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NS-Bahnhof verfällt

Haltepunkt Märzfeld: Initiative sieht Stadt in der Pflicht - 06.05.2014

Die Schülerinnen Regina Klovznyk (links) und Sophie Vorläufer setzen sich für den Erhalt des Bahnhofs Märzfeld ein. Im Hintergrund sieht man die Zeichnung, die sie am vergitterten Gleisaufgang angebracht haben. © Michael Müller


Der Bahnhof Märzfeld war der letzte Sammelpunkt vieler fränkischer Juden vor der Fahrt in die Arbeits- oder Vernichtungslager. Allein 2000 Juden aus Nürnberg wurden in den Jahren 1941 und 1942 von hier deportiert, nur 16 von ihnen überlebten den Holocaust.

„Wie würden Verwandte von den damals Deportierten auf den schlimmen Zustand des Bahnhofs reagieren?“, fragt Wolf Hergert provokativ. Der Vorstand des Vereins „Geschichte für Alle“ hatte gemeinsam mit Elmar Hönekopp von der Stadtbild Initiative zum Pressegespräch an die Bahnunterführung Groß-Strelitzer-Straße eingeladen.

„Der Umgang mit dem Bahnhof ist ein Skandal“, ärgert sich Hergert. Die früheren Gleiszugänge zugemauert bis auf einen, dieser ist aus Sicherheitsgründen durch ein Gitter versperrt. Eine Möglichkeit, die Bahnsteige zu begehen, gibt es nicht. Der Ort ist tatsächlich nicht leicht zu finden. Wenn man von der U-Bahn-Station Langwasser Mitte in Richtung Südklinikum auf der Breslauer Straße unterwegs ist, liegt er linker Hand — ungefähr auf halbem Weg.

Die Info-Tafel, die am Eingang der Unterführung auf die Geschichte des Bahnhofs hinweisen soll, ist in einem recht dürftigen Zustand. Sie ist verwittert, dahinter angebrachte Zäune erschweren die Zugänglichkeit der Rückseite. Außerdem wurde vor kurzer Zeit eine der Glasscheiben von Vandalen herausgebrochen.

Hönekopp ist zunächst der Erhalt des noch vorhandenen Baubestands wichtig. Einen würdigen Umgang mit dem „Opferort Bahnhof Märzfeld“ fordert er als zweiten Schritt. Seine konkreten Vorschläge: eine Auflistung der Namen und Herkunftsorte der Deportierten sowie eine Panzerglasscheibe mit einem Bild der Deportationen im Gleisaufgang.

Keine Planungen

Außerdem sollte laut Hönekopp die Info-Tafel neu platziert und die Vermauerung der Gleiszugänge entfernt werden. Fernziel ist eine Dauerausstellung im derzeit unzugänglichen Westtunnel. Hönekopp und Hergert fordern, dass sich alle Beteiligten zusammensetzen und ein Gesamtkonzept erstellen. Dabei haben sie unter anderem das Dokuzentrum, die Bahn und die Stadt Nürnberg im Blick. Derzeit planen weder die Bahn noch die Stadt Veränderungen am Areal. Für den Erhalt des Bahnhofs engagieren sich auch Regina Klovznyk, Sophie Vorläufer und Julia Rosner. Die Schülerinnen des Sigena-Gymnasiums brachten im Zuge der bundesweiten Aktion „Schule mit Courage“ eine Zeichnung an dem vergitterten Gleisaufgang an.

Das Kunstwerk ist der einzigen erhaltenen Fotografie einer Deportation fränkischer Juden nachempfunden. Es zeigt eine mit Judenstern gekennzeichnete Gruppe, im Hintergrund sind die alten Türme des Märzfelds zu erkennen. Der Bahnhof sei „eine wichtige Hinterlassenschaft“ und müsse deshalb bewahrt werden, erläutert Klovznyk ihr Anliegen.

Doch es gibt auch skeptische Stimmen. Der frühere Leiter des Bildungszentrums, Siegfried Kett, ist vertraut mit der Geschichte Langwassers. Es sei eine „Geschichte erfolgreicher Integration“. Der Stadtteil habe deswegen mehr verdient als eine rein auf die Deportation der fränkischen Juden beschränkte Gedenkstätte. Zwar dürfe dieser Aspekt nicht vergessen, Langwasser aber auch nicht darauf reduziert werden. Kett fordert deshalb seit längerem ein Langwasser-Museum.

Die Trabantenstadt Langwasser liegt auf historischem Boden. Am Südende der Großen Straße befand sich das Märzfeld, wo Schaumanöver der Wehrmacht im Rahmen der Reichsparteitage stattfinden sollten. Das aus Baracken und Zelten bestehende Teilnehmerlager erstreckte sich während der Reichsparteitage über Teile Langwassers, Moorenbrunns und Altenfurts. Rund eine Million Menschen wurden während der NS-Leistungsschauen hier untergebracht. Später diente das riesige Areal als Kriegsgefangenenlager. 

VON THOMAS CORRELL

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