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3. Januar 1966: Frohgestimmt ins neue Jahr

Nürnberger feiern mit sprühenden Raketen den Jahreswechsel - 03.01.2016 07:00 Uhr

Dicht an die Mauern gedrängt, verfolgten die Gäste der vielen Lokale das Krachen der Feuerwerkskörper. Anschließend tanzte man ins neue Jahr.

Dicht an die Mauern gedrängt, verfolgten die Gäste der vielen Lokale das Krachen der Feuerwerkskörper. Anschließend tanzte man ins neue Jahr. © Kammler


Noch nie zuvor waren so viele teure Raketen dem wolkenbehangenen Nachthimmel entgegengestiegen, so viele bunte Leuchtkugeln über den Dächern aufgeflammt und wieder verloschen. Noch nie zuvor war aber auch die letzte Stunde des alten und die erste des neuen Jahres für diejenigen so friedlich gewesen, die im Dienst bereit waren, in Not- und Unglücksfällen helfend einzugreifen.

Ein schwerer Zwischenfall ereignete sich in einem Lokal in Wetzendorf, wo ein Gastwirtsehepaar von zwei türkischen Gastarbeitern niedergestochen wurde. Der 34jährige Wirt mußte mit Stichwunden im Unterleib, im Oberschenkel und im Nacken ins Krankenhaus eingeliefert werden. Seine 31jährige Frau erlitt Verletzungen an der Schulter.

Nach dem Feuerwerk tanzte man ins neue Jahr.

Nach dem Feuerwerk tanzte man ins neue Jahr. © Kammler


Die meisten Nürnberger warteten daheim im Familien- und Freundeskreis auf die zwölf Glockenschläge der Mitternacht. Aber auch die Tanz- und Vergnügungslokale waren gut besetzt, zum Teil sogar überfüllt. Musiker und Unterhaltungskünstler, Kellner und Serviererinnen gönnten sich kaum eine Verschnaufpause, um ihren Gästen den Abend froh zu gestalten. Etwa zehn Minuten vor 12 Uhr wurden in allen Stadtteilen die Fenster geöffnet, Streichhölzer flammten auf, es krachte und blitzte auf Balkonen, in Gärten und auf den Straßen.

In der Luitpold- und in der Königstraße standen die Menschen in mehreren Reihen eng an die Häuser gedrängt. Aus sicherer Deckung verfolgten sie die Knallerei, die sich zu einem wilden Furioso steigerte. Einige der eifrigsten Schützen schienen gar nicht zu merken, daß sie ihre Jacken in den Lokalen gelassen hatten. Hemdsärmelig steckten sie Raketen auf Parkuhren, die sich als ideale Abschußrampen erwiesen. Nach einer halben Stunde war der Spuk vorbei, 1966 lautstark begrüßt. Die Wolken beißenden Qualmes verzogen sich, ein neues Jahr hatte begonnen.

In den Lokalen feierte man in bester Stimmung weiter, in den Häusern erloschen nach und nach die Lichter. Der Verkehr auf den Straßen nahm zu, Freunde besuchten sich gegenseitig, die Taxifahrer beförderten die ersten Kunden nach Hause.

Um 0.40 Uhr versicherte ein älterer Polizeibeamter seinen Kollegen in der Funkleitstelle im Polizeipräsidium, daß er in den 15 Jahren, in denen er den Jahreswechsel im Dienst erlebe, noch nie so ruhig Silvester gefeiert habe. Bis zu diesem Zeitpunkt war kein größerer Einsatz erforderlich gewesen. Die Erschütterungen durch die Knallerei hatten die Alarmsysteme mehrerer Geschäfte, wie in jedem Jahr, in Tätigkeit gesetzt. Streifenbeamte überprüften sofort die Anlagen und stellten fest, daß die Kontakte nicht durch Gewaltanwendung ausgelöst worden waren.

Die Ausnüchterungszellen waren in der ersten Stunde des neuen Jahres noch leer. Ab 2 Uhr wurde die Funkstreife für alle Fälle verstärkt, aber die Einsätze blieben im üblichen Rahmen. In der Rilkestraße erlitt eine 50jährige Frau durch einen detonierenden Feuerwerkskörper Brandverletzungen im Gesicht. In der Bulmannstraße zertrümmerte ein Kracher die Windschutzscheibe eines abgestellten Autos.

Erfreulich diszipliniert verhielten sich die Kraftfahrer. Der erste größere Unfall ereignete sich um 0.23 Uhr auf der Fürther Straße an der Stadtgrenze, wo sich ein amerikanischer Wagen überschlug.

Nach der langen Silvesternacht wirkten die Straßen am Neujahrstag Mittag fast wie ausgestorben. Angesengte Hülsen von Feuerwerk erinnerten an den nächtlichen Zauber. Wer an Neujahr nicht so ganz munter wurde, konnte gestern noch einen Tag ausruhen. 1966 meint es gut mit den meisten: sie müssen erst am dritten Tag mit der Arbeit anfangen. 

N. W.

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