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Kreativität der Kritiker

Schöner Brunnen: Plakate und Postkarten am Zaun - 17.05.2006

Blumen, Plakate, Postkarten: Passanten studieren die „Wandzeitung“ am Zaun um den Schönen Brunnen. Foto: Matejka


Vor dem blauen Eimer mit gelbem Waschlappen bleiben sie fast alle stehen. Wer das «Nermbercher Greinamerla“ aufgehängt hat, ist nicht vermerkt. Doch es zieht die Blicke auf sich. Ob dieser Eimer als Zustimmung zur Skulptur zu werten ist oder als subtile Kritik, bleibt offen. Auf jeden Fall sucht der Urheber noch «Sponsoren für Taschentücher“.

Der Protest über das Objekt - und zum kleinen Teil auch die Anerkennung - macht sich nicht mehr nur in lautstarken Debatten im Schatten der alten Stadionstühle Luft, die der Münchner Künstler Olaf Metzel aufgebaut hat. Immer häufiger verewigen Passanten ihre Gefühle auf einem Blatt Papier. Die Kreativität der Kritiker dabei ist groß.

Von einem «Denk-Maly“ ist da in Anspielung auf den Oberbürgermeister die Rede, vom «Turmbau zu BlamABEL“ oder «Wir lassen unsere Stadt nicht vermetzeln“. Auf einem anderen Poster heißt es: «Metzels Stuhlgang“. Gebote für eine Versteigerung der Skulptur, so fordert jemand, sollen im Büro der Kulturreferentin im Rathaus abgegeben werden.

Nicht alle haben sich geistreich verewigt. So hängt ein benutztes Stück Toilettenpapier in Folie am Zaun. Oder ein paar Müllreste, die provokant als Kunst deklariert werden. Auch vulgäre Beschimpfungen des Künstlers sind abgedruckt. So einfach ist echte Kritik dann doch nicht.

Die Fotografin Dagmar Hahn-Hübl ist von Anfang an dabei und dokumentiert das Geschehen rund um den Schönen Brunnen. Fast 80 Fotos hat sie bereits ins Internet gestellt (www.hh-fotodesign.de), auf denen die Produkte dieser temporären Nürnberger Wandzeitung abgelichtet sind. Manche Originale sind nämlich längst verblichen oder abgerissen. Ein anderer Fotograf hat zudem Nachtbilder von der Stühle-Skulptur aufgehängt.

Überlebt haben zwei kleine goldene Ringe, die ein Crêpes-Verkäufer am Zaun befestigt hat. Sie sind als kleiner Ersatz für die Goldenen Ringe am echten Brunnen-Zaun gedacht, die ja nun vorerst - entgegen der ursprünglichen Absicht - nicht mehr zugänglich sind.

Damit sich die Touristen ein Bild vom Brunnen machen können, wie er normal aussieht, haben einige Bürger Postkarten aufgehängt. Ein 84-jähriger Maler zeigt den Brunnen in Aquarell und fragt: «Ist das Kunst, ein Wahrzeichen zu verstecken?“ Da soll der kleine Zettel, der im Wind flattert, wohl zusätzlichen Trost spenden mit den Worten: «Das Ding kommt ja wieder weg“. Auf einem großen Plakat heißt es: «Das ist Kunst. Nürnberg hat Geschmack“. Um die Wogen etwas zu glätten, hat Eleonore Ender Blumen am Zaun aufgehängt. Sie kauft sie zum Teil von den Marktfrauen. «Ich will den Unmut der Menschen auf eine angenehmere Ebene heben“, sagt sie. Ein gutes Dutzend Pflanzen hängen schon. Die Farbtupfer wirken dekorativ an diesem schnöden Draht. 

ANDREAS FRANKE

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