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Die Männer sind berechenbarer

Astrid Szebel-Habig zum mühsamen Weg von Frauen in die Chefetagen: - 23.03.2011 17:17 Uhr

Astrid Szebel-Habig ist stellvertretende Vorsitzende der bayerischen Fachhochschul-Frauenbeauftragten. Die Professorin war viele Jahre in leitenden Positionen in der Wirtschaft tätig. © privat/oH


NZ: Frau Szebel-Habig, Sie sind Wissenschaftlerin, waren aber auch in der Wirtschaft tätig, unter anderem als stellvertretende Aufsichtsratsvorsitzende bei Hewlett-Packard. Sie stammen aus einer Familie mit sechs Kindern. Welches Frauenbild wurde Ihnen vermittelt?

Szebel-Habig: Meine Mutter war bereits Ärztin, als sie ihr viertes Kind bekam und – nach einer kurzen Pause – 20 Jahre lang Bürgermeisterin einer mittelgroßen Stadt. Auch meine beiden Großmütter waren berufstätig. Ich habe kein Familienbild, das den Mann als Ernährer und die Frau am Herd zeigt. Ich komme aus einer Familie der starken Frauen.

NZ: Das eigene Bild ist die eine Seite, die Akzeptanz von Frauen in Führungspositionen eine andere. Welche Erfahrungen haben Sie? Fördern Männer eher Männer?

Szebel-Habig: Im Prinzip ist das wohl so. Ich persönlich habe eine andere Erfahrung: Ich wurde bei Hewlett-Packard von einem Vorstandsmitglied angesprochen, ob ich nicht in den Aufsichtsrat wolle. Ich wäre nie auf diese Idee gekommen. Das war allerdings 1987. Da waren Frauen als Aufsichtsräte noch kein Thema. Heute ist das Gott sei Dank anders – nicht zuletzt aufgrund von Initiativen wie etwa der Nürnberger Resolution oder der FidAR (Frauen in die Aufsichtsräte).

NZ: Trotzdem werden immer noch mehrheitlich Männer gefördert?

Szebel-Habig: Sie sind für Männer in der Regel berechenbarer.

NZ: Was heißt das?

Szebel-Habig: Sie sind eher dauerpräsent. Nach 19 Uhr, 60 Stunden in der Woche. Das wird doch bei uns in Deutschland immer noch häufig von Führungskräften gefordert.

NZ: Mit Kindern ist das wohl nicht zu machen.

Szebel-Habig: Nein. Laut einer Studie der Bertelsmann Stiftung von 2008 sagen auch über 30 Prozent der Männer, dass Kinder ein Karrierehindernis darstellen.

NZ: Ist das der einzige Grund, weshalb Frauen nicht weiter kommen?

Szebel-Habig: Nach aktuellen Studien, beispielsweise von Professorin Sonja Bischoff, Universität Hamburg, sind es nicht in erster Linie die Familienpflichten, sondern die Vorurteile, mit denen Frauen konfrontiert sind.

NZ: Was muss eine Frau tun, um in die Chefetagen vorzustoßen? Männliche Verhaltensmuster annehmen?

Szebel-Habig: Das war in den 80er und 90er Jahren so. Heute sind wir ein Stück weiter.

NZ: Inwiefern?

Szebel-Habig: Frauen pflegen eher einen transformationalen Führungsstil, wollen überzeugen, dass ein angestrebtes Ziel Nutzen bringt – und zwar für alle. Frauen agieren mit dem, was sie können. Männer tendieren zum Teil eher dazu, ihre Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen weniger an Entscheidungen zu beteiligen. Sie neigen mehr zu Individualentscheidungen und machen deutlich, dass sie die Verantwortlichen sind. Das hat mit Macht zu tun.

NZ: Was nutzt Frauen der neue Führungsstil? Laut Bildungsbericht der Bundesregierung sind die 35-Jährigen heute in Unternehmen besser qualifiziert als ihre männlichen Kollegen. Einfluss auf ihre Karrierechancen hat das aber keinen.

Szebel-Habig: Weshalb sollten Männer Sicherheit, Macht und Status aufgeben?

NZ: Braucht die deutsche Wirtschaft die Frauen nicht?

Szebel-Habig: Die deutsche Wirtschaft braucht Bildung und Wissen, wenn sie im internationalen Vergleich mithalten will. Da kommen die Unternehmen an den Frauen nicht vorbei.

NZ: Wie soll das erreicht werden? Ist die Quote das Mittel der Wahl?

Szebel-Habig: Das ist die Ultima Ratio! Die Vereinbarung über eine freiwillige Selbstverpflichtung, die Bundesregierung und Spitzenverbände der deutschen Wirtschaft zur Erhöhung des Frauenanteils in Führungspositionen im Jahr 2001 geschlossen haben, hat ja nichts gebracht.

NZ: Was ist außerdem noch nötig?

Szebel-Habig: Das Rollenbild muss sich in dieser Gesellschaft verändern. Unsere europäischen Nachbarn zeigen es uns: In den Ländern, in denen wenig Frauen Führungspositionen bekleiden – in Italien, Spanien oder Deutschland etwa – gibt es trotzdem immer weniger Kinder. In den skandinavischen Ländern, die einen hohen Anteil an Frauen in Führungspositionen haben, entschließen sich dagegen mehr Frauen zu Nachwuchs. Die Wirtschaft dort floriert. Nehmen wir zum Beispiel Schweden. Denen geht es richtig gut. Deren Aktienindex ist besser als der deutsche.

  

Elisabeth Porzner-Reuschel E-Mail

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