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6. Juli 1968: Erster Schritt zur Hafenstadt

Sprengladungen gingen am Anfang der Arbeiten bei Maiach-Hinterhof hoch - 06.07.2018 07:00 Uhr

Das Signal zum Beginn der Arbeiten am Hafen ertönt: Sprengingenieur Hans Dreier (rechts) stößt ins Horn, um die Arbeiter im Gelände zu warnen. © Kammler


Der Staatssekretär im Innenministerium, Hugo Fink, und Oberbürgermeister Dr. Andreas Urschlechter zündeten wenige Minuten vor zwölf Uhr mittags die ersten Sprengladungen auf der Großbaustelle Maiach-Hinterhof, auf der in den nächsten drei Jahren 4,5 Millionen Kubikmeter Erde bewegt, 80.000 Kubikmeter Stahlbeton und 1.500 Tonnen Stahl verarbeitet werden müssen. Das 96-Millionen-Projekt soll 1971 schon das Wasser der Großschiffahrtsstraße Rhein-Main-Donau aufnehmen.

Nürnberg erhofft sich von dem Hafen am Schiffahrtsweg zwischen Nordsee und Schwarzen Meer eine neue wirtschaftliche Blüte.

Letzter Blick ins Grüne

Gut ein halbes Jahrhundert lang haben die Stadt und ihre Bevölkerung auf den ersten Sprengschuß für den Hafen warten müssen, der nun endlich im Süden ertönte. Die Zeitumstände haben allzulange verhindert, daß der Wunsch von Generationen wahr wird, Nürnberg an das Netz der Binnenwasserstraßen anzuschließen. Die Prominenz unter den weiß-blauen und rot-weißen Fahnen erlebte es aber gestern mit, wie ein neuer Weg in die Welt erschlossen, wie ein PIan von größter Bedeutung weit über Nürnberg und Mittelfranken hinaus in die Tat umgesetzt wird.

Die Sprengladung geht hoch, nachdem sie von Staatssekretär Fink und Oberbürgermeister Dr. Urschlechter gezündet worden ist. An drei Stellen wird die Erde solcherart „aufgelockert“. © Kammler


Mit einem letzten Blick auf die grüne Decke rund um Hinterhof eröffnete Staatssekretär Fink den Aufmarsch der Baumaschinen, die bald die ganze Landschaft umkrempeln werden. Im ersten Abschnitt entsteht neben der sogenannten Ländeanlage, der ausgeweiteten Großschiffahrtsstraße selbst, ein Becken von 1.200 Meter Länge und 100 Meter Breite, dem später - je nach Bedarf - zwei weitere Becken folgen sollen. Rundum 4,5 Kilometer Umschlagsufer sind, allein im Hafengebiet, zehn Kilometer Straßen und ein Bahnhof mit 16 Kilometer Gleisen nötig. Die Bundesbahn soll das Gefühl bekommen, daß hier ein Bindeglied zwischen Wasserstraße und Schienennetz geschaffen wird. Zwölf Krane mit einer Tragfähigkeit von je acht Tonnen geben das weithin sichtbare Wahrzeichen des Hafens ab.

Nürnberg bezahlt 112,6 Millionen

Der Staatssekretär lobte die Staatsregierung als Hafenbauherr, die Nürnberg und Nordbayern eine so vorteilhafte Einrichtung für das wirtschaftliche Leben bietet. "Die Stadt war verständnisvoll genug, dieses Geschenk des Freistaates Bayern nicht nur mit freundlichen Dankesworten anzunehmen, sondern auch mit Patrizierstolz dazu beizutragen", setzte Hugo Fink hinzu.

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In der Tat übernimmt Nürnberg von den Gesamtkosten des Bauwerks mit 96 Millionen Mark die stattliche Summe von 21 Millionen. Oberbürgermeister Dr. Urschlechter erklärte, daß die Stadt für die Erschließung des GeIändes mit Straßen und Abwässerkanälen 92,6 Millionen, für den Grunderwerb im Hafengebiet nahezu 20 Millionen Mark aufbringt - allein für den ersten Bauabschnitt also 122,6 Millionen Mark.

"Der Hinweis auf unsere kommunalen Aufwendungen ist nötig, damit jedermann das Gewicht ermessen kann, das die Stadt Nürnberg diesem großen Industrie- und Umschlaghafen auf der Mitte zwischen der Nordsee und dem Schwarzen Meer für die künftige Entwicklung der Wirtschaft beimißt", meinte Dr. Urschlechter. Mit der gewaltigen Summe sollen die Wirtschaftskraft gefördert und erhalten sowie Arbeitsplätze gesichert und geschaffen werden.

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Aus einem Rückblick auf das erste Dampfschiff, das vor mehr als 100 Jahren mit sechs PS auf dem Rhein-Main-Donau-Weg von Budapest nach Paris fuhr entwickelte das Stadtoberhaupt das Zukunftsbild: 1971 wird der erste Europakran von Westen nach Nürnberg kommen und wenige Jahre danach auf der Strecke von Ismail bis Hamburg oder Rotterdam, wiederum wenige Jahre später bis nach Marseille fahren.

Am schönsten sprengte der OB

Nach solchen feierlichen Reden sagte der Oberbürgermeister zum Staatssekretär: "Jetzt müssen wir arbeiten!" Und das bei der sengenden Hitze über der kargen Landschaft nahe Hinterhof. Beide machten sich daran, die ersten Sprengladungen hochgehen zu lassen, die das Gelände ein bißchen auflockern sollten. Sprengingenieur Hans Dreier hatte mit seinen Männern drei Tage lang Löcher gebohrt und über 150 Meter Leitungen gelegt, damit die Prominenz nur noch auf‘s Knöpfchen zu drücken brauchte.

Der Staatssekretär durfte als erster am Schlüssel in der Zündmaschine drehen und 100 Kubikmeter Erdreich hochgehen lassen. Er tat‘s mit einem ohrenbetäubenden Knall. Der zweite Dreh war für Dr. Urschlechter reserviert, der seine Sache besonders gut machte und von Hans Dreier später das Kompliment bekam: "Am schönsten war die zweite Sprengung, wenn‘s kracht, ist es nicht gut!" 

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