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Das Elend der Zwangsarbeiter: Eine späte Spurensuche

Wo 200 000 Menschen schufteten und litten — Forscherteam am Dokuzentrum untersucht die Lager auf dem Reichsparteitagsgelände - 07.05.2018 19:24 Uhr

Starb mit 21: Iwan Tschuleew. © Foto: Nikolai Tschuleew


Ein Trupp sowjetischer Kriegsgefangener rückt im Lager Langwasser zur Zwangsarbeit aus. Viele von ihnen kamen dabei ums Leben. © Foto: Karl Bach, aus: Nürnberg-Langwasser, Geschichte eines Stadtteils


Ein ernster junger Mann, der Kopf geneigt, die Krawatte sorgfältig gebunden. Das alte Foto zeigt Iwan Tschuleew, 1920 in der Sowjetunion geboren. Als 21-jähriger kam er im Oktober 1941 ins Lager Langwasser und verrichtete auf dem Reichsparteitagsgelände schwere Erdarbeiten. Er wurde schon im November 1941 "ausgesondert" und im KZ Dachau erschossen.

Hanne Leßau, die das Forschungsprojekt in Zusammenarbeit mit dem "Zentralen Museum der Kriegsgefangenen" in Polen leitet, hält die eng beschriebene Personalkarte Iwan Tschuleews in der Hand. Wie über alle 200 000 Kriegsgefangenen und verschleppte Zivilist(inn)en aus West-, Südost- und Osteuropa, die zwischen 1939 und 1945 im Lager Langwasser zusammengepfercht waren, haben die Nazis auch über den 21-Jährigen genau Buch geführt.

Sein Porträt aber hat Tschuleews Familie dem Dokuzentrum überlassen. Durch sie werde man mehr über ihn und sein Schicksal erfahren, heißt es optimistisch. In 40 Archiven im In- und Ausland hat das siebenköpfige Historikerteam nach Hinweisen gesucht.

Es gilt schließlich eine große Lücke zu füllen: In der Dauerausstellung des Hauses kommen die sogenannten Fremdarbeiter, denen auch in Nürnberg Unmenschliches angetan wurde, nicht vor. 2019 soll es eine Sonderausstellung zum Thema geben, frühestens 2022 wird der Komplex aufgearbeitet und ins Angebot des Dokuzentrums integriert sein.

Die vielen Enkel oder Urenkel der Internierten, die heute noch nach Spuren suchten und nach Nürnberg reisten, hätten mit den Anstoß zu dem Projekt gegeben, sagt Historikerin Leßau. Warum so spät? Zu spät für Zeitzeugen und Überlebende. Womöglich habe das Reichsparteitagsgelände selbst lange Zeit alle Aufmerksamkeit gebunden, mutmaßt die Forscherin; und Florian Dierl, der Leiter des Dokuzentrums, nennt zwar vereinzelte Studien, betont aber: "Das Thema ist im kollektiven Gedächtnis noch nicht verwurzelt."

Nachdem der letzte Reichsparteitag 1938 stattgefunden hatte, wurden die Zeltlager von SS, SA und Hitlerjugend bereits in den ersten Kriegswochen als riesiges Lager für Kriegsgefangene und verschleppte Zivilisten aus Polen genutzt. Stacheldrahtzäune, Wachtürme und Holzbaracken entstanden, auf der nahen "Russenwiese" bauten die Nationalsozialisten ein sogenanntes Arbeitserziehungslager.

Später wurden Menschen aus Polen, der Sowjetunion, aus Italien, Serbien, Frankreich und den USA von den Lagern des Reichsparteitagsgeländes aus im gesamten nordbayerischen Raum verteilt. In Nürnberg mussten die Männer und Frauen im Kabelwerk Neumeyer, bei MAN und Siemens, bei Diehl und in vielen kleinen Betrieben schuften. "Vor den Augen der Bevölkerung" sei das passiert, so Dierl.

Die unmenschliche Behandlung vor allem der sowjetischen Gefangenen — von fünf Millionen starben 60 Prozent der Rotarmisten in Deutschland — zeige, dass der Komplex in die rassistischen Verbrechen des NS–Regimes fest eingebunden war, so Hanne Leßau. Allein zwischen Herbst ’41 und Frühjahr ’42 kamen fast 1000 Rotarmisten in Nürnberg um, viele von ihnen bei schweren Arbeiten auf dem Reichsparteitagsgelände.

Die Forscher wollen jedoch nicht nur Zeugnisse von Angehörigen aus dem Ausland auswerten. Auch die Nürnberger(innen) sind zur Mithilfe aufgerufen. Wer Dokumente oder Gegenstände mit Bezug zu den Lagern hat, Fotos oder Briefe von Kriegsgefangenen oder Zwangsarbeitern in Nürnberg und Umgebung oder Kontakte zu Familien ehemaliger Zwangsarbeiter, kann sich ans Dokuzentrum, Bayernstraße 110, 90 478 Nürnberg, wenden. Am 17. Mai von 14 bis 18 Uhr findet dort ein "Dokumenten-Tag" für Zeitzeugen und ihre Angehörigen statt.  

CLAUDINE STAUBER

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