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Mehr Asche: Ist der fränkische Friedhof in Gefahr?

Die vielen Feuerbestattungen machen Kommunen und Kirchen Probleme - 30.10.2017 07:03 Uhr

Die Grabmale, wie hier auf dem Friedhof Allerheiligen Neustädter Erlangen, werden immer weniger. © Bernd Böhner


Früher wurden im Blumengeschäft von Heinrich Zuckschwert 30 bis 40 Trauerkränze pro Woche bestellt, doch diese Zeiten sind lange vorbei. "Wenn wir heute 50 im Jahr binden, ist es viel", sagt der Neumarkter Gärtner- und Floristenmeister, der den Kulturwandel auf den Gottesäckern nicht nur in seinem Betrieb zu spüren bekommt. Der 68-Jährige ist auch Friedhofsreferent der Stadt Neumarkt und hat in dieser Funktion gewaltig mit dem Trend zu pflegeleichteren Toten zu kämpfen.

Mittlerweile ist der Anteil der Urnenbestattungen in der oberpfälzischen Kreisstadt auf über 70 Prozent gestiegen, "das sind Werte wie in der Großstadt", weiß Zuckschwert, der deshalb mit immer größeren Lücken in den Grabreihen konfrontiert ist. Allein auf dem zentralen Neumarkter Friedhof gibt es inzwischen über 300 leere Familiengräber. Deshalb tun sich die Verantwortlichen mit einer optisch einigermaßen gefälligen Gestaltung der letzten Ruhestätten immer schwerer. Ein Problem, das auch Gerhard Kratzer, den Leiter der Nürnberger Friedhofsverwaltung, umtreibt.

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Frankens Friedhöfe: Würdevolle letzte Ruhestätten in der Region

"Kein Ort wie jeder andere" ist in diesem Jahr das Motto des Tages des Friedhofs. Friedhofsgärtner und -verwaltungen, Bestatter und Religionsgemeinschaften haben ihn 2001 ins Leben gerufen, um diesen teilweise mystisch und unheimlich wirkenden Ort den Menschen wieder näher zu bringen. Friedhof ist dabei nicht gleich Friedhof. In und um Nürnberg gibt es die unterschiedlichsten Begräbnisstätten.


Am Südfriedhof zum Beispiel, dem größten der zehn kommunalen Friedhöfe in der Frankenmetropole, verkauft seine Behörde in den abgelegeneren Teilen kaum noch eine Grabstelle. "Die Leute wollen einfach nicht so weit bis zur letzten Ruhestätte ihrer verstorbenen Angehörigen laufen", erklärt Kratzer, dessen Mitarbeiter ebenfalls immer mehr Urnenbeisetzungen organisieren müssen. 4763 Bestattungen wurden im vergangenen Jahr in Nürnberg durchgeführt, bei 3397 hatten sich die Verstorbenen einäschern lassen.

Trend ist bundesweit erkennbar

Nürnberg, Neumarkt und viele andere bayerische Kommunen liegen im bundesweiten Trend. Laut einer von der Verbraucherinitiative Aeternitas in Auftrag gegebenen Umfrage des Marktforschungsunternehmens TNS Infratest wünschten sich im Jahr 1998 noch 78 Prozent der Deutschen ein klassisches Sarg- oder Urnengrab, 2016 waren es nur noch 43 Prozent.

Die Nachfrage nach pflegeleichten oder gar pflegefreien Angeboten wie Urnenwände oder Rasengräber steigt kontinuierlich. Verantwortlich dafür ist in Zeiten von verstreut lebenden Familien nicht nur Pragmatismus, sondern auch das gestiegene Bedürfnis nach Individualität. Die Zeiten, in den der Weg der Angehörigen ausschließlich zum örtlichen Gemeindefriedhof führte, seien vorbei, meint Thomas Hellwege vom Vergleichsportal Bestattungen.de.

Wegen der gestiegenen Mobilität gebe es weniger Ortsbindungen und mehr Wettbewerb unter Friedhöfen. "Früher pflegten Angehörige die Gräber an ihrem Wohnort. Geschah das nicht, wurde im Dorf getuschelt, denn bis vor etwa 15 Jahren war ein Grab immer auch eine Art Statussymbol", sagt Judith Könsgen von der Deutschen Friedhofsgesellschaft, einem Unternehmen, das in Deutschland 15 Friedhöfe betreibt. Mittlerweile spielt aber auch das Geld eine größere Rolle als früher bei der Suche nach der ewigen Ruhe.

Mehr Einsatz von Maschine?

Judith Könsgen schätzt, "dass etwa ein Drittel der heutigen Friedhöfe in den nächsten fünf bis zehn Jahren in der jetzigen Form so nicht weitergeführt werden können". Weil Urnenbestattungen deutlich günstiger sind, sinken die Einnahmen, und so ist ein Großteil der rund 32 000 traditionellen Gottesäcker in Deutschland rein vom betriebswirtschaftlichen Aspekt her ein Draufzahlgeschäft für die Träger. "Es ist eine schizophrene Situation. Die Nachfrage sinkt, und gleichzeitig muss man die Preise erhöhen, weil einem die Kosten davonlaufen", erklärt Gerhard Kratzer.

Ein möglicher Weg aus dem chronischen Defizit: Um die Unterhaltskosten zu reduzieren, könnte man einen Friedhof hinsichtlich einer rationelleren Bewirtschaftung umgestalten, etwa indem man einen Großteil der Bäume fällt und damit den Einsatz von Maschinen ermöglicht. "Diesen Weg werden wir aber nicht gehen", sagt Kratzer. Stattdessen wolle man die Friedhöfe als Rückzugsorte und kleine Oasen in der Großstadt erhalten. 

André Ammer

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