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Als Journalist versuche ich, wenigstens neutral zu wirken, ertappe mich aber ständig dabei, ungewollt für irgendwen Partei zu ergreifen. Das Kindische: Ich drücke immer insgeheim dem Underdog die Daumen. Das ist beim Boxen schwierig: Dort ist man dann, wenn man so ist wie ich, immer für den, der gerade Schläge einstecken muss. Es ging also für mich, wie sagt man so schön: Schlag auf Schlag. Nur bei Jack Culcay war das anders.
Ich geb’ zu, allein sein Name gefiel mir. So muss ein Boxer heißen, finde ich. Ein Name wie ein Fausthieb aufs Nasenbein. Auch meiner Kollegin gefiel Culcay — wobei es bei ihr eher an seinem Sixpack gelegen hat. Egal. Wir waren also beide für Jack Culcay.
Er boxte gegen einen gewissen Jean Michel Hamilcaro — ein Name wie, ja: wie? Ein Maler? Ein Dichter? Als Boxer heißt man nicht Hamilcaro, finde ich. Und man boxt auch nicht, wenn man so aussieht, wie Hamilcaro: Klein, komische Frisur, lustige Tattoos, ulkige Leopardenhose. Er hatte was vom Schröckla aus Fürth. Boxt der jetzt?, bevor ich mich das fragen konnte, hatte er die Ersten sitzen. Er fing genau genommen so viele Schläge, dass ich allen ernstes begann, dauerhaft für diesen Hamilcaro zu sein.
Daran änderte erst ein dicker Franzose etwas, im Nachhinein bin ich mir sicher: Ihn schickte der Himmel. Er plärrte unentwegt „Très bien, Jean Michel, très bien!“ in mein Ohr, streckte seinen Fotoapparat über meine Schulter. Er hing regelrecht auf mir, ich roch den Schweiß, mich traf der Speichel: „Très bien, très bien.“ Ich begann, erstmals in meinem Leben, den Underdog zu hassen. Ich bejubelte die Treffer, freute mich, als er zu Boden ging.
Als ich später in Hamilcaros trauriges, blutverschmiertes Gesicht blickte, erschrak ich. Was war mit mir geschehen? Ich drehte mich um — der Dicke war weg. War er überhaupt hier gewesen? In Zukunft, habe ich da beschlossen, werde ich wieder brav zu den Underdogs halten.
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