Dorfkultur", der für die Dorfjugend zur Verfügung gestellte Raum, seine Holzskulpturen im Ort oder ein der Gemeinde gespendetes Biotop nur einige Beispiele sein sollten.

"Du warst und bist etwas Besonderes. Du bist eine echte Bereicherung für unser kleines Dorf", führte der Bürgermeister dankbar für Reutters "Verbundenheit mit unserer dörflichen Gemeinschaft aus. Dass diese stolz ist, ihn als Kunstschaffenden in ihren Reihen zu haben, sollte der nach ihm benannte Dorfbrunnen zum Ausdruck bringen, für den Paulo Reutter die Motive getöpfert hatte."

Faszinierende Vielfalt

Den teilweise weit angereisten Gratulanten – unter ihnen Freunde aus Reutters zweiter badischer Heimat – standen Haus, Hof und Scheune mit Atelier für die Geburtstagsausstellung offen, die für Bürgermeister Reinhard Streng ausdrucksstark belegen sollte, dass Kunst von Können kommt, dessen Vielfältigkeit schon mehrfach bei Reutter-Galerien faszinierte, der Maler, Bildhauer, grafische und plastische Gestalter "in keine gängige Kategorie einzuordnen ist", wie es Dr. Wolfgang Mück als langjähriger Freund in der Laudation auf "den wilden Alten" ausführte, als der sich Paulo Reutter selbst mit dem verschmitzten Lächeln eines Lausbuben bezeichnet.

1927 in Sao Paulo geboren sei er schon in früher Jugend mit der Freude an Farben und Formen von der Kunst inspiriert gewesen, habe aber auf Wunsch des Vaters das Handwerk des Möbelschreiners (zusätzlich auch  des Tischlers) erlernen müssen und erst mit dem Gesellenbrief in der Tasche das Studium an der Akademie der Bildenden Künste in Nürnberg beginnen können.

Stets auf der Suche nach neuen Ausdrucksformen hat Reutter bei aller Vielfalt seines künstlerischen Schaffens an der Staffelei oder an der Töpferscheibe sowie mit dem Schnitzwerkzeug einen seine Bilder und Skulpturen prägenden Stil einer besonderen Eindringlichkeit entwickelt. Beeinflusst von seinen starken humanitären Wirken und bewussten politischen Einmischen gegen Hass und Gewalt, womit nach den Ausführungen Mücks "Spiegelungen unserer Zeit" entstanden seien.

Die Figurengruppe um Don Quijote ist das jüngste Beispiel der anhaltend sprühenden Kreativität und Schaffensfreude Reutters. © Harald Munzinger


Der Wille Reutters, der nach eigenen Worten ohne Kunst nicht leben kann, zu immer neuer Selbstbestätigung führe den Künstler zu immer neuen Werken, hatte Dr. Mück zu dessen 80. Geburtstag in einem umfassenden Portrait in den "Streiflichtern" zur Neustädter Heimatgeschichte geschrieben und seine anhaltende Vitalität bewundert.

Diese lasse erwarten, dass man sich "zu einer weiteren Hommage für den Maler und Zeichner, den Lithographen, Bildhauer und Keramiker, Glasbildner, Linolschneider, Batikkünstler und Buchillustrator Paul Reutter" treffe, sah sich Mück zehn Jahre später bestätigt und war überzeugt, dass der Künstler die Hände noch lange nicht in den Schoß legen werde, was dieser vital bestätigte.

Seine im letzten Jahr entstandene Figurengruppe um Don Quijote, den Ritter der traurigen Gestalt, zu der ihn ein Bericht zum 400. Todestag von Miguel de Cervantes inspiriert hatte, mochte dies eindrucksvoll belegen. Bestaunt von den zahlreichen Besuchern der in ihrer Vielfalt einmal mehr überwältigenden "Geburtstagsgalerie", die ein sehr langes Ausstellungsverzeichnis ergänzt, zuletzt zum 80. Geburtstag in der "Galerie in der Sparkasse". "Arbeiten im öffentlichen Raum" schuf er unter anderem mit dem Brunnen am Landratsamt Neustadt, mit dem Langenfelder Wappen anlässlich der Rathauseinweihung oder den bleiverglasten Glasfenster am Reiterhof Heilbronn.

Die Freude Reutters, Kunst zu vermitteln, Fantasie und kreatives Gestalten zu fördern, dokumentieren in seinem Anwesen etliche Arbeiten von Kinderhand, wie etwa eine vom Kinderchor geschaffene große Krippe oder der figürlich inszenierte Brauch des Kirchweih-Hammelschießens. Zwischen alledem genoss ein zurückhaltend bescheidener Künstler Glückwünsche und Bewunderung ohne große Geste, dafür mit spitzbübischem Schmunzeln und der überzeugenden Vitalität, dass er die Welt weiter auf seine ganz eigene Art reflektieren wird. Mal mit einem Schuss Satire, stets mit sprühender Fantasie, vielfach mit ungeschminkter Reflektion der Zeitgeschichte aus kritischer Perspektive. 

Harald J. Munzinger

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