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Die traditionelle Route führt ab dem Flughafen Frankfurt unter anderem über Heidelberg, Rothenburg o.d. Tauber und Neuschwanstein bis nach München und danach noch schnell in die Alpen. Nürnberg interessierte viele Japaner höchstens in der Vorweihnachtszeit. Drei im Weggla, Glühwein, Zwetschgnmännla. Und alles im Dauerlauf. Der Durchschnittsjapaner hat ja nur zwei Wochen Urlaub im Jahr.
Seine Zeit ist knapp bemessen, dennoch wollen neuerdings erstaunlich viele ein paar Stunden im Frankenstadion verbringen. Seit dem Heimspiel gegen Eintracht Frankfurt geht das jetzt schon so, berichtet Luana Valentini, stellvertretende Pressesprecherin des 1. FC Nürnberg, „und es werden immer mehr“. Auch am Sonntag machten sie wieder ordentlich Betrieb. Die wohl Lustigsten turnten zunächst vor dem VIP-Gebäude herum, teilweise verkleidet wie beim fernöstlichen Halloween. Und natürlich mit Club-Schal um den Hals oder Club-Mütze auf dem Kopf. Hiroshi Kiyotakes Verein ist jetzt auch ihr Verein.
Die japanische Fahne durfte natürlich ebenfalls nicht fehlen. Man sah sie auf dem Oberrang der Haupttribüne und im Unterrang der Gegengerade und sogar im Pressebereich. Sportredakteur Uli Digmayer von der Nürnberger Zeitung gab einem japanischen Kollegen freundlicherweise eines seiner seltenen Interviews und hatte prompt Nippon-TV samt Starmoderator im Büro stehen. Natürlich ohne Fahne.
Der rote Punkt (auf weißem Grund) soll für Mut und Leidenschaft stehen und wirkte beim überwiegend mut- und leidenschaftslosen 0:0 gegen Augsburg deshalb irgendwie deplatziert. Dass ihr schlappes Idol schon nach einer Stunde Feierabend hatte, konnte den offensichtlich genetisch bedingten Frohsinn der japanischen Gäste ebenfalls nicht trüben. Weil sie schon mal da waren, schwenkten sie eben ihre Ninomaru bis zur letzten Sekunde und machten einfach gute Miene zum bösen Fußballspiel.
Vielleicht auch dank des ausgezeichneten Glühweins in der Stadt, es soll ja außerhalb des Bahnhofs schon welcher ausgeschenkt werden. Trotz der eklatanten Heimschwäche ihres neuen Lieblingsclubs (nur ein Sieg in einem halben Jahr) wollen etliche wiederkommen, so bald wie möglich. Zwei von ihnen nehmen sogar einen Mitgliedsausweis mit nach Osaka, obwohl sie erst vor ein paar Wochen erfahren haben, dass es so etwas wie den 1. FC Nürnberg überhaupt gibt. Der „Besuch aus dem Land des Lächelns“ (fcn.de) lächelte auch während der Pressekonferenz tapfer weiter und wenig später in einer Lounge, wo ein sichtlich verstörter Kiyotake auf sie wartete.
Yoshikazu Kinoshita und sein Sohn Hiromu freuten sich trotzdem, ihn zu treffen und mit ihm sprechen zu dürfen. Die insgesamt 20.000 Flugkilometer lohnten sich spätestens beim Meet-and-greet, welches in einen von Pressesprecherin Katharina Wildermuth moderierten und von Jumpei Yamamori übersetzten Meinungsaustausch mündete.
Die Kinoshitas fühlten sich geehrt, wirkten aber hin und wieder auch ein wenig verunsichert ob ihrer Vereinsauswahl. Spätestens als Kiyotake seine persönliche Krisenanalyse vortrug („sind in einer sehr schwierigen Lage“; „war inhaltlich nicht gerade optimal“; „erst mal bewusst machen, woran es uns fehlt“), blickte zumindest Kinoshita senior ausgesprochen ernst drein.
Sein wirklich extremer Fußballsachverstand hellte die Stimmung jedoch zügig wieder auf. Auf die Frage, wo er seinen FCN nach dem 34. Spieltag erwarte, antwortete Kinoshita senior: „Ich würde mir wünschen, dass der Club nächstes Jahr auf europäischer Ebene spielt.“ Möglicherweise hat er während des 0:0 seinen Jetlag ausgeschlafen und danach lediglich eine Statistik gesehen. Und tatsächlich, der Tabellensechste hat nur drei Punkte mehr!
Was wäre der Club bloß ohne seine Japaner.
Mi. 22.05.13
Mi. 22.05.13
Di. 21.05.13
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