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In Schülerhände gehört ein Füller

Nürnberger Bildungsexpertin über das richtige Schreibgerät - 14.10.2016 20:51 Uhr

Nur wer mit dem Füller schreiben kann, der kann wirklich schreiben, sagt Stephanie Müller. © Foto:Bernd Rödel


Eltern von Nürnberger Grundschulkindern wunderten sich kürzlich, dass ihre Kinder in der zweiten Klasse begannen, mit dem Füller zu schreiben. In der dritten heißt es nun, sie bräuchten das nicht mehr, weil vielen die motorischen Fähigkeiten fehlten. Die NZ sprach darüber mit der Bildungsexpertin Stephanie Müller, die in diesem Bereich seit Jahren forscht und lehrt.

NZ: Frau Müller, ganz generell gefragt: Warum ist das Schreiben mit der Hand überhaupt so wichtig?

Stephanie Müller: Das Schreiben mit der Hand ist zum einen deshalb so wichtig, weil: Wer schreibt, der denkt auch. Einen Satz, ob ich ihn nun frei formuliere oder von der Tafel übertrage, muss ich vorher im Kopf formuliert und damit auch die Grammatik, den Satzbau und die Worte ausgewählt haben. Das heißt: Ich kann Sprache denken, ich beherrsche die Sprache.

NZ: Sie weisen in Ihrer Arbeit immer wieder darauf hin, wie wichtig das Thema Motorik ist.

Müller: Schreiben ist ein Bewegungsablauf, speziell ein feinmotorischer. Wenn ich die Feinmotorik sehr gut beherrsche, und zwar entspannt beherrsche, dann entlaste ich mein Gehirn. Es muss sich dann einfach nicht auf den Bewegungsablauf der Hand konzentrieren und damit kann ich besser denken: Ich kann eine Rechenaufgabe notieren und sie gleichzeitig ausrechnen. Wenn ich mich aber auf die Feinmotorik konzentrieren muss, geht das nicht.

NZ: Mit der Feinmotorik haben die Kinder zunehmende Probleme. Woran liegt das?

Müller: Im Grunde müsste ein Kind, wenn es schulreif ist, also angemeldet wird mit fünf, sechs, manchmal auch sieben Jahren, feinmotorisch ausgereift sein. Das wäre die Voraufgabe von Elternhaus und Kindergarten gewesen, da müsste schon ganz viel passiert sein. Aber wir haben in unserem Land eine wahnsinnige Bildungsorientierung – auch von der politischen Seite her. Man hat einfach zu viele kognitive, zu viele theoretische Bildungsinhalte in die Kindheit vorverfrachtet. Je mehr aber gebastelt und gewerkelt und mit den Fingern gespielt wird, desto besser ist auch die Feinmotorik ausgereift.

Stephanie Müller vom Mediastep-Institut


NZ: Wie lässt sich die Feinmotorik von Grundschulkindern noch verbessern?

Müller: Indem Lehrer und Eltern spielerisch Fingertraining und Fingerübungen anbieten. Das ist zwar im Grunde eigentlich nicht mehr der Job der Grundschule. Aber es geht hier darum, ein bisschen Feuerwehr zu sein. Freundschaftsbändchen flechten, Bügelperlen, Ministeck, Puzzle: Das sind alles so Sachen, mit denen man die Feinmotorik trainieren kann.

NZ: Hat eigentlich auch der Bewegungsmangel generell einen Einfluss auf die Feinmotorik?

Müller: Das hat auf alle Fälle miteinander zu tun. Denn durch die Bewegung entstehen auch andere Gehirnprozesse. Was bei den Schulanmeldungen seit zwei, drei Jahren immer wieder zu sehen ist: Viele Kinder können keinen Ball mehr fangen. Eine normale Reaktion wäre, die Hände zu heben und zu versuchen, den Ball zu fangen oder ihm zumindest hinterherzugucken. Aber mittlerweile reagieren die Kinder gar nicht mehr. Das hat viel damit zu tun, dass die Gesamtbewegung in der frühen Kindheit nicht mehr vorhanden ist. Außerdem kommt eine wahnsinnige Reizüberflutung durch Medien hinzu: schnelle, visuelle Informationen auf Displays und Bildschirmen.

NZ: Was passiert dabei mit den Kindern?

Müller: Die Kinder müssen mit den Augen unheimlich viel verarbeiten, aber der Körper sitzt währenddessen. Wenn ein Ball auf mich zufällt, ist das eine schnelle Bewegungsinformation, aber was haben Körper und Gehirn gelernt: Ich muss mich nicht bewegen, also tue ich jetzt nichts. Das ist angesichts der ganzen Evolution abstrus: Wir sind Angreifer oder Fluchttiere, also entweder muss ich versuchen, den Ball zu erwischen oder ich haue ab. Alles, was automatisiert ist, verschafft mir die Möglichkeit, mich mit meiner Denkleistung auf etwas anderes konzentrieren. Denken Sie an das Beispiel Türklinke. Was wäre, wenn wir jedes Mal überlegen müssten, wie man sie benutzt.

NZ: Was sagen Sie zum Thema Schreibgerät. Ist der Füller wirklich überflüssig?

Müller: Der Lehrplan macht keine Vorschriften, womit die Kinder schreiben sollen. Es gibt aber die Empfehlung, die Kinder mit dem Füller schreiben zu lassen. Nicht definiert ist allerdings, wann das Schreiben mit dem Füller beginnen soll. Die Entscheidung zu sagen, jetzt seid ihr so weit, jetzt können wir anfangen, liegt bei der Lehrkraft oder der Schule. Was ich auf jeden Fall sage: Ein Füller gehört nicht in die Schultüte. Keiner fängt heute in der ersten Klasse mit dem Füller an. Die Hand wächst noch bis zur zweiten oder dritten Klasse und dann passt er nicht mehr. Bitte erst dann ins Fachgeschäft gehen und einen Füller kaufen, wenn die Lehrerin sagt, jetzt ist es so weit. Ich vergleiche den Füllerkauf immer mit dem Schuhkauf.

NZ: Jetzt setzt sich aber immer mehr der Tintenroller durch.

Müller: Im Moment ist es üblich, in der zweiten Klasse nach Ostern mit Tinte anzufangen, da ist dann auch schon der Tintenroller dabei. Da frage ich in Fortbildungen immer: Wollt ihr ab einem bestimmten Zeitpunkt Tinte aufs Papier bringen oder wollt ihr den Kindern Schreiben beibringen? Der Füller ist das schwierigste Schreibgerät, das es gibt. Es geht nicht darum, Menschen zu Füllerschreibern zu erziehen. Aber wer mit Füller schreiben kann, der kann schreiben. Der Füller verlangt einen bestimmten Winkel, nicht zu steil nicht zu flach, und einen bestimmten Druck. Jeder Füller ist in jeder Kinderhand ein pädagogischer Assistent. Er gibt dem Kind direkt in die Hand eine Rückmeldung. Es kann zum Beispiel spüren, ob er kratzt.

NZ: Ist es denn in Ordnung zu sagen, wir nehmen den Tintenroller, weil die Kinder wegen mangelnder motorischer Fähigkeiten mit dem Füller nicht klarkommen?

Müller: Der Tintenroller ist im Grunde das gleiche Werkzeug wie der Kugelschreiber. Die Kinder fangen an, sehr unordentlich bis unleserlich zu schreiben. Beim Schreiben mit dem Füller wird die Schrift schöner. Wer mit dem Füller ordentlich schreiben kann, der kann von mir aus danach jedes Werkzeug der Welt in die Hand nehmen. Sie können den Tintenroller oder Bleistift in der Hand halten, wie sie wollen, sie können damit schreiben. Mit dem Füller geht das nicht. Es ist ein Teufelskreis: Wenn meine Feinmotorik nicht automatisiert funktioniert, kann ich meine Denkleistung nicht steigern. Mit einer laschen oder verkrampften Stifthaltung wird die Arbeit mit der Hand von der Konzentration her so anstrengend, dass ich ständig meine Gehirn-Ressourcen belaste.

NZ: Auch deshalb plädieren Sie dafür, dass die Kinder lernen sollen, mit dem Füller zu schreiben.

Müller: Ja. Deswegen sage ich: Auch wenn es den Kindern schwerfällt, dieser Prozess muss sein. Der Tintenroller mag eine Erleichterung für die Lehrkraft sein. Aber damit trainieren Kinder die Grundfähigkeit, Basiskompetenz und Kulturtechnik, richtig zu schreiben, nicht. Wir müssten auch die Ausbildung an der Universität anders aufstellen.

Stephanie Müller bietet am Mittwoch, 19. Oktober, von 9 bis 16 Uhr eine Fortbildung zum Thema „Wie Schreiben gelingt. Entwicklung der Schreibkompetenz, Fein-, Grapho- und Schreibmotorik“ an. Veranstalter ist das Institut für Padägogik und Schulpsychologie (IPSN) der Stadt Nürnberg. Mehr dazu unter www.pi-nuernberg.de im Internet. Weitere Informationen über Fortbildungen und Beratungen unter
http://www.mediastep-institut.de
 

Fragen: Gabi Eisenack

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