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Der Integration entgegenkrabbeln

Deutsch-türkische Eltern-Kind-Gruppe leistet Pionierarbeit: - 15.10.2010 07:10 Uhr

In der Krabbelgruppe „Sterne-Yildizlar“ läuft alles zweisprachig, Singen, Spielen und Basteln wird türkisch und deutsch ausprobiert. Damit sind sie die erste deutsch-türkische Eltern-Kind-Gruppe in Nürnberg.

In der Krabbelgruppe „Sterne-Yildizlar“ läuft alles zweisprachig, Singen, Spielen und Basteln wird türkisch und deutsch ausprobiert. Damit sind sie die erste deutsch-türkische Eltern-Kind-Gruppe in Nürnberg. © Privat


Singen, tanzen, basteln, spielen: Fröhlich wuseln zwölf Kinder durcheinander. Doch jedes Lied dauert doppelt so lange wie in anderen Gruppen. Denn alle Strophen werden auf Deutsch und auf Türkisch gesungen. Seit April trifft sich die Gruppe, aus sieben Familien sind zwölf geworden.

„Das Besondere an unserer Gruppe ist, dass wir gleichberechtigt zwei Leiterinnen haben, eine Türkin und eine Deutsche“, erzählt Doris Zenns, die deutsche Hälfte des Leitungsteams. In anderen, internationalen Gruppen ist die Leitung oft allein deutsch, Migranten haben dann eine höhere Hemmschwelle, dabei mitzumachen. Deshalb sind sie zu zweit im Stadtteil herumgelaufen, haben Leute angesprochen und Flugblätter verteilt. „Die Deutschen lesen lieber den Flyer, die Türken haben das persönliche Gespräch bevorzugt“, erzählt Doris Zenns.

„Mit unserem gemischten Team sind wir auch Vorbild innerhalb der Gruppe. Aha, man kann auf Augenhöhe miteinander reden, miteinander lachen, so unterschiedlich sind wir gar nicht.“ Ihre Kollegin Nihal Toptas ergänzt: „Und es geht auch weit über unsere Treffen hier hinaus, die Leute treffen sich auf dem Spielplatz, kennen sich jetzt und dann spielen die Kinder miteinander.“

Mitten in der Werderau, im evangelischen Gemeindezentrum, treffen sich die Mütter mit ihrem Nachwuchs einmal in der Woche. Jedes Treffen kostet pro Kind einen Euro, damit finanzieren sich die „Kleinen Sterne“ fast vollständig selbst. Nur Doris Zenns und Nihal Toptas werden vom Zentrum Brücke finanziert.

Bei der Eröffnungsrunde wird jedes Kind zur Melodie von Bruder Jakob in beiden Sprachen begrüßt. „Wo ist Zümra? – Zümra nerede? – Da ist sie! Burdasin!“ Danach schneiden Doris Zenns und Nihal Toptas Themen an, die die Mütter interessieren: Elternbriefe auf Deutsch und Türkisch, Erziehungsfragen, alles, was im Alltag junger Eltern eben so ansteht. Wo ist ein guter Kindergarten, sollen die Kleinen besser zur Tagesmutter oder in die Kita?

Nihal Toptas hat auch die Funktion der Türöffnerin bei der türkischen Gemeinschaft. „Wir dachten erst, dass keine Deutschen kommen, wenn wir eine türkisch-deutsche Gruppe anbieten, aber es war umgekehrt, die Deutschen waren sofort offen dafür und haben sich viel leichter getan als die türkischen Mamas“, erinnert sie sich an den Start. „Natürlich bin ich noch die erste Ansprechpartnerin für die türkischen Mütter, weil ich kulturnah bin, sie reden erst mit mir, wenn es Probleme gibt, bevor sie in der Gruppe sprechen.“

Frauen im Minirock sitzen neben Müttern mit Kopftuch, die Kinder krabbeln neugierig von einer zur nächsten. Zwischen neun Monaten und drei Jahren sind sie alt. „Ich bin zweisprachig aufgewachsen und ich möchte, dass meine beiden Kinder auch so aufwachsen“, antwortet Gülay Karaca auf die Frage, warum sie mit ihren Zwillingen Asia und Devren herkommt.

„Es wird so viel über frühkindliche Bildung gesprochen“, meint Doris Zenns. „Hier lernen die Kinder spielerisch beide Sprachen, die türkischen Kinder auch ihre Muttersprache. Wir finden, dass es mit drei Jahren zu spät ist, um Deutsch zu lernen. Dann kommen sie in den deutschen Kindergarten, sind vielleicht zum ersten Mal mit der deutschen Sprache konfrontiert und bekommen einen Schock, weil sie nichts verstehen.“

Das inzwischen abgenutzte Wort der Integration mag sie nicht verwenden, aber die kleinen Sterne sind ein Beispiel dafür. Völlig selbstverständlich spielen die Kinder miteinander und finden die neugelernten Sprachbrocken sehr spannend. „Die Kinder gehen völlig ohne Vorurteile miteinander um, denen sind Haarfarbe oder Herkunft total egal“, meint Doris Zenns. „Wir reden nicht über Integration, sondern leben sie.“

Das sieht auch die Kommission für Integration so. „Es tut gut, in diesen Tagen endlich auch mal etwas Positives zu hören“, freute sich SPD-Stadtrat Arif Tasdelen über das Projekt. „Endlich einmal etwas, wo wir miteinander können und nicht immer nur die Dinge, wo wir angeblich nicht miteinander können!“

Begegnungszentrum Brücke-Köprü, Leonhardstr. 23, 2877313

  

Sabine Göb

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