Montag, 17.12.2018

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Maly: "1:1-Umstellung auf E-Autos ist keine Lösung"

Pläne für Fahrradstraßen und eine digitale Scheckkarte zur Mobilitätsabrechnung - 06.03.2018 05:58 Uhr

Nürnbergs OB Ulrich Maly plädiert dafür, vor allem bei Lieferverkehr und Taxen auf Elektroantrieb zu setzen. © dpa


Die umfassende Vernetzung der Mobilität gilt als das große Zukunftsthema für Ballungsräume. Wie bringt man aus Ihrer Sicht die unterschiedlichen Akteure, also kommunale Verkehrsbetriebe, Verbünde, Carsharing und Radverleih und nicht zuletzt den Individualverkehr zusammen?

Maly: Im Bestand geht es nur so, indem man sagt, die großen Akteure übernehmen Zusatzleistungen. Das ist auch der Grund, warum die VAG das Fahrradverleihsystem in Nürnberg künftig macht. Das funktioniert nur als Ergänzung zum bestehenden ÖPNV. Wo wir neue Siedlungen bauen, muss man ein Stück weiterdenken. Ein Prototyp könnte die Hochschulentwicklung an der Brunecker Straße sein, wo wir sagen, wir fangen gar nicht erst an, in dieser Dualität – ein Mensch, ein halbes Auto – zu denken, sondern wir denken: ein Mensch, ein Fahrrad, eine Jahreskarte, ein Carsharing-Angebot und benutzbare Grünflächen. Dann müssen wir uns als Stadt aber selbst von der Stellplatzsatzung "befreien". Dann müssen wir die Geschäftsgrundlage klarlegen und sagen: Wer dort wohnt und ein Auto besitzt, kann nur von hinten hinfahren und nicht von vorne, weil vorne ist alles autofrei. Und als Mieter hast du in deiner Miete die Zeitkarte drin, ob du willst oder nicht, und hast einen anständigen Fahrradstellplatz. Das müssen wir ausprobieren.

Lassen Sie uns nach Kopenhagen blicken. Dort hat der Radverkehr Vorfahrt vor den Autos und einen Verkehrsanteil von bald 50 Prozent. Wieso klappt das in Nürnberg nicht?

Maly: Weil wir aus einer anderen Tradition kommen und ein anderes Publikum haben, und weil wir den Komfort, den Radfahren braucht, noch nicht hergestellt haben. Die Denkwelt der traditionellen Verkehrsplaner war: Ich muss den Autoverkehr flüssig halten, und wenn noch Platz ist, kommt ein Radweg dazu. Solche Radwege haben wir. Meine Radstrecke ins Rathaus - Katzwanger Straße, Pillenreuther Straße - das ist so ein schrecklicher alter. Rechts sind die parkenden Autos, so dass du immer schauen musst, sitzt da einer drin und reißt gleich die Tür auf. Links ist die unechte Zweispurigkeit, was dazu führt, dass Lkw und Pkw den weißen Streifen überfahren.

In Kopenhagen ist der Fahrradweg vier Meter breit. Die Lösung wird in Nürnberg nicht sein, dass wir zusätzliche Räume suchen, auf denen neben den Autoverkehrsflächen komfortable Radwege angelegt werden können, weil es diese Räume nicht mehr gibt. Wir werden schauen müssen, ob bestimmte vorhandene Straßen nicht vom Autoverkehr so entlastet werden, dass sie die Funktion von Fahrradstraßen erfüllen.

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Zurück in die Zukunft: Diese Visionen wurden Wirklichkeit

Mobilität, wie wir sie uns für die Zukunft vorstellen, wurde vor allem von Science-Fiction-Autoren oft schon vor 100 und mehr Jahren beschrieben. Für ihre Visionen wurden sie von der damaligen Wissenschaft oft verlacht. Dabei zeigt sich im Rückblick, wie oft aus den Phantasien der Schriftsteller Wirklichkeit geworden ist.


Ein Segensbringer soll die Elektromobilität sein. In Nürnberg gibt es gerade einmal ein gutes Dutzend Lade-Säulen für Elektro-Autos. Das ist eigentlich eine beschämende Zahl oder?

Maly: Das sind zu wenig Ladesäulen. N-Ergie und Stadt starten aber demnächst mit einer großen Initiative durch. Ich gehöre aber zu den Menschen, die die reine Umstellung auf Elektromobilität nicht glücklich macht. Wir haben in Nürnberg täglich insgesamt über 580.000 Pendlerfahrten, rein und raus. In der Stadt sind 280.000 Fahrzeuge zugelassen. Wenn ich Fahrzeuge mit Verbrennungsmotor durch welche mit E-Antrieb ersetze, habe ich weniger Lärm und Emissionen. Der störende Raumverbrauch eines Elektro-Autos ist aber genauso groß wie der eines Verbrennungs-Autos. Die reine 1:1-Umstellung ist also keine Lösung. Viel wirkungsvoller ist es, etwa die Lieferverkehre oder Taxen auf Elektrobetrieb umzustellen, vielleicht auch Teile des öffentlichen Nahverkehrs, in dem Fall Busse. Obwohl unsere Gas- und Euro-6-Busse wirklich sehr sauber sind. 


Lesen Sie hier den ersten Teil unseres Interviews mit Nürnbergs Oberbürgermeister Dr. Ulrich Maly aus unserer Mobilitätsserie.


Ulrich Maly diskutiert am 15. März, 19.30 Uhr, beim NN-Forum im Orpheum über "Die Mobilität der Zukunft: Visionen für Nürnberg". © Horst Linke


 Am Beispiel Telekommunikation lässt sich betrachten, wie aus gänzlich getrennten Angeboten – Internet, Festnetz, Mobiltelefonie, Fernsehen – ein einziges zum Flatrate-Tarif geworden ist. Ist so etwas für die Mobilität vorstellbar?

Maly: Ich glaube nicht, dass es die Flatrate sein wird. Am Ende wird es eine Art Scheckkarte geben, die die Fahrten automatisch abrechnet. Es wird aber immer entweder ein entfernungs-, leistungs- oder geschwindigkeitsabhängiger Tarif sein.

Bringt das autonome Fahren eine Entlastung für Ballungsräume? In Bad Birnbach lässt die Deutsche Bahn einen Minibus autonom fahren. Hamburg will bis zu 100 Busse einsetzen. Kann das Ballungsräume wie die Region Nürnberg entlasten?

Maly: Für kürzere, fest definierte Strecken von A nach B geht das. Wenn man die Flächen erreichen will bis zum letzten Einödhof, da muss man realistisch sein, wird das autonome Fahren sehr lange nicht viel helfen. Die letzte Meile im flachen Land wird noch ganz lange mit dem eigenen Auto gefahren werden. Draußen auf dem Land hat der Pkw noch eine ganz andere Bedeutung als in der Stadt. In der Stadt kann man mit öffentlichen Verkehrsmitteln zur Kulturveranstaltung fahren, draußen brauchen die Bewohner meist das Auto dazu. Hier gibt es noch keine vernünftige massentaugliche Alternative zur Individualmobilität.

Nürnberg hat mit über 280.000 Fahrzeugen einen Zulassungsrekord. Möchten die Menschen auf ihr Auto nicht verzichten?

Maly: Ich weiß es nicht. Das müssen wir mal ergründen. Denn der Autobesitz der jüngeren Generation ist deutlich zurückgegangen. Gleichzeitig haben wir höhere Zahlen. Unter Umständen hat das auch etwas mit der Zahl der Flottenfahrzeuge zu tun. Die waren früher zentral angemeldet, beispielsweise in Bonn für die Telekom, jetzt dezentral, also mit Nürnberger Kennzeichen in Nürnberg. Uns ist es im Moment nicht erklärbar. Denn eigentlich nimmt der Motorisierungsgrad sukzessive ab.

Gibt es in Nürnberg noch zu viele Parkplätze? Und ist vorhandener Parkraum zu billig?

Maly: Wir haben doch die Preise für die Parkstunde bis an die Grenze des derzeit in Bayern Erlaubten hochgesetzt. Es gibt eine Bundesratsinitiative, die Grenze anzupassen. In der zentralen Innenstadt Nürnbergs wäre ein noch höherer Preis vertretbar, an der Peripherie sicher nicht.

Wie hält es eigentlich Familie Maly privat mit der Mobilität?

Maly: Wir fahren einen Diesel mit Euro-6-Norm, neueste Generation. Das Fahrzeug nutzt überwiegend meine Frau. In der Freizeit fahren wir Fahrrad, aber nicht immer.

Wie sieht Ihre Verkehrsvision für Nürnberg in 30 Jahren aus?

Maly: Ich wünsche mir eine noch deutlich mehr von Verkehr entlastete Innenstadt. Wir werden an der ein oder anderen Stelle auch mal wieder über eine Ausweitung der Fußgängerzone nachdenken. Ob zum Beispiel der Weinmarkt gleich von drei Seiten mit Verkehr belagert werden muss, das wird man sich alles noch einmal anschauen müssen.

Lesen Sie hier den ersten Teil unseres Interviews mit Nürnbergs Oberbürgermeister Dr. Ulrich Maly aus unserer Mobilitätsserie.

Ulrich Maly diskutiert am 15. März, 19.30 Uhr, beim NN-Forum mit Jürgen Hildebrandt (ADAC), Jens Ott (ADFC) und Prof. Ramin Tavakoli Kolagari (TH Nürnberg) über "Die Mobilität der Zukunft: Visionen für Nürnberg". Veranstaltungsort: Orpheum Nürnberg, Johannisstraße 32 A. Einlass: 18.30 Uhr. Eintritt: 12 Euro (mit ZAC-Karte 8 Euro). Karten in den Ticket-Verkaufsstellen Ihrer Zeitung und im Internet www.nn-ticketcorner.de

  

Andreas Franke, Arno Stoffels, Sabine Stoll

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