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Kontra Klimastreiks: Das traurigste Bild liefert die Kanzlerin ab

NN-Redakteur Harald Baumer über den Konflikt zwischen Schulpflicht und Demos - 15.03.2019 10:31 Uhr

Diesen Freitag soll die Protestbewegung "Fridays for Future" ihren vorläufigen Höhepunkt erreichen - Auch in Nürnberg gehen Schüler wieder auf die Straße. © Michael Matejka


Sehr viel dümmer als FDP-Chef Christian Lindner kann man es nicht anstellen. "Das ist eine Sache für Profis", sagte er ziemlich arrogant mit Blick auf die Schülerinnern und Schüler, die auch diesen Freitag wieder für den Klimaschutz und gegen die Erderwärmung demonstrieren.

Darf man erst mit 18 den Mund aufmachen, selbst wenn es um die Zukunftsfragen der Erde und damit um die eigene Zukunft geht? Wir sollten dankbar sein, wenn sich die Jugend engagiert. Das ist nämlich genau das, was wir immer fordern.

Gleichzeitig darf aber der Respekt vor den politisch engagierten jungen Menschen und ihrer Ikone Greta Thunberg nicht bedeuten, dass ihnen gegenüber überhaupt keine Kritik mehr geäußert werden kann bzw. dass derjenige, der das tut, sofort als Spießer beschimpft wird. Wer einem so wegen des guten Zwecks den Mund verbieten will, der ist auf seine Weise nicht besser als Christian Lindner.


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Zu den berechtigten Anmerkungen gehört es, auf den Konflikt zwischen der Schulpflicht und den Demos hinzuweisen. Als spektakuläre Aktion mag es in Ordnung sein, ein, zwei- oder dreimal einen Schultag zu versäumen. Aber viele Wochen lang? Ohne dass man irgendwie zur Rechenschaft gezogen würde? Was, wenn als Nächstes mit ähnlicher Berechtigung die Friedensaktivisten und Tierschützer dasselbe machen? Es wäre schwer, ihnen das zu verbieten.

"Politischer Wendehals"

Das Mindeste wäre es, diesen Konflikt zwischen Schulpflicht und Gewissensentscheidung (zugunsten der Demo) ausführlich zu thematisieren. Wäre es nicht ein guter Kompromiss, sich darauf zu einigen, dass die Proteste in der Regel außerhalb und nur im Ausnahmefall während der Schulzeit stattfinden sollten?


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Fragwürdige Rolle Ebenfalls eine Überlegung wert ist es, einmal in Ruhe die Rolle von Greta Thunberg zu bedenken. Heißt es nicht eigentlich, eine 16-Jährige komplett zu überfordern, wenn man sie mit Überschriften wie "Great, greater, Greta" zu einer Jeanne d’Arc des Klimaschutzes hochjubelt? Es ist befremdlich, wenn sie in Schweden zur wichtigsten Frau des Jahres ernannt wird. Und wenn sie unter allgemeiner Begeisterung miserable Zensuren zum deutschen Kohlekompromiss erteilen kann, ohne näher auf Fragen wie Versorgungssicherheit und Bezahlbarkeit eingehen zu müssen.

Das traurigste Bild liefern aber leider viele Spitzenpolitiker, allen voran die Kanzlerin ab. Nachdem Angela Merkel zunächst Zweifel an den Demos während der Schulzeit geäußert hatte, bemerkte sie anscheinend, dass sich die öffentliche Stimmung zugunsten der Schüler wandelte — und trat plötzlich selbst als eine Art oberste Anwältin der Demonstrierenden auf. Von der Schulpflicht war bei ihr nicht einmal mehr am Rande die Rede. So etwas muss man wohl einen politischen Wendehals nennen. Das wiederum ist für die Jugend nicht gerade ein vorbildhaftes Verhalten.

 

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