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29. Dezember 1965: "Streunerle" suchen ein Zuhause

Zum Jahresende quillt das Tierheim förmlich über - 29.12.2015 07:00 Uhr

Vom winzigen Herbstkätzle bis zum ausgewachsenen Kater ist alles um den Tiernapf versammelt, was im Katzenbau seinen Unterschlupf hat. Fast alle hatten ein böses Landstreicherleben hinter sich, ehe sie im Heim abgegeben wurden. Ihr Los ist oft trauriger als das der Hunde.

Vom winzigen Herbstkätzle bis zum ausgewachsenen Kater ist alles um den Tiernapf versammelt, was im Katzenbau seinen Unterschlupf hat. Fast alle hatten ein böses Landstreicherleben hinter sich, ehe sie im Heim abgegeben wurden. Ihr Los ist oft trauriger als das der Hunde. © Ulrich


Doch wollte man die Laute deuten, so verstünde man gewiß nur wenige freudige Ausrufe. Die meisten der Tauben, Hunde und Katzen dort draußen sind herrenlos – und das gerade um diese festliche Zeit, wenn den meisten Menschen das Herz schier überquellen will vor lauter Gutmütigkeit.

Denn mit dem Jahresende kommt auch die fällige Hundesteuer, vor der sich nicht wenige Herrle und Fraule durch drastisches Davonjagen des einst oft verhätschelten Hausgenossen selbst befreien. Als letzte Instanz bleibt für große und kleine Streuner nur das Tierheim.

„Herberge zur Heimat“, sagt sarkastisch sogar der 1. Vorsitzende des Tierschutzvereins Fürth, Josef Deuber, wenn er das Vereinsheim kennzeichnen will; „Tierasyl“ erklärt ein Veterinärmediziner. Alle Liebe des Heimwärter-Ehepaares macht nämlich eines nicht wett: die Baufälligkeit des Hauses, das als Provisorium seit 17 Jahren mehr schlecht als recht den Unbilden der Witterung trotzt.

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Seit dem Welttierschutztag 1960 trägt sich der Tierschutzverein Nürnberg-Fürth mit Baugedanken. Sie sind über das Stadium des Wünschens und Projektierens nicht hinausgekommen. Außer unzähligen amtlichen Schriftstücken, einem Lageplan und dem bereits arrondierten Grundstück am Mühlweg in der Nähe der Kriegsopfersiedlung kann der Verein seinen 2.500 Mitgliedern in Nürnberg und den 850 in Fürth noch nichts vorweisen. Der Vorstand hat den beiden Städten, mit denen er gemeinsam das Unternehmen zum glücklichen Ende führen will, zwar recht ansehnliche finanzielle Beiträge nennen dürfen, doch ist bis heute noch nichts Rechtsverbindliches zustande gekommen.

Beide Seiten lassen es nicht am guten Willen fehlen, zumal jedem Einsichtigen die schlechte Unterbringung der Tiere in ihren baufälligen Boxen ein Ansporn ist, sich für das neue Haus tatkräftig einzusetzen. Sobald der Tierschutzverein von der Stadt Fürth eine verbindliche Zusage erhalten hat, in welcher Höhe sie sich an den Baukosten beteiligen will, sobald der Bauordnungsbehörde der Stadt Nürnberg der genaue Bauplan mit Grundrissen, Ansichten und Schnitten eingereicht worden ist, können sich die „Weisen“ vom Nürnberger und Fürther Stadtregiment zusammensetzen.

Indessen rühren die Tierfreunde alljährlich die Werbetrommel und sehen voller Freude gute 9.000 DM in die Tombolakassen einer „Kampagne“ fließen. Sie haben Großes vor: ein modernes Haus für ihre vier- und zweibeinigen Freunde im Fell, Pelz und Federkleid. Auf dem 10.000 Quadratmeter umfassenden Gelände eines ehemaligen Abbrandplatzes zwischen Wetzendorf, Schniegling und Höfles ahnen sie bereits 60 bis 70 Boxen für Hunde, kleine Häuser für die Katzen, Taubenschläge und sogar Volieren für Fasanen und Großvögel. „Immerhin melden sich bei uns in harten Wintern die Dutzendteich-Enten, weil sie dort draußen keine Nahrung mehr finden“, verteidigen die Tierliebhaber ihre kühnen Pläne, die man andernorts zumeist den Zoologischen Gärten überläßt. Hier möchte der Verein gar eine kleine Röntgenstation für seine Pfleglinge.

Was immer im vereinseigenen Kleinbus vorgefahren, von ehrlichen Findern eingeliefert oder von tierunwillig gewordenen Zeitgenossen abgegeben wird, gute Pflege, liebevolle Behandlung und ein voller Freßnapf sind ihm sicher. Die meisten Tiere sind herrenlose Streuner, um die sich niemand kümmert – der „Tierschutz“ hat hier seine vordringlichste Aufgabe. Pflegefälle bringen zwar das Geld (2,50 DM pro Tag, wobei es gleich ist, wie lange der zahme Hausgenosse bleibt), doch bei einigem Nachdenken kann eine reiselustige Hundebesitzersfamilie wohl auch jemand anders ausfindig machen, der im Urlaub auf den Bazi aufpaßt.

Ganz böse sind die Tierschützer freilich mit denjenigen, die sich erst einen rassereinen Vierbeiner zulegen, dann aber die Lust an ihm verlieren. „Gerade zum Jahresende haben wir Hochbetrieb, da kann man sich angesichts der Streunerfluten kaum etwas anderes vorstellen, als daß die Nürnberger einfach die Käfigtür auflassen, die Katze davonscheuchen oder den Hund beim Spaziergang aussetzen“, entrüsten sie sich. 

B. S.

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