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Ausstellung zu NSU-Morden: Das wahre Gesicht der Opfer

Lebensgeschichten der in Nürnberg Getöteten werden im Gewerkschaftshaus erzählt - 09.11.2013 14:18 Uhr

Im Gewerkschaftshaus am Kornmarkt kann man die Ausstellung über die  NSU-Opfer anschauen.

Im Gewerkschaftshaus am Kornmarkt kann man die Ausstellung über die NSU-Opfer anschauen. © Weigert


Ist es ein Wunder, dass er Blumen verkaufen wollte? Enver Þimþek wuchs in dem kleinen Dorf Salur in der Türkei auf. Die Gegend in der Provinz Isparta ist berühmt für ihre Rosen. Bis zu seinem 24. Lebensjahr lebte er in seinem Heimatland, dort, wo er sich auch in Adile verliebte. Er hatte eine romantische Ader. Seiner Angebeteten schrieb er immer wieder Liebesbriefe.

Sie heirateten und gingen nach Deutschland. Sie bekamen zwei Kinder und bauten sich ein Leben zwischen Familie und viel Arbeit auf. Enver Þimþek arbeitete in der Fabrik, ging nebenbei putzen. Ein fleißiger Mann, der sich irgendwann seinen Lebenstraum erfüllen konnte: Er wurde Blumenhändler.

Mit 38 Jahren wurde er unweit seiner Blumen an der dicht befahrenen Liegnitzer Straße umgebracht. In seinem Körper steckten acht Kugeln, zwei Tage später erlag er seinen Verletzungen. Er hinterließ seine Frau, eine Tochter und einen Sohn.

Es ist eine von zehn Lebensgeschichten, die Birgit Mair in ihrer Ausstellung „Die Opfer des NSU und die Aufarbeitung der Verbrechen“ in den Fluren des Gewerkschaftshauses umreißt und mit bisher unbekannten Privatfotos flankiert. Auf zehn Tafeln werden die Opfer — von Þimþek bis zur jungen Polizeibeamtin Michèle Kiesewetter, die 2007 in Heilbronn umgebracht worden war — porträtiert. Auf zwölf weiteren Tafeln geht es um andere Verbrechen des NSU sowie um seine Einbettung in die neonazistische Szene.

Es sind Einblicke in Menschenleben, die unter die Haut gehen. Denn durch die Schilderungen aus dem Privatleben und die Privatfotos wird eine Nähe hergestellt, die zur Beklemmung wird, wenn man die Schilderung der jeweiligen Gräueltat liest.

Lebenstraum erfüllt

Die persönliche Seite zu zeigen, war die größte Herausforderung, wie die Sozialwirtin sagt. Zu manchen Angehörigen hatte sie über Anwälte Kontakt, mit anderen kommunizierte sie per Mail. „Wir haben alle Textentwürfe für die Ausstellungen den Familien vorgelegt und auch alle Fotos im Vorfeld abgeklärt“, sagt die 46-Jährige. Nur der Vater des jüngsten Mordopfers Halit Yozgat habe sich nicht an der Ausstellung beteiligt. „Ich denke, er sah sich dazu einfach noch nicht in der Lage“, sagt sie. Der 21-Jährige war am Tatort in den Armen seines Vaters gestorben.

Da ist Abdurrahim Özüdoðru, das zweite Nürnberger Opfer, über den man erfährt, dass er Maschinenbau studiert hatte. Ihn sieht man mit seiner kleinen Tochter. Oder Ðsmail Yaþar, der in seinem Imbissstand gegenüber der Scharrerschule erschossen worden war. Er war bei den Schülern beliebt — und nicht nur, weil es bei ihm manchmal das Eis geschenkt gab. Auch von ihm hatten Angehörige ein Privatfoto zur Verfügung gestellt.

Menschen in privatem Umfeld

„Ich wollte die Menschen in ihrem privaten Umfeld zeigen und habe ganz bewusst auf die Passfotos verzichtet, die sonst immer gezeigt wurden“, sagt Birgit Mair. Gerade die hätten für ein Verbrecher-Image der Opfer gesorgt, das lange die öffentliche Meinung bestimmte.

Schließlich hatten die Ermittler auch über eine mögliche Verstrickung der Opfer ins kriminelle Milieu spekuliert. Mit Kritik an der Ermittlungsarbeit spart die Ausstellung nicht und versucht die Gründe darzustellen, warum die Mordserie nicht aufgedeckt wurde.

Die Mitglieder des NSU werden hingegen nicht gezeigt — auch das Bekenner-Video läuft nicht. „Ich wollte eine Opfer-Ausstellung machen“, sagt Birgit Mair. Sie sollten endlich ein Gesicht bekommen.
  

IRINI PAUL (Nürnberger Nachrichten)

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