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Migrantinnen: «Angekommen in Deutschland?»

Gülsan Boz ist angekommen - EU-Projekt für Frauen - 10.04.2008

«Ich will meinen Beitrag leisten für diese Gesellschaft: Erst mit 25 kam Gülsan Boz nach Deutschland, fürs Foto posiert die Sozialpädagogin mit ihren drei Kindern: Aras (4), Dilsah (11) und der 17-jährigen Dilara (von links).

«Ich will meinen Beitrag leisten für diese Gesellschaft: Erst mit 25 kam Gülsan Boz nach Deutschland, fürs Foto posiert die Sozialpädagogin mit ihren drei Kindern: Aras (4), Dilsah (11) und der 17-jährigen Dilara (von links). © Günter Distler


Angekommen ist Gülsan Boz (44) schon vor fast 20 Jahren. Zumindest packte die türkische Lehrerin damals ihre Koffer aus und heiratete in Nürnberg einen Landsmann. Ganz wenig Deutsch sei damals in ihrem Gepäck gewesen, sagt die Frau mit den lebhaften braunen Augen.

Das ist heute anders. Jetzt sei sie selbst so gut aufgestellt, dass sie anderen Frauen auf die Sprünge helfen will, die sich noch schwer tun. Das Projekt, das ein Jahr umfasst und in das die EU 150000 Euro investiert, zielt auf das Stadterneuerungsgebiet Galgenhof/Steinbühl.

Hier ist ein Drittel der Menschen Zuwanderer, verdient wird weit unter Durchschnitt und die Arbeitslosigkeit ist hoch. Nur 16 Prozent der Frauen dort kennen oder nutzen soziale oder kulturelle Angebote in der Nähe, die sich gezielt an Migrantinnen richten. Obwohl es die durchaus gibt.

Gülsan Boz ging es zunächst ähnlich. Sie habe zwar von Kulturläden in der Nähe erfahren. Doch keine Frau in ihrer Umgebung ging dorthin. Boz: «Viele haben Angst vor Veränderung und schotten sich ab.» Sie selbst erkämpfte sich nach Jahren ein Studium der Sozialpädagogik, das sie gerade erfolgreich abgeschlossen hat. Lehrerin durfte sie in Deutschland nicht mehr sein, ihr türkisches Diplom wurde nie anerkannt.

Drei Kinder, 17, 11 und vier, zieht sie mit ihrem Mann groß, und die Liste ihrer ehrenamtlichen oder bescheiden bezahlten Aktivitäten liest sich wie ein Querschnitt durch das soziale Nürnberg. Essensausgabe im Altenheim, Deutschlehrerin für Spätaussiedler, ein Einsatz im Zentrum aktiver Bürger, im Begegnungszentrum Köprü oder beim Gesundsheitsprojekt der Arbeiterwohlfahrt - diese Frau ist wahrlich keine Stubenhockerin.

Selbstverteidigung

Das Bildungszentrum, das das bis Herbst befristete EU-Projekt umsetzt, hat Boz und 13 andere Frauen seit November 2007 ein wenig geschult und will sie ab 25. April als Multiplikatorinnen auf noch nicht so trittfeste Einwanderinnen loslassen.

«Wir möchten, dass Sie hier zuhause sind», wirbt ein Flyer für das Projekt. Geboten wird ein Schnupperkurs in Selbstverteidigung, eine historische Stadtführung, ein Besuch bei der Frauenbeauftragten und im Ausländerbeirat - Gülsan Boz und ihre Kolleginnen aus zahlreichen Ländern haben sich einiges ausgedacht für die «Frauen mit Integrationsbedarf», um die sie sich kümmern wollen.

Im Kern gehe es um Gespräche und gemeinsame Unternehmungen, sagt Annemarie Rufer vom BZ, die den Kurs begleitet. Dass Gülsan Boz, die so fest mit beiden Beinen in zwei Kulturen steht, noch keinen Job als Sozialpädagogin gefunden hat, verwundert. Dass christliche Träger zwar Bewerberinnen mit türkischen Sprachkenntnisse suchen, doch Musliminnen prinzipiell nicht einstellen, hat wiederum sie ziemlich überrascht.

Info-Abend zum Kurs am 15. April, 16.30 Uhr im Südstadtforum Siebenkeesstraße 4. Anmeldung beim BZ unter Tel. 231 58 33. 

Claudine Stauber

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