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Keiner will sie: In Nürnberg stapeln sich Telefonbücher

In vielen Stadtteilen werden Exemplare einfach ausgeteilt - 13.08.2017 05:52 Uhr

Ein aktuelles Foto aus der Kaeppelstraße in St. Jobst: Gut drei Viertel der verteilten Telefonbücher bleiben ungenutzt liegen. © Foto: Rurik Schnackig


Um ein Stimmungsbild zu erhalten, veröffentlichten die Nürnberger Nachrichten auf Facebook das aktuelle Foto eines liegen gebliebenen Telefonbuchstapels. Ein Bild, wie es momentan in zahlreichen Stadtteilen und Straßen gemacht werden kann. Sofort brach unter den Internetnutzern eine Diskussion aus. Binnen kurzer Zeit hagelte es über 100 Kommentare.

"Diese Bücher braucht doch kein Mensch", echauffiert sich ein Facebook-Nutzer. "Zwangsbemüllung", schreibt ein anderer. "Ich benötige dank Internet kein Telefonbuch und finde es absolut unnötig, vor jeder Haustür einen Stapel abzulegen", regt sich eine weitere Nürnbergerin auf.

Nur vereinzelt gibt es Stimmen, dass man doch bitte schön auch an ältere Menschen denken möge, die nicht im Internet unterwegs sind. Eine Frau schreibt auch, dass sie, bevor sie ihren Rechner hochfährt und die Suchseite aufruft, einfach wesentlich schneller im Telefonbuch die gewünschte Person findet.

Herausgeber der Verzeichnisse ist der Müller-Verlag. Dort wundert man sich überraschenderweise, wie die Bücher eigentlich in die Häuser kommen. "Im Nürnberger Stadtgebiet haben wir keine Telefonbücher an die Haushalte verschickt", sagt Roberto Mura. Er ist der Geschäftsführer des in Nürnberg ansässigen Verlages, der die Gelben Seiten und das Telefonbuch gemeinsam mit DeTeMedien, einem Tochterunternehmen der Deutschen Telekom, herausgibt.

Lediglich Belegexemplare habe der Verlag verschickt, als Nachweis an Anzeigenkunden. Die seien explizit adressiert erfolgt, damit die Bücher nicht irgendwo anders landen. Privathaushalte hätten vom Verlag Abholkarten per Post bekommen, sagt Mura. Mit dem Papier können die Empfänger bei Bedarf ein Doppelpaket des Verzeichnisses abholen - in Postfilialen oder in Supermärkten.

Wie aber kamen die Bücher ungefragt in etliche Vorgärten und Hausflure? Auch die Post will nichts damit zu tun haben: "Wir haben die Bücher nicht massenweise zugestellt", sagt Post-Sprecher Erwin Nier. Nur einige Pakete, die adressiert waren, seien verteilt worden. Die Bücher stapelweise in der Stadt verbreitet hätten aber weder Brief- noch Paketzusteller.

Offensichtlich ist es die Telekomtochter DeTeMedien, die in Nürnberg die Verteilung veranlasst - wie in anderen Städten auch. Trotz mehrfacher Anfrage der Lokalredaktion hat sich das Unternehmen mit Sitz in Frankfurt jedoch nicht dazu geäußert. Dabei gibt es derzeit laut Medienberichten vielerorts Ärger, weil die Druckerzeugnisse liegen bleiben und die Empfänger sich selbst um die Entsorgung der in Folie verschweißten Bücher kümmern müssen. Ein verärgerter Facebook-Nutzer schlägt vor: "Absenderadresse drauf, Vermerk ,Kein Bedarf‘ - und ab damit in den nächsten Briefkasten".

Beim Müller-Verlag sieht man den Bedarf aber grundsätzlich gegeben: Drei Viertel der Bürger, das habe die Marktforschung ergeben, wünschten noch ein Telefonbuch. Die einzelnen Stapel sprechen jedoch eine andere Sprache, wie Stichproben der Lokalredaktion zeigen. Hier können etwa drei Viertel der Haushalte auf die Druckwerke verzichten.

Insgesamt, so Roberto Mura, habe der Verlag auf die veränderten Gewohnheiten aber reagiert und die Druckauflage deutlich gesenkt. "Vor zwei, drei Jahren waren wir noch bei einer Auflage von über 400.000 Büchern für den Großraum Nürnberg, inzwischen sind wir nur noch bei 300.000." 

Julius Fiedler, Rurik Schnackig

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