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Bildungsauftrag in der ehemaligen Bonbon-Fabrik

Jenaplan-Gymnasium ist in die Herderstraße umgezogen - 25.09.2013 08:00 Uhr

Angekommen: Das Gebäude der em-eukal-Werke ist die neue Heimat des Jenaplan-Gymnasiums. © Harald Sippel


Im dritten Stock des Gebäudes, wo man einst Hustenbonbons zusammenkochte, ist es eigentümlich still. Man kennt diese Stille von Schulgebäuden. Hinter den Türen dampft es vor Konzentration. Aber nachher, wenn der Gong ertönt...Doch nein, ein Gong erschallt nicht. Der ist mehr oder weniger abgeschafft, er erklingt nur zu Schulbeginn und am Pausenende.

Überhaupt sind die Gänge und Räume frisch, sehr hell und weiß getüncht. „Das können Sie sich gar nicht vorstellen, wie das hier vorher ausgesehen hat“, sagt Bernd Beisse, einer der drei Vorstände des Jenaplan-Gymnasiums. „Die Fenster waren so eng wie Schießscharten; überall standen Wände herum, die Räume ähnelten einem Labyrinth, man konnte sich gar nicht vorstellen, hier eine Schule einzurichten.“ Dennoch hatte sich die Genossenschaft aus Eltern und Lehrern dazu entschlossen, dem Gebäude in der Herderstraße vor einem Alternativangebot in der Rollnerstraße den Vorzug zu geben. Ausschlaggebend waren die gute Verkehrsanbindung und die Nähe zum Fürther Stadtpark.

Am 1. April wurde der Mietvertrag unterschrieben, in den Sommerferien gingen die Umbauten los. Fachfirmen rissen die nicht tragenden Gipswände ein, verlegten Kabel und richteten die gesamte Elektrik ein; 50 Eltern strichen die Wände binnen weniger Wochen neu; und obendrein musste alles so passen, dass es den staatlichen Vorschriften für Schulgebäude – inklusive Brandschutz und Kubikmeter Atemluft pro Nase – entsprach.

Nun also büffeln 150 Kinder von der fünften bis zur zehnten Klasse auf 2200 Quadratmetern. Weitere Schüler und Quadratmeter werden in den nächsten Jahren dazukommen, bis die zwölfte Klasse erreicht ist. Und in zwei, drei Jahren wird das Jenaplan-Gymnasium vermutlich nochmal umziehen, nämlich ins Verwaltungsgebäude von Dr.Soldan.

Wie sieht der Unterricht aus? Neben dem üblichen Fachunterricht lernen die Schüler klassenübergreifend in sogenannten Stammgruppen. „In den niederen Stammgruppen eines Lernfachs finden sich Schüler der fünften bis siebten Klasse zusammen, in den höheren Stammgruppen die der achten bis zehnten Klasse“, umreißt Bernd Beisse das Konzept. Ziel ist das soziale Lernen, nämlich älteren Schülern etwas Lehrkompetenz zu vermitteln, damit die den jüngeren mit Lernschwierigkeiten den Stoff näherbringen können; und natürlich bei den jüngeren Schülern das Verständnis des Gelernten zu vertiefen.

Individuelle Lerntechnik für jeden Schüler

Das pädagogische Ziel des Jenaplan-Gymnasiums besteht darin, für jeden Schüler die individuelle Lerntechnik herauszufinden und einzusetzen. „Das heißt, ein Schüler kann sich per Video-Coach, mittels eines Hörbuchs, in Teamarbeit oder allein aus dem Schulbuch den Stoff aneignen; oder auch in einer Kombination der Methoden“, erklärt Beisse.

Überdies kooperiert das Jenaplan-Gymnasium mit dem Online-Portal „Sofatutor“, die Schüler genießen den Zugang zu dessen komplettem Video-Angebot. Wer also beispielsweise im Bruchrechnen immer noch auf dem Schlauch steht, kann sich die Kunst desselben am Videoschirm in Ruhe nahebringen. „Außerdem steht jedem Schüler ein Lerncoach zur Seite, der über seine Fortschritte bzw. Defizite auf dem Laufenden bleibt“, erklärt Philipp Kollmar, Lehrer für Biologie sowie Natur und Technik. Auf diese Weise soll sichergestellt werden, dass jeder mitkommt. Und Überflieger brauchen sich nicht zu langweilen, die können bereits vorauslernen.

Entsprechend sind die Räume eingerichtet: Die Stammgruppenräume sind mit vier Computern und einem Set von 20 Laptops ausgestattet; die stillen Lernzimmer hingegen beherbergen runde Tische und Knautschsäcke, dafür keine Computer. Pro Stammgruppe arbeiten ein Lehrer und ein Sozialpädagoge zusammen. Für Tafeldienst, Müllabräumen, Streitschlichten und anderes sind alle Kinder turnusmäßig verpflichtet; das heißt, jeder kommt mal dran und muss für Ruhe sorgen, auch Plaudertaschen und Rabauken.



Und damit das viele Weiß an den Wänden nicht allzu sehr nervt, dürfen die Buben und Mädchen auch demokratisch über die Verzierung der Wände abstimmen. Die Stammgruppe „Paris“ hat sich bereits mit Postern der schönen Stadt und Eiffelturmplakaten eingedeckt; der Stammgruppe „Alcatraz“ hingegen hat man eine Namensänderung nahegelegt. Dabei hatte die berühmte Gefängnisinsel doch einst auch einen pädagogischen Auftrag.
  

Reinhard Kalb

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