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7. Dezember 1968: Bleibt die Eingangspforte ein Traum?

Kritik an den Plänen fürs Königstor beim Hearing im Rathaus - 07.12.2018 07:00 Uhr

Das Hearing im Rathaussaal: die Front der Feinde und Freunde der geplanten Eingangspforte zur Altstadt hat sich formuliert. Die Stadträte, die Baufachleute der Verwaltung und die planenden Architekten sitzen wie an einem Schandpranger um die Vertreter von 18 Vereinen und Organisationen an der Hufeisen-Tafel. In der Mitte steht das corpus delicti, das Modell. © Kammler


Es droht mehr denn je die Gefahr, daß die Bayerische Versicherungskammer ihr Interesse verliert, als Bauherr aufzutreten. Oberbürgermeister Dr. Urschlechter gab sich am Ende der vierstündigen Sitzung zwar betont optimistisch über die Zukunft der Pläne, meinte aber auch: „Es dürfte sich jetzt schon abzeichnen, daß der Bau bis zum Dürerjahr 1971 nicht mehr vollendet werden kann.“

In breiter Front traten gestern früh die Feinde der geplanten Bauten, vor allem die Architekten mehrerer Verbände, die Denkmalspfleger und die Freunde der Altstadt und der Geschichte Nürnbergs zum Angriff auf die Entwürfe der Architekten Dittrich und Kappler an. In ihren Reden brachten sie erneut die Argumente vor, die in den letzten Wochen und Monaten schon in die öffentliche Diskussion geworfen worden waren, und beschworen das große kulturelle Erbe, das Nürnberg in seinem mittelalterlichen Mauer-Gürtel besitzt.

Jahrhundert-Chance verspielt?

In diesem Chor der Kritik gingen fast jene Stimmen unter, die den neuen Bauten am alten Ring das Wort redeten. Der Deutsche Gewerkschaftsbund mit mehr als 100.000 Mitgliedern in Nürnberg, der Berufsverband bildender Künstler und der Architekten- und Ingenieur-Verein äußerten sich zwar äußerst positiv, schienen jedoch beinahe auf verlorenem Posten zu stehen. Der Arbeitsausschuß „Al-brecht-Dürer-Jahr“ im Kulturbeirat der Stadt Nürnberg, der deutlich den Wunsch nach einem fertigen Kunst- und Bildungszentrum bis zum Jahr 1971 ausgesprochen und in den Vordergrund seiner Überlegungen gestellt hatte, ist wohl auch um eine Hoffnung ärmer.

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Am meisten niedergeschmettert zeigten sich freilich die Stadträte aller Fraktionen im „Ausschuß für die Bebauung der Zone Königstor – Marientorgraben“ (kurz KöMa-Ausschuß genannt), die eine solche Flut von Vorwürfen nicht erwartet hatten, der sie sich nun ausgesetzt sahen. Sie glaubten am Schluß der Sitzung, bei der sie nur hatten zuhören, aber nichts sagen dürfen, daß eine Jahrhundert-Chance für Nürnberg dahinschwindet. Sie konnten sich nur mit dem Gedanken trösten, daß bei diesem Hearing Interessenverbände, nicht aber die Gesamtheit der Bevölkerung zu Wort gekommen war.

Stadt an Verpflichtung erinnert

Für den Kreisverband Nürnberg – Mittel-franken – Oberfranken im Bund Deutscher Architekten ging Diplom-Ing. Hermann Scherzer als erster daran, die Pläne für die Graben-Partie bis in die Grundfesten zu erschüttern. Er forderte noch einmal, daß Preisträger des Wettbewerbs zu den Arbeiten hinzugezogen werden. Der BDA-Landesverband Bayern hat den Oberbürgermeister ebenfalls ausdrücklich ermahnt, dieser Verpflichtung nachzukommen, weil die Stadt ansonsten einen Rechtsbruch begehe. Die Architekten Schlegtendal und von Branca waren – wie berichtet – als zweite Preisträger zur Mitarbeit an dem Projekt aufgefordert worden, hatten sich aber kurze Zeit danach davon zurückgezogen.

Bedenken gegen das Bauvolumen

Hermann Scherzer bemängelte, bis heute liege noch kein befriedigendes Ergebnis vor, obwohl Dittrich-Kappler bisher 19 Wochen, die Teilnehmer am Wettbewerb aber nur 10 Wochen Zelt gehabt hätten. Er bezeichnete es auch als höchst bedenklich, daß die prämierten Arbeiten von einem Bauvolumen von 170.000, die vorliegenden Pläne jedoch von 250 000 Kubikmeter ausgehen. Alles in allem bezeichnete er das Ergebnis des Wirkens seiner Kollegen Dittrich und Kappler als „ein nicht ausgereiftes Projekt“, das noch kein Urteil zuläßt.

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Dennoch ging Scherzer hart mit der Arbeit ins Gericht: „Der Entwurf der Architekten Professor Dittrich und Dipl.-Ing. Kappler errichtet unter Mißachtung der städtebaulichen Funktion der Ringzone und im Gegensatz zu den ausgezeichneten Wettbewerbs-Arbeiten einen fast bis zur Norishalle durchlaufenden Bebauungswall, der die typische städtebauliche Funktion des Ringes als Grenz-Zone ignoriert und den Ring gerade an dieser prominenten Stelle zu einer modernen und in jeder anderen Stadt auch denkbaren uncharakteristischen Innenstadt-Straße umwidmet.“

Verheerend sei auch die Wirkung des zusätzlich geplanten Omnibus-Bahnhofes – der BDA-Sprecher bezeichnete ihn als „fixe Idee“ –, der die Grabenzone zwischen Königstor und Marientor zerstört und dem Bauhof seine Platzwirkung nehme. „Obendrein verweist das Projekt den Fußgänger am Ring zwischen Königstor und Marientor auf die gegenüberliegende Straßenseite und hält ihn auch im Inneren vom unmittelbaren Erlebnis der Stadtumwallung fern!“ Das Modell für ein Kunst- und Bildungszentrum befriedige weder in seinem Maßstab noch in seiner Gestalt, daher solle die Stadt selbst die Aufgabe des Bauherrn übernehmen.

„Grundsätzliche Fehler, schwere Mängel“

Scherzer warnte schließlich noch davor, die geplanten Bauten um jeden Preis bis zum Dürerjahr zu vollenden. „Es wäre niemals und von niemandem zu verantworten, wenn jetzt schon erkannte, grundsätzliche Fehler und schwere Mängel des Projekts in der Dauerform der gebauten Gestalt verewigt und der Eingangspforte zur Stadt das entscheidende Gepräge geben würden.“

Für die Vereinigung Freischaffender Architekten Deutschlands (VFA) und den Berufsverband Freischaffender Architekten brachten Dipl.-Ing. Hans-Werner Jurck und Architekt Walter Kasparek eine ähnliche Kritik vor. Sie bezweifelten, ob es ihren Kollegen Dittrich und Kappler gelingen werde, die Symbiose zwischen alt und neu am Königstor im Stile des bisherigen Aufbaus zu schaffen. Beide Sprecher lehnten die Entwürfe entschieden ab, weil sie (so Kasparek) „eine wahllose Anhäufung von Baukörpern wie aus einem Lego-Kasten bringt und eine Architektur bietet, die zu Dutzenden in anderen Städten zu finden ist“.

„Wir müssen das Projekt in aller Entschiedenheit ablehnen, weil es die bekannten Werte Alt-Nürnbergs unnachsichtlich zerstört“, rief Professor Dr. Torsten Gebhard, der Generalkonservator beim Bayerischen Landesamt für Denkmalspflege, den Stadträten zu. Ihm mißfiel, daß der Mauer künftig keine Funktion mehr zukommen soll, weil sie noch nicht einmal mehr im Boden verankert ist, sondern unterfangen werden muß, daß der Bau anstelle des Künstlerhauses über die vordere Grenze der Stadtmauer hinausragt und damit einen fremden Akzent ins Stadtbild bringt, daß schließlich das Bauprogramm zu mächtig ausgefallen ist.

Nur gelegentlich einmal vernahmen die Stadträte wohltuende Töne. Der Deutsche Gewerkschaftsbund ließ von seinem Geschäftsführer Karl Zink ganz energisch erklären, daß für die arbeitende Bevölkerung ein Kunst- und Bildungszentrum gefordert wird. Er bedauerte die Polemik um den Architekten-Wettbewerb und die Äußerungen über den angeblichen Schaden am mittelalterlichen Stadtbild. „Alte Architektur ist nicht schon deswegen hochwertig, weil sie alt ist. Auch moderne Architektur kann ansprechen, bezaubern und sehenswert sein!“ Nürnberg stehe als Industriestadt ständig in einer Auseinandersetzung mit seiner Tradition und seinem Erbe, meinte Zink. „Ein modernes Bauwerk wird den Kontrast zu den historischen Gütern verstärken, es wird wie eine edle Fassung für einen schönen Stein wirken!“ 

W. S.

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