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Bloggen ist mehr als ein Hobby

Frauen sind in der Szene in der Minderheit - Mode oder Kochen als Themen - 10.10.2018 17:25 Uhr

Keine Angst: Hier hatte Foodbloggerin Sonja Behr-Prisco ihre Hände nur in einer 20-Liter-Wanne Kimchi. Das ist ein mit viel Chiligewürz, Frühlingszwiebeln und Karotten aufgepepptes koreanisches Kohlgericht, das Sauerkraut ähnelt. © Foto: privat


Herausgerissene Zeitschriftenseiten, selbst notierte Rezepte, markierte Passagen in Kochbüchern: Irgendwann hat Sonja Behr-Prisco die Zettelwirtschaft satt. Sie startet einen Blog mit dem schönen Namen "Amor & Kartoffelsack". Mit Erfolg: In den vergangenen fünf Jahren ist ihr digitaler Zettelberg auf über 600 Rezepte angewachsen. "Jedes hatte so eine persönliche Abwandlung, die es zu meinem Rezept gemacht hat", sagt die in der Südstadt lebende Nürnbergerin.

Fotografieren, Texte tippen, kochen und kreativ sein. Das alles bildet für Behr-Prisco den perfekten Ausgleich zum oft anstrengenden Berufsleben als Lehrerin. Auch wenn Bloggen ein Zeitfresser ist. Schließlich gehört es auch dazu, die Kanäle der sozialen Netzwerke zu bespielen, Anfragen von Lesern zu beantworten und sich in der Szene auszutauschen. Doch die Vorteile überwiegen. Als sie so richtig in die Food-Blogger-Welt eingetaucht ist, merkt sie, wie viele spannende Menschen sie dort trifft, welch tiefe Einblicke sie in Lebensmittelthemen erhält und dass dabei echte Freundschaften entstehen. "Bloggen verbindet, weil man gleich immer auch mindestens ein gemeinsames Gesprächsthema hat."

Gleichzeitig stellt sie schnell fest, dass Bloggen nur dann richtig gut klappt, wenn der Partner das Hobby mitträgt. Sonja Behr-Prisco hat Glück: Ihr Mann Clauco steigt bald mit ein und steht ihr als "Gustaiolo" mit Rat und Tat zur Seite, um die Homepage www.amor-und-kartoffelsack.de stets aktuell zu gestalten. "Der Kartoffelsack ist mittlerweile zu einer Zwei-Personen-Powereinheit geworden", sagt sie stolz.

Eve Massacre bloggt in zwei Sprachen aus feministischer Perspektive. © Foto: privat


Christian Wolff, Chefredakteur des Magazins der Nürnberger Web Week, ist ein Kenner der hiesigen Szene. Für die Web Week hat er eine subjektive Liste über Blogs aus Franken erstellt. "Nürnberg ist nicht Berlin", sagt Wolff und meint das gar nicht negativ. In der Metropolregion gibt es zahlreiche Blogger, deren Arbeit er mit großem Interesse verfolgt: "Ich finde es spannend, wenn Leute etwas zu erzählen haben." Das Thema spielt für ihn keine entscheidende Rolle. Wolff, der unter dem Pseudonym cairowolff selbst schreibt, erzählt von einem bloggenden Bestatter, ein anderer philosophiert über Schleifmaschinen: "Ich hätte nie gedacht, dass man so viel über Schleifen schreiben kann."

Die regionale Blogger-Community dominieren Männer, sagt der Experte. Eine Ausnahme bilden die Themen Mode und Lifestyle. Mit großen Unterschieden: Manche Bloggerinnen halten sich für Influencerinnen, bei denen vor allem der kommerzielle Aspekt im Vordergrund steht. Andere betonen ihre ethische Haltung zu Mode. Und nicht allen geht es
um die klassischen Modelmaße.

"Ich bin gerade auf der Fashion Week in Berlin", sagt Franziska Bauer am Telefon. Auf der Mode-Messe holt sich die Fürtherin Anregungen und netzwerkt mit Gleichgesinnten. Mit ihrem Blog www.curvy-fashion.com möchte sie zeigen, dass kurvige Mädels sich nicht verhüllen müssen und auch sexy und trendig sein können. "Auch wenn wir keine Größe 34 tragen, haben wir trotzdem ein Recht auf tolle Mode", schreibt sie auf ihrer Seite.

Welches Stück darf es sein? Hier holt sich die Fürther Modebloggerin Franziska Bauer auf der Berliner Fashion Week neue Anregungen. © Foto: privat


Im vergangenen Jahr hat sich Bauer selbständig gemacht und einen Online-Shop gegründet. "Ich habe gesehen, dass der Bedarf da ist", sagt die 31-Jährige. Sie schreibt nicht nur über neueste Trends, sondern gewährt auch tiefe Einblicke, wie es ihr selbst über die Jahre ergangen ist. Es war ein langer Prozess, bis sie sich in ihrer Haut wirklich wohlfühlte: "Meine Körpermaße passen nicht so richtig in diese Mode-Welt, aber genau deswegen möchte ich beweisen, dass man keine Size Zero braucht, um modern und schick zu sein."

Viele denken, dass sie dauernd etwas schreiben müssen und ihnen vielleicht keine Themen einfallen. "Wenn ihr bloggt, schreibt über euch. Das ist schon spannend genug", rät ihnen Wolff.

Gleich die doppelte Arbeit macht sich Evi Herzing, die sich Eve Massacre nennt und ursprünglich aus der Pop-Kultur-Ecke kommt. Unter www.evemassacre.de betreibt sie einen englisch- und unter www.breakingthewaves.de einen deutschsprachigen Blog. "Englisch war schon immer die Pop- und Internet-Sprache", sagt Herzing, die im Nürnberger Musikverein Veranstaltungen organisiert. Um mit sämtlichen Bekannten in Kontakt zu bleiben, wollte sie sich beim Bloggen nicht auf eine Sprache festlegen.

Aus feministischer Perspektive

Wenn sich die vielseitige DJane, Musikerin und Künstlerin politische und kulturelle Themen vornimmt, betrachtet sie diese ganz automatisch aus feministischer Perspektive. Oft bleibt sie bei einem Thema hängen und fängt selbst an, darüber zu schreiben. Sie interessiert sich für die Kultur der Digitalisierung und geht der Frage nach, wie die neuen Medien die Gesellschaft verändern. Lange Zeit engagierte sie sich für den Social Media Watchblog, der die Bedeutung digitaler Kanäle für den Journalismus, die Medien, aber auch Politik und Gesellschaft kritisch hinterfragt.

Wie viele andere Blogger, nutzte Herzing die Plattform zunächst für tagebuchähnliche Einträge und zur Analyse der eigenen Gedanken. Heute ist sie auf vielen unterschiedlichen Kanälen unterwegs. Vor allem Twitter hat es ihr angetan. Letztlich geht es ihr aber vor allem um die Kommunikation und den Austausch miteinander – unabhängig davon, ob sie sich gerade auf einem klassischen Blog, Facebook, Twitter, Instagram oder anderswo bewegt. 

JOHANNES HANDL

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