Freitag, 18.01.2019

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Die Saubermänner mit dem luftigen Arbeitsplatz Ein Tag mit . . .

Fensterputzer am Nürnberger Business Tower: Wischen mit Aussicht in 145 Metern Höhe — Alarm in der schiefen Gondel - 14.07.2014 19:54 Uhr

Jede Menge Fenster gibt es hier am Versicherungsturm zu säubern. Geschätzte Putzfläche: 5000 Quadratmeter. © Mark Johnston


Fahrt vorsichtig.“ Er klingt wie eine Floskel, dieser Satz, den Roland Flohr seinen beiden Mitarbeitern zuruft. Doch er meint es ernst. Nein, auf Gegenverkehr werden die beiden nicht stoßen. Und besonders schnell bewegen sie sich auch nicht – aber dafür in bis zu 145 Metern Höhe. Vom Boden trennt sie nur der Metallgitterboden ihrer Gondel.

Nikolaus Geweiler macht es nichts aus, so weit oben zu arbeiten. Er ist schon lange als Fensterputzer im Einsatz. © Mark Johnston


Was sie dort oben tun? Putzen. Flohr und Co. reinigen die Fenster des gewaltigen Bürokomplexes der Nürnberger Versicherung – inklusive Business Tower. Einmal im Jahr ist dort die Fassade an der Reihe. Zeitfenster: ein bis zwei Monate, je nachdem, wie es das Wetter zulässt. Bevor sich seine Männer aber in ihrem knapp drei Quadratmeter großen Büro abseilen, checkt Flohr den Wetterdienst. Und auch wenn der 52-Jährige nicht vor Bildschirmen mit Wetterkarten sitzt, ist er auf dem aktuellen Stand, immer verbunden mit den Mitarbeitern in der Sicherheitszentrale. Das Wetter gibt den Takt an. Ab einer Windstärke von sieben Metern pro Sekunde (Stufe vier von zwölf) holt Flohr alle rein. Oder lässt sie gar nicht erst raus. Windstärke vier – also nur eine Brise? Auf dem Boden, ja, „aber dort oben schaukelt die Gondel gewaltig, da ist das was anderes“. Bis zu 20 Minuten kann es dauern, bis die wieder auf festem Untergrund steht. Also muss vorausschauend geplant werden, das ist Flohrs Aufgabe.

Er selbst steigt nicht mehr ein. Er koordiniert, teilt ein und: ist da für den Ernstfall. Wie 2006. „Seine Jungs“ sollten abbrechen, ein Gewitter zog auf. Doch dann gab es an einer Seite der Gondel Probleme mit der Fuge, an der sie sich sonst auf- und abbewegt. Die Gondel stand schräg. Flohrs Fingerspitzengefühl war gefragt. Mit Geduld und Erfahrung griff er händisch ein, brachte das Putzfahrzeug wieder in die Waagrechte – und sicher auf den Boden.

27 Stockwerke hoch

Nikolaus Geweiler hat das miterlebt – hautnah, gefangen auf Höhe des 27. Stocks. „Klar hatte ich da Angst.“ Spuren hat es keine hinterlassen. Auch heute steht er in der Gondel, neben sich Orkan Sentürk. Die beiden sind ein festes Team auf der Tour hundert Meter in die Tiefe „und kennen sich und die Gondel besser als ihre Frauen“ (Flohr).

Die Gondel als Dienstfahrzeug: Orhan Sentürk (li.). Sein Chef Roland Flohr (re.) kümmert sich mittlerweile um die Planung. Im Notfall greift er aber auch noch mit ein; etwa, wenn eine Gondel schief hängt in großer Höhe. © Mark Johnston


Ein flaues Gefühl hat Geweiler nicht mehr. Ohne hinzusehen, bedient er das spärliche Tableu mit den wenigen Schaltern und befördert die Gondel von der Aussichtsplattform des Business Towers im 34. Stock, dem „Gondel-Parkplatz“, über die Glasbalustrade. „Langsam, langsam“, sagt Orhan Sentürk, der auf seiner Seite die Gondel in die Schiene an der Fassade einfädeln muss. Dabei geht der Blick unweigerlich in die Tiefe. Doch wo andere kreidebleich werden, setzt Sentürk ein Lächeln auf. „Los geht’s.“

Dann starten Sentürk, 53, und Geweiler, 43, die Putzmaschinerie. Für die benötigen sie Lammfell, Wischer, Wischwasser und: die richtige Technik. Erst einseifen, dann mit dem Fensterwischer in einer Art Achter-Schwung über die Scheibe, „nie einfach gerade von oben nach unten, das gibt Streifen“, erklärt Geweiler. Damit kein Übergang zu sehen ist, wird die Hälfte der schon abgezogenen Fläche beim nächsten Schwung noch einmal mitgenommen.

Eine tolle Aussicht hat man vom Business Tower. Doch wenn die Fensterputzer so weit oben ihrer Arbeit nachgehen, haben sie für den Rest kaum einen Blick. Sie konzentrieren sich auf ihren Job. © Mark Johnston


Die zwei legen ein irres Tempo vor. Die gläserne Außenwand, hinter der sie wenig sehen, weil drinnen eine weitere Fensterfront wartet (die von innen geputzt wird), blitzt und blinkt in nur wenigen Sekunden. Nichts mehr zu sehen von Autoabgasen oder Blütenstaub, die sich hier sonst festsetzen.Ob sie auch zu Hause putzen? Roland Flohr sagt Ja. „Weil’s besser wird“, lächelt er. Er kennt die häufigsten Fehler beim Fensterputzen: das senkrechte Abziehen zum Beispiel, aber auch die Wahl der Mittel. „Manche nehmen Spiritus – und wundern sich, wenn sie blaue Scheiben haben.“ Zwei, drei Tropfen Spülmittel, „ein Fettlöser eben, das reicht“.

Einmal im Jahr wird der Tower so außen, zweimal innen gereinigt. Das Foyer, in dem auch Empfänge stattfinden, sechsmal. Zu tun hat die Truppe der Firma Fürst, die hier das ganze Jahr über stationiert ist, eh immer. Flohr schätzt die Putzfläche auf 50 000 Quadratmeter.Oben, noch immer über hundert Meter über dem Boden, ist in der Ferne dank Sonne und blauem Himmel satt der Moritzberg zum Greifen nah. Aber Sentürk und Geweiler haben dafür keine Zeit.

Die Putzmaschinen arbeiten sich ohne Pause und Blick für das Panorama nach unten. Und sie haben auch keinen Blick für die Tiefe, die sich zwischen ihnen und der Wand, von der die Gondel 25 Zentimeter Abstand hat, auftut.Zwei, zweieinhalb Stunden dauert eine Abfahrt. Auch heute. Ohne Gewitter, ohne Regen. Aber dennoch: mit Vorsicht. 

TIMO SCHICKLER (Text) UND MARK JOHNSTON (Fotos)

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