18°

Dienstag, 14.08.2018

|

Einmal ein Star sein

Warum träumen heute so viele Menschen davon, berühmt zu werden? - 23.02.2018 18:24 Uhr

Christian Schicha, 53 Jahre, wurde im nordrhein-westfälischen Mülheim an der Ruhr geboren. Seit 2015 ist er Professor für Medienethik am Institut für Theater- und Medienwissenschaften an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg. Zu seinen inhaltlichen Schwerpunkten gehört auch die wissenschaftliche Untersuchung von Fernsehformaten wie etwa der Reality-Serie „Big Brother“. Der Experte hat unter anderem Beiträge für die Bände „Celebrity Culture – Stars in der Mediengesellschaft“ und „Medien, Kult und Eitelkeiten“ verfasst. © Foto: privat


Man hat den Eindruck, es gibt immer mehr junge Menschen, die, koste es, was es wolle, berühmt werden wollen. Gab es das schon immer oder nimmt es mit dem Medienangebot à la "Deutschland sucht den Superstar" und Co. zu?

Christian Schicha: Der Wunsch, berühmt zu werden, ist sicher kein neues Phänomen. Dafür ist heute aber nicht bei allen Fernsehformaten ein besonderes künstlerisches Talent erforderlich. Faktisch bekommen auch die Kandidaten Medienaufmerksamkeit, die besonders schräg auftreten. Insofern kann es verlockend sein, sich an derartigen Formaten zu beteiligen, wenn keine besondere Qualifikation erforderlich ist.

 

Hat der Druck auf junge Leute, "etwas Besonderes" sein zu müssen, zugenommen?

Schicha: Zumindest präsentieren sich die Menschen ständig in den Medien. Die permanente Selbstdarstellung erfolgt vor allem im
Internet über die sozialen Netzwerke. Insofern findet hier ein Wettbewerb um Aufmerksamkeit und Zustimmung statt. Es ist einfach und kostengünstig, die eigene Person in
Wort und Bild einer breiten Medienöffentlichkeit gegenüber zu präsentieren. Dies führt zwangsläufig dazu, die eigene Person mit der
zu vergleichen, die sich im Internet zeigt.

Es gibt ein berühmtes Zitat von Andy Warhol: Jeder kann 15 Minuten lang berühmt sein. Ist Berühmtsein heute etwas anderes als früher? Die Sender jubeln ja oft schnell Kandidaten zu Superstars hoch, genauso schnell sind sie dann aber weg vom Fenster . . .

Schicha: Es ist tatsächlich zwischen einer kurzfristigen Medienberühmtheit zu differenzieren, die in einer Castingshow einen Erfolg generieren konnte, und einem Künstler, der nachhaltig erfolgreich ist. Die wenigsten Gewinner derartiger Formate bleiben langfristig in den Medien präsent. Sie können in der Regel einen Hit erreichen und verschwinden dann wieder.

 

Auf den Bühnen der Fernsehsender tummeln sich vor allem junge Leute. Aber hat dieser Drang, berühmt sein zu wollen, überhaupt etwas mit dem Alter zu tun?

Schicha: Ich vermute, dass der Wunsch, berühmt zu werden, bei Jugendlichen besonders ausgeprägt ist. Auf der Suche nach Ruhm und Geld ist diese Altersstufe besonders prädestiniert, sich im Wettbewerb mit anderen zu messen und nach Anerkennung zu suchen.

 

Zäumen viele nicht das Pferd von hinten auf? Anstatt etwas mit Leidenschaft zu betreiben und dafür dann eventuell berühmt zu werden, wollen viele berühmt sein, ohne eine echte Leistung oder eine echte Passion für etwas zu haben.

Schicha: Derartige Versuche sind in der Regel ja auch nicht sonderlich erfolgreich. In der Regel setzt sich dann doch Qualität durch. Nur diejenigen haben meistens Erfolg, die hart an sich arbeiten und über ein professionelles Management verfügen, das weitere Medienauftritte organisiert.

 

Warum ist es für uns Menschen anscheinend so wichtig, gesehen zu werden? Wichtig zu sein? Sei es auf Instagram oder Facebook oder auf YouTube.

Schicha: Viele Menschen haben offensichtlich die Sehnsucht, öffentlich akzeptiert und beliebt zu sein. Die Zahl der Follower und Likes avanciert zu einer Währung, die sich gegebenenfalls auch finanziell nutzen lässt.

 

Und wieso haben sogenannte Influencer oder YouTube-Stars so viele Menschen, die ihnen folgen?

© Foto: colourbox.de


Schicha: Das hängt meines Erachtens damit zusammen, dass diese Personen sich gut als Identifikationsfiguren eignen. Sie sind in der Regel etwa genauso alt wie ihre Follower, sprechen dieselbe Sprache und wirken glaubwürdiger als die traditionellen Werbetestimonials. Es entsteht der Eindruck, von einem guten Freund oder einer guten Freundin Alltagstipps oder Produktempfehlungen zu bekommen.

 

Verlieren wir bei dieser Oberflächlichkeit echte Werte — oder ist das zu pessimistisch gedacht?

Schicha: Ich kann diese Entwicklung so dramatisch nicht finden. Jeder hat das Recht, Casting-Formate zu konsumieren, sich selbst daran als Kandidat zu beteiligen und sich bei YouTubern oder Influencern Rat zu holen. Gleichzeitig sollten mögliche Risiken und Nebenwirkungen bedacht werden. Medienauftritte in Fernsehen und Internet können für die Akteure auch höchst blamabel enden. Zudem kann davon ausgegangen werden, dass derartige Blamagen dann auch ständig wiederholt werden, wie das Beispiel "Deutschland sucht den Superstar" zeigt. Kritisch reflektiert werden sollten auch die Aussagen von Influencern, die ihre Tätigkeit vor allem als Geschäftsmodell betreiben. Hier sollte zum Beispiel transparent gemacht werden, von welchen Unternehmen sie für
ihre Produktempfehlungen bezahlt werden. 

Interview: ANETTE RÖCKL

Seite drucken

Seite versenden



Um selbst einen Kommentar abgeben oder empfehlen zu können, müssen Sie sich einloggen oder sich zuvor registrieren

Ihr Kommentar

Ihr Kommentar:

Bitte beachten Sie unsere Netiquette.

weitere Meldungen aus: Nürnberg