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Köpke: "Wir müssen eine neue Geschichte schreiben"

DFB-Torwarttrainer über Neuers Punktlandung, Deutschlands Rolle und mehr - 13.06.2018 06:33 Uhr

"Er weiß genau, was bei so einem Turnier auf ihn zukommt": Torwarttrainer Andreas Köpke (rechts) mit Manuel Neuer, der Nummer eins im deutschen Tor. © Soeren Stache


Herr Köpke, bei einigen Wettanbietern wird nicht der Weltmeister Deutschland als WM-Top-Favorit gehandelt, sondern Brasilien. Auf wen würden Sie wetten?

Andreas Köpke (lacht): Ich halte mein Geld lieber zusammen! Es sind doch immer die üblichen Verdächtigen, die vor einer WM als Favoriten genannt werden. Wir natürlich, Brasilien, Spanien, Frankreich. Die Argentinier, auch wenn sie die Qualifikation diesmal nur mit Hängen und Würgen geschafft haben, und wie immer auch die Engländer. Dazu kommen noch ein paar sogenannte Geheimfavoriten wie Belgien oder Portugal. Vielleicht kann auch eine afrikanische Mannschaft für Furore sorgen, auch wenn es wahrscheinlich wieder nur maximal für das Viertelfinale reicht.

Also doch Deutschland?

Köpke: Wir sind Titelverteidiger, haben vor einem Jahr auch den Confed Cup gewonnen und die Qualifikation ohne Niederlage souverän gemeistert. Wenn wir als Weltmeister jetzt sagen würden, wir fahren nicht als einer der großen Favoriten nach Russland, dann wäre das Tiefstapelei.

Deutschland hat es noch nie geschafft, den Titel zu verteidigen. Das ist überhaupt erst zwei Teams gelungen. Italien 1938 und Brasilien 1962...

Köpke: Das ist mein Geburtsjahr. Vielleicht bringt uns das ja Glück. Aber an die WM 1962 kann ich mich beim besten Willen nicht erinnern… Im Ernst: Auch diese Statistik verdeutlicht, dass ein brutal schweres Turnier auf uns zukommt. Denn wir sind die Gejagten.

Folglich wird man besonders aufmerksam auf der Hut sein müssen und sich mit welchen Mitteln wehren?

Köpke: In den meisten Spielen werden wir anrennen. Die Gegner werden abwarten, wir werden häufiger in Ballbesitz sein und sind dann gezwungen, offensiver zu spielen. Dazu haben wir die richtigen Spieler, mit denen wir immer wieder Lösungen finden und Flexibilität an den Tag legen können.

Konkurrenzkampf im DFB-Tor

Aber erst einmal muss hinten die Null stehen. Wir erleichtert sind Sie, dass Manuel Neuer rechtzeitig zur WM fit geworden ist? Und wann war Ihnen klar, dass es reicht?

Köpke: Es war ein Punktlandung, mit dem Spiel gegen Österreich waren die letzten kleinen Zweifel verflogen. Er hat in der Vorbereitung jede Trainingseinheit ohne Probleme voll mitgemacht. Da war mir recht schnell klar, dass, wenn der Fuß nicht auf die Belastung reagiert, er es schafft.

Trotzdem: Dass ein Torwart nach fast einjähriger Verletzungspause als Nummer eins zu einer WM reist, hat es so wahrscheinlich noch nie gegeben. Schwingen da nicht doch ein paar Prozent Restrisiko mit?

Köpke: Es waren acht Monate, und wir hätten uns sicherlich auch den ein oder anderen Einsatz in der Bundesliga gewünscht. Doch nach meiner Einschätzung gibt es kein Restrisiko. Manu ist einer von denen, die nicht so viel Spielpraxis brauchen, um relativ schnell wieder reinzukommen. Das hat er vor der WM 2014 bewiesen. Nach einer Schulterverletzung konnte er erst in Brasilien wieder richtig trainieren nach zwei, drei Wochen Pause. Er weiß genau, was bei so einem Turnier auf ihn zukommt, von der körperlichen Belastung her und mental.

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Der Plan B mit Marc-Andre ter Stegen lag in der Schublade. Wie geht die Nummer zwei mit der Situation um?

Köpke: Für Marc ist es nicht einfach, aber er weiß auch, dass es eine besondere Situation ist. Wir sind mit Manuel Weltmeister geworden und er ist unser Kapitän, deshalb haben wir alles versucht, damit er dabei sein kann. Wir hätten aber keinerlei Bedenken gehabt, eine WM mit Marc als Nummer eins zu spielen. Mit ihm haben wir den Confed-Cup gewonnen und er hat eine phantastische Saison mit dem FC Barcelona gespielt.

Extrovertierte Typen wie etwa Uli Stein hätten in so einer Situation vermutlich ein Fass aufgemacht und Unruhe ins Team getragen. Täuscht der Eindruck, dass gerade bei den Torhütern Professionalität und Sachlichkeit stärker ausgeprägt sind als bei früheren Spielergenerationen?

Köpke: Das ist der ganzen Entwicklung des Fußballs und speziell des Torwartspiels geschuldet. Früher haben wir Torleute viel allein trainiert, mit dem Torwarttrainer ein eigenes Team im Team gebildet. Heute sind die Keeper ganz anders in die Abläufe integriert und damit auch in die Mannschaft. Das geht schon beim Warmmachen an, setzt sich fort über Passformen und taktischen Vorgaben. Heute bist du permanent gefordert. Hinzu kommt, dass wir tatsächlich andere Charaktere haben. Ich will nicht von flacher Hierarchie reden, aber früher war es schon so, dass ein Lothar Matthäus oder Rudi Völler mehr oder weniger alles bestimmt haben. Heute hast du vier, fünf Spieler im Spielerrat, die die anderen führen. Es wird nicht kaum noch was nach außen getragen, heute sind klare Worte vor allem intern gefragt.

Respekt auf der ganzen Welt

Hätte der Andreas Köpke von 1996 heute noch Weltklasseniveau?

Köpke: Das ist schwer zu beantworten, auf jeden Fall hätte ich mein Torwartspiel umstellen müssen. Früher stand ein Libero hinten drin, da musste der Torwart nicht aus seinem Strafraum raus. Aber das Spiel hat sich wie gesagt verändert. Je weiter die Abwehrreihen nach vorne geschoben werden, desto offensiver spielt der Torwart heute. Er ist der elfte Feldspieler, er muss fußballerisch gut ausgebildet sein, am besten beidfüßig. Das war zu meiner Zeit oder später bei Oliver Kahn noch gar nicht so gefordert. Der Keeper heute muss zudem die Spieleröffnung beherrschen. Er muss das Spiel lesen können, antizipieren, ahnen, wo die Bälle hinkommen. Entscheidend ist freilich immer noch das Kerngeschäft – nämlich, dass man sein Tor sauber hält.

Nicht nur der Torwart agiert heute anders, die Mannschaft praktiziert einen komplett anderen Stil als etwa in den 1980er Jahren, als man sich mehr oder weniger in die Endspiele geknüppelt hat. Haben Sie auch den Eindruck, dass der deutsche Fußball inzwischen ganz anders wahrgenommen wird?

Köpke: Man hört schon überall, dass wir uns über die Art, wie wir Fußball spielen, in den letzten Jahren sehr viel Respekt verschafft haben. Unser Standing ist enorm gewachsen auf der ganzen Welt, weil es eben technisch feiner Fußball ist. Und weil die Mannschaft auch sympathisch und nie überheblich auftritt.

So wie beim legendären 7:1 im Halbfinale gegen Brasilien?

Köpke: Eine surreale Situation. Wir haben ungläubig angeguckt. Die größte Schwierigkeit bei diesem Spiel war, in der Halbzeit die richtigen Worte zu finden. Joachim Löw hat das perfekt gelöst: Nicht nachlassen, aber auf keinen Fall irgendwelche Kunststückchen ausprobieren oder den Gegner vorführen. Es war dann ja auch beeindruckend, wie wir die Mannschaft mit diesem Sieg umgegangen ist. Statt eine Ehrenrunde zu laufen, haben wir Brasilien Mitgefühl gezeigt.

Wünschen Sie sich eine Neuauflage des Spiels gegen Brasilien?

Köpke: Die Chance ist ja nicht so gering. Wenn einer von uns beiden nicht so optimal durch die Vorrunde kommt, dann kann es sogar sein, dass wir im Achtelfinale gegen Brasilien spielen. Das muss ich nicht haben. Dann lieber erst im Finale.

Die Italiener können der deutschen Elf diesmal kein Bein stellen. Bedauern Sie, dass die Azurri nicht dabei sind – nachdem man das Italien-Trauma bei der EM 2016 in Frankreich endlich überwunden hat?

Köpke: Das ist schon bitter, dass der vierfache Weltmeister nicht am Start ist. Oder auch Holland, oder Chile. Das sind Länder, die einfach dabeisein müssen. Die Italiener hatten schon oft Probleme in der Qualifikation, sind dann auch schwer ins Turnier reingekommen, konnten sich aber von Spiel zu Spiel steigern. Und plötzlich waren sie wieder im Halbfinale oder gar im Finale. Das ist eine harte Nummer für meine italienischen Freunde. Im Moment hat sich dort alles wieder etwas beruhigt. Aber der Schmerz kommt zurück, wenn die WM losgeht.

Keine Sonne, kein Strand

Wann beginnt für Sie das Kribbeln im Bauch vor so einem Turnier?

Köpke: Eigentlich erst dann, wenn wir das Gastgeberland betreten. Wenn wir nicht in unseren eigenen Bus steigen, sondern in einen neutralen von der Fifa. Wenn wir unser Basiscamp beziehen.

Vor vier Jahren gingen die traumhaft schönen Bilder vom Campo Bahia um die Welt. Die Abgeschiedenheit und die spezielle Atmosphäre dort soll ja nicht unwesentlich zum Erfolg beigetragen haben. Warum logiert die Equipe diesmal an der eher nüchternen Peripherie von Moskau?

Köpke: Eigentlich wäre mir Sotschi lieber gewesen. Aber es geht nicht darum, dass wir Sonne und Strand haben. Es geht um Logistik, um die Überlegung, wie wir den größtmöglichen Erfolg erzielen können. Ab dem Viertelfinale spielt sich alles in Moskau ab. In der entscheidenden Phase ist man froh über jede Stunde, die man nicht im Flugzeug verbringen muss. Campo Bahia war natürlich ein Übertraum, obwohl da auch nicht ständig die Sonne geschienen hat und wir jedesmal eine Fähre benutzen mussten, um dorthin zu kommen. Doch wenn du am Ende den Pokal hochhalten kannst, hast du alles richtig gemacht. Von Campo Bahia müssen wir uns einfach verabschieden und eine neue Geschichte schreiben.

Wieder mal. Für Sie persönlich ist Russland bereits das vierte WM-Turnier als Torwarttrainer. Und eins kommt ja mindestens noch dazu, Ihr Vertrag läuft bis 2022. Amtsmüdigkeit kennen Sie nicht?

Köpke: Als vor einigen Jahren bei der WM-Vergabe das Schild mit Katar hoch gehalten wurde, da habe ich Joachim Löw angeguckt und gesagt: Zum Glück haben wir damit nichts mehr zu tun... Aber da sieht man mal wieder, dass man im Fußball nicht langfristig planen kann. Ich bin jetzt schon 14 Jahre dabei, und ich blicke gerne und stolz zurück. Wir waren bei den Turnieren immer bis zum Schluss dabei, mindestens bis zum Halbfinale. Okay, hier und da hat der letzte Tick gefehlt. Vor zwei Jahren bei der EM waren wir die beste Mannschaft. Doch manchmal entscheidet eben ein Elfmeter, ein Schiedsrichterpfiff oder Verletzungspech darüber, ob es zum ganz großen Wurf reicht. Trotzdem macht mir die Arbeit in diesem Trainerteam wahnsinnig Spaß. In der Konstellation mit Joachim Löw gab es für mich nie Zweifel, den Vertrag immer wieder zu verlängern.

Sind Sie in diesen 14 Jahren auch Freunde geworden?

Köpke: Ja, inzwischen schon. Über all die Jahre entwickelt sich mehr als nur ein Arbeitsverhältnis. Wir haben ja auch viel durchmachen müssen, es gab auch Nackenschläge. Aber gerade da zeigt sich, wie man miteinander umgeht und welchen Rückhalt man hat.

Gibt es trotzdem mal Streit?

Köpke: Es gehört dazu, dass man mal anderer Meinung ist und Dinge kontrovers diskutiert. Dann wird das Für und Wider abgewogen und im Team entschieden. Jogi ist da ja nicht beratungsresistent.

Vor Ihrer Trainerzeit haben Sie auch schon drei WM-Turniere als Aktiver mitgemacht. Sie sind 1990 als Club-Spieler Weltmeister geworden, wenn auch ohne Einsatz. Welche Rolle macht eigentlich mehr Spaß?

Köpke: Beides sind Super-Erfahrungen, aber man kann es nicht miteinander vergleichen. Als Spieler bist du mittendrin im Spielgeschehen, als Trainer hast du während des Spiels kaum die Möglichkeiten einzugreifen. Die Anspannung auf Trainerbank ist schon enorm, aber ich möchte auf keines der erlebten Turniere verzichten. Weder als Spieler noch als Trainer.

Warme Worte für den Club

Im WM-Kader für Russland steckt auch ein Stückchen Nürnberg. Wie beurteilen Sie den Werdegang der früheren Club-Spieler Ilkay Gündogan und Marvin Plattenhardt?

Köpke: Ilkay hat in den letzten Jahren eine enorme Entwicklung gemacht, ist körperlich und mental gereift und mittlerweile auf einen ganz hohen Niveau unterwegs bei Manchester City. Für Marvin war es zweifellos ein wichtiger Karriereschritt, zu Hertha BSC zu wechseln. Zu einem Verein, der höher spielt und andere Ziele hat. Man wächst auch mit den Aufgaben.

Dieses Motto könnte in der neuen Saison auch für den 1. FC Nürnberg gelten. Sie wohnen in Nürnberg. Werden Sie künftig wieder häufiger auf der Tribüne sitzen?

Köpke: Für mich ist das super, dass ich nicht immer quer durch Deutschland fahren muss. Das freut mich, keine Frage. Es tut der Bundesliga überhaupt gut, dass mit dem Club und Fortuna Düsseldorf zwei Traditionsvereine aufgestiegen sind. Ob es zum Klassenerhalt reicht? Es ist fast wie bei der WM und den üblichen Verdächtigen. Als Aufsteiger bis du immer in der Verlosung, aber hast auch fünf, sechs Mannschaften, die ein Niveau haben und mit denen du mithalten kannst.

Deutschland wird also Weltmeister und der Club bleibt erstklassig?

Köpke: Ich hätte rein gar nichts dagegen. 

Interview: Harald Büttner und Hans Böller

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