Dienstag, 11.12.2018

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Ein kleiner Bluttest mit großen Folgen

Startschuss für ein bayernweites Projekt zur Früherkennung von Typ-1-Diabetes bei Kindern - 21.01.2015 20:23 Uhr

Dr. Wolfgang Landendörfer braucht nur ein bisschen Blut aus der Fingerkuppe von Sophia, die mit ihrer Mutter zur Vorsorge gekommen ist. Dann können die Experten am Helmholtz-Institut in München die Probe untersuchen. © Foto: Eduard Weigert


Ein Bluttest, weil die eigene Tochter womöglich an Diabetes zu erkranken droht? Als sie davon hört, reagiert Christine Stengel zunächst geschockt. Mit Tochter Sophia (3) ist sie zur Vorsorgeuntersuchung erschienen — und erfährt von Dr. Wolfgang Landendörfer von dem neuen Angebot. „Mir war gar nicht so klar, dass man das schon in jungen Jahren haben kann“, sagt Stengel. Doch nach dem Gespräch willigt die 38-Jährige zögernd in den Test ein. Es sei besser, im Fall des Falles vorbereitet zu sein, findet sie.

Genau darum geht es den Initiatoren. Denn wenn die Krankheit nicht rechtzeitig erkannt wird, drohen gravierende, möglicherweise sogar dauerhafte Schäden. Pro Jahr erkranken in Deutschland über 2000 Kinder neu an Typ-1-Diabetes. In nahezu jedem zweiten Fall wird die Krankheit erst erkannt, wenn es zu einer Entgleisung des Blutzuckers kommt. Das könne lebensbedrohlich sein, sagt Prof. Dr. Anette-Gabriele Ziegler vom Helmholtz-Zentrum München, die die Studie leitet. Die Kinder müssten auf der Intensivstation behandelt werden.

Dauerhafte Schäden

Manche leiden ihr Leben lang unter den Folgen, ergänzt Dr. Wolfgang Landendörfer, denn das Gehirn könne dauerhaft geringfügig beeinträchtigt sein. Und die Gruppe derer, die potenziell betroffen sind, wächst dramatisch. Schon jetzt leiden in Deutschland 30 000 Kinder und Jugendliche an Typ-1-Diabetes, jedes Jahr steigt die Zahl der Neuerkrankungen um sechs Prozent. „In 15 Jahren wird sie sich verdoppelt haben“, sagt Ziegler.

Die Fachleute vermuten, dass Umweltfaktoren dafür verantwortlich sind. Sie gehen davon aus, dass die besseren hygienischen Bedingungen das Immunsystem beeinflussen und damit zu einer Zunahme der Autoimmunerkrankungen führen. Anders als beim Diabetes Typ 2 spielen Ernährung und Bewegungsmangel bei der Typ-1-Variante keine Rolle.

Ob jemand an dieser Form zu erkranken droht, lässt sich mit einem neuen Test bestimmen. Die Kinderärzte entnehmen dabei ein paar Blutstropfen aus der Fingerkuppe im Helmholtz-Institut München. Dort wird die Probe auf bestimmte Antikörper hin untersucht, die eine Diagnose in einem Stadium erlaubt, in dem das Kind noch keine Symptome hat.

Er habe mit seinen Kollegen lange überlegt, ob die Vorteile der Untersuchung die Nachteile überwiegen, sagt Landendörfer, der auch dem Landesvorstand des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte angehört. Schließlich müssten die betroffenen Familien auch entsprechend länger mit der Diagnose leben.

Doch die Chance, Folgeschäden zu verhindern, habe ihn überzeugt. Außerdem können Kinder mit der Diagnose ab Sommer auch an einer Präventionsstudie teilnehmen, die den Ausbruch der Krankheit mit einer Art Impfung offenbar um bis zu zehn Jahre verhindern kann. „Und dann wird vieles leichter, weil die Kinder älter sind und anders mitmachen können“, so der Kinderarzt. Er hat den Test in seiner Mögeldorfer Praxis deshalb bereits im Dezember erprobt und bietet ihn jetzt allen Eltern seiner zwei- bis fünfjährigen Patienten an.

Bayernweit beteiligen sich an dem Projekt schon 40 Prozent der Kinderärzte. „Und täglich kommen neue Zusagen“, so Ziegler. Ein Jahr läuft die Früherkennungsstudie „Fr1da“, dann, so hoffen die Initiatoren, werden die Zahlen auch die Krankenkassen überzeugen. Bis dahin sollen rund 100 000 Kinder in Bayern untersucht worden sein, etwa 300 werden dann vermutlich eine Diagnose haben. Sie sollen von speziellen Diabeteszentren, etwa am Nürnberger Südklinikum, intensiv betreut werden, damit die Familien die Anzeichen der Erkrankung rechtzeitig erkennen. Mehrere Institutionen fördern das Projekt und sorgen so dafür, dass den Eltern keine Kosten entstehen. 

SILKE ROENNEFAHRT

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