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Inklusion: "Kindern mit Handicap müssen alle Schulen offenstehen"

Interview mir Gerald Klenk, der einen Umbau des Bildungssystems fordert - 12.09.2017 20:35 Uhr

Es wird noch lange dauern, bis an Schulen in Nürnberg und im ganzen Land Kinder mit Behinderung ganz selbstverständlich mit im Unterricht dabei sind. © Holger Hollemann/dpa


Herr Klenk, Sie sind in der Lernwirkstatt Inklusion aktiv, die Lehrern Methoden für einen gemeinsamen Unterricht von Kindern mit und ohne Handicap an die Hand gibt. Darüber hinaus kämpfen Sie noch in vielen anderen Gremien für einen inklusiven Unterricht. Warum müssen wir aus Ihrer Sicht weg von getrennten Schulen für Kinder mit und ohne Behinderung?

Gerald Klenk: Derzeit haben wir ein System, in dem Kinder mit Einschränkungen in ein als normal deklariertes Schulsystem hereingelassen werden. Ich würde das lieber Integration statt Inklusion nennen. Es ist natürlich toll, was Lehrer an den sogenannten Leuchtturmschulen, in denen Sonderpädagogen die Regelschullehrer unterstützen, leisten. Was wir aber brauchen, ist ein umfassender Umbau des Schulsystems. Kinder mit Einschränkungen müssen jede Schule in ihrem Stadtteil besuchen können.

Wie muss eine inklusive Schule aussehen?

Klenk: Regel- und Förderschulen müssen neu zusammengedacht werden. Das bestehende Doppelsystem ist teuer und fördert nicht die Teilhabe. Wir brauchen eine Schule, die alle Kinder gemeinsam nach ihren Möglichkeiten und Begabungen unterrichtet. In einer inklusiven Schule gehören alle dazu, keiner wird großzügiger Weise reingelassen und muss an einem Einheitsunterricht teilnehmen. Bislang geht es viel zu sehr um das Leistungsprinzip und die frühe Auslese.

Sehen Sie keine Einschränkungen bei der Schwere der Behinderungen?

Klenk: Wenn wir die Sonderpädagogen vernünftig auf die Regelschulen verteilen, kann auch ein schwerstbehindertes Kind in der Schule anwesend sein und die Gemeinschaft mit den anderen Schülern spüren. Letztlich geht es um die Frage, wie man zusammenleben will, in der Schule wie in der Gesellschaft. Und wie wir das soziale neben dem kognitiven Lernen gewichten.

Die Förderzentren wehren sich dagegen, in Regelschulen aufzugehen.

Klenk: Das ist auch verständlich, da spielen Gewohnheiten und Besitzstände eine Rolle. Die Sonderpädagogen verdienen besser als Regelschullehrer.

Gerald Klenk ist Schulrat am staatlichen Schulamt im Nürnberger Land und 1. Vorsitzender des Vereins Lernwirkstatt Inklusion. © privat


Das bestehende System wird nicht schnell über Bord zu werfen sein. Es gibt aber gute Ansätze. Anfang des Jahres trafen sich der Bundesverband der Sonderpädagogen und der Grundschulverband in Frankfurt, um ein gemeinsames Papier zur Inklusion zu erarbeiten.

Man könnte aber auch sagen: Es ist doch schon heute alles in Butter, schließlich können behinderte Kinder mit einem Schulbegleiter am Regelunterricht teilnehmen.

Klenk: Stellen Sie sich mal drei Kinder mit Schulbegleiter in einer Klasse vor - da wird das System absurd. Es kann nicht darum gehen, Assistenzen auszuweiten. Wenn wir mehr pädagogisches Personal in den Klassen hätten, wäre das auch nicht nötig.

Der Nürnberger Schulausschuss plädiert für einen "behutsamen Übergang der Förderzentren zu den allgemeinbildenden Schulen", ein guter Ansatz?

Klenk: Wenn behutsam heißt, dass man schwierige Probleme nicht anpackt, dann nicht. Natürlich sind Lehrer stark belastet, aktuell vor allem durch die Personalknappheit, doch man muss trotzdem etwas von ihnen fordern.

Inklusion ist schließlich ein Menschenrecht, die Kinder und Familien haben einen Anspruch darauf. Barrieren im Kopf müssen abgebaut werden. In einer Schule für alle bleiben auch die Begabten nicht zurück, im Gegenteil. Studien zeigen das.

Haben wir gerade schlechte Zeiten für Inklusion?

Klenk: Tatsächlich kommt Inklusion derzeit immer mehr in Verruf. Sie wird durch die Debatte über soziale Ungerechtigkeit und die Integration der Flüchtlinge, auch in der Schule, verdrängt. Im Wahlkampf setzen Parteien am rechten Rand stark auf Ausgrenzung. Jetzt muss man tatsächlich einen langen Atem haben. 

Interview: Ute Möller

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