Montag, 10.12.2018

|

Nürnberg: Ein irakischer Lehrer wird deutscher Facharbeiter

Neues Förderprogramm will Flüchtlinge zu gefragten Arbeitskräften ausbilden - 16.02.2018 18:52 Uhr

Ali Khallel Khalid bei der Arbeit. Das regelmäßige Auffüllen der Ware gehört zu seinen Hauptaufgaben als Praktikant im Obi-Markt Nürnberg-Nord. © Fotos: Horst Linke


Menschen mit Fluchthintergrund gut in den bestehenden Arbeitsmarkt zu integrieren, ist ohne Zweifel eine große Herausforderung. Doch die Aufgabe kann gelingen, wie ein neues Qualifizierungsprogramm der Bundesagentur für Arbeit beweist. Die ersten Monate der Initiative verlaufen jedenfalls vielversprechend. 

Eigentlich ist Ali Khallel Khalid Lehrer. Nach zwölf Jahren Schule und Abitur im Irak studierte er Geographie und Geschichte auf Lehramt. Kurz nach dem Abschluss entscheidet er sich zur Flucht. "Meine Frau hat schon in Deutschland gelebt und als Kurde wurde ich von der Regierung in Bagdad nicht gut behandelt", beschreibt er seine Gründe. Anfang 2010 kam er als Asylbewerber nach Deutschland. Die erste Zeit in der neuen Heimat war hart: "Da habe ich schon darüber nachgedacht, wieder zurück zu gehen. Ich hatte keine Freunde hier, konnte die Sprache nicht und durfte auch nicht arbeiten." Fast zwei Jahre zog sich sein Asylverfahren hin, schließlich wurde er anerkannt. "Am 11. 11. 2011 um 11 Uhr habe ich den positiven Bescheid erhalten", erzählt er lachend.

Seitdem hat sich eine Menge getan. Anfangs schlug er sich mit Minijobs durch, arbeitete in Teilzeit als Kurierfahrer und absolvierte Sprachkurse. Seit August 2017 hat er aber einen feste Beruf im Blick. Er will Fachlagerist werden. Möglich macht dies das Programm "Teilqualifizierung Plus" der Regionaldirektion der Bundesagentur für Arbeit.

Antwort auf Fachkräftemangel

Die Initiative wendet sich an Menschen mit Flucht- und Migrationshintergrund, die noch keine für den deutschen Arbeitsmarkt adäquate Qualifikation vorweisen können. Schritt für Schritt verbessern die Teilnehmer ihre Sprachkenntnisse und bekommen darüber hinaus berufspraktischen Fachunterricht. Wer alle Module des Programms erfolgreich absolviert, kann die reguläre IHK-Prüfung für seinen angestrebten Beruf ablegen. Ähnliche Programme gibt es auch für geringqualifizierte Deutsche. "Gerade in Zeiten des Fachkräftemangels appellieren wir an die Arbeitgeber, dieses Instrument auch zu nutzen", sagt Joachim Ossmann Geschäftsführer der Agentur für Arbeit Nürnberg.

Er sieht darin eine gute Alternative zur Suche nach externen Fachkräften, die rar gesät sind. "Da ist es sinnvoll zu überlegen, ob man nicht einfach eigene Mitarbeiter weiterqualifizieren kann", meint Ossmann. Im Fall von Ali Khallel Khalid übernimmt die Zeitarbeitsfirma Procedo die Rolle des Arbeitgebers. Ein Arbeitsvertrag ist notwendig, um an der Maßnahme teilnehmen zu können. Voraussetzung ist außerdem das Sprachniveau B1. Damit müssen Migranten, um für das Programm in Frage zu kommen ungefähr so gut Deutsch sprechen, wie ein Neuntklässler Englisch sprechen kann.

"Trotzdem gibt es anfangs natürlich noch einige sprachliche Hindernisse", berichtet Kerstin Viktorin. Sie ist Koordinatorin bei den Beruflichen Fortbildungszentren der Bayerischen Wirtschaft (bfz), die die theoretische Ausbildung der Teilnehmer übernehmen. "Natürlich spürt man, dass Kultur und Arbeitsweise in den Herkunftsländern oft völlig anders sind", berichtet Viktorin von ihren Praxiserfahrungen.

Die Ansprüche sind hoch

Insgesamt sind die Lehrer im bfz mit den Teilnehmern aber sehr zufrieden: "Alle sind sehr motiviert und extrem pünktlich", schwärmt Kerstin Viktorin regelrecht von ihren Schützlingen. Seit Beginn des Programms im letzten Sommer habe Khalid noch nicht einen einzigen Tag gefehlt.

Motivation und Durchhaltevermögen sind auch notwendig – schließlich ist die Qualifizierungsmaßnahme durchaus fordernd. Am Ende jeder Woche prüfen die Lehrer im bfz das neu erlernte Wissen ab. Die achtköpfige Klasse von Ali Khallel Khalid erreichte bei den bisherigen Tests im Durchschnitt die Note zwei. Auch das spricht für die hohe Motivation aller Beteiligten.

Im Lager erfasst Khalid neu eingetroffene Lieferungen im PC. Die stellvertretende Marktleiterin, Ute Schmitt, ist sehr zufrieden mit dem Iraker.


Nach nur 18 Monaten – und damit ein halbes Jahr früher als reguläre Auszubildende – legen die Teilnehmer ihre IHK-Prüfung ab. Unterbrochen wird der Unterricht im bfz von regelmäßigen Praxisphasen. Daher absolviert der Iraker Khalid momentan ein sechswöchiges Praktikum im Obi-Markt Nürnberg-Nord. "In der Früh laden wir die Lkw ab und kontrollieren die Qualität der Wäre", beschreibt er seinen Arbeitsalltag. "Anschließend buchen wir die Ware im PC ein. Ab Mittag geht es eher darum, die Regale im Markt wieder aufzufüllen."

Betrieb zeigt sich zufrieden

Das Arbeitsklima sei gut, berichtet er, die Kollegen nett. "Ali ist sehr engagiert und sucht sich immer eine Arbeit", lobt die stellvertretende Marktleiterin Ute Schmitt. "Da zeigen die Kollegen natürlich auch gerne was." Schmitt betont immer wieder, wie zufrieden die Marktleitung mit Khalid ist. "Deswegen gibt es bei uns auch die Bereitschaft, ihn nach erfolgreich abgelegter IHK-Prüfung fest zu übernehmen." Schmitt selbst ist gelernte Arzthelferin – mit Quereinstiegen hat sie also Erfahrung.

Bezahlt wird Khalid während der gesamten Maßnahme von der Zeitarbeitsfirma Procedo deren Mitarbeiter er offiziell ist. Die etwa 1200 Euro netto, die er monatlich verdient, bekommt Procedo allerdings fast vollständig von der Bundesagentur erstattet. Dass Ali Khallel Khalid, der im Irak Akademiker war, seine Existenz in Deutschland neu aufbauen muss, trägt er mit Fassung: "Ich denke, es ist ganz normal in einem neuen Land unten anzufangen." 

DOMINIK MAYER E-Mail

1

1 Kommentar

Seite drucken

Seite versenden



Um selbst einen Kommentar abgeben oder empfehlen zu können, müssen Sie sich einloggen oder sich zuvor registrieren

Ihr Kommentar

Ihr Kommentar:

Bitte beachten Sie unsere Netiquette.

weitere Meldungen aus: Nürnberg