Dienstag, 11.12.2018

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Nürnberg historisch: Die Michaelskirche in St. Johannis

Neue Folge der NZ–Mitmachserie "Mein Platz, meine Straße, meine Stadt" - 09.05.2017 21:28 Uhr

1925 ging‘s für viele Kirchgänger nach der Messe in St. Michael zum Frühschoppen in die „Restauration Kreuzer“ gleich gegenüber. © Verlag Michael Bratengeier, Leihgabe von Werner Jülka


Wie ein Leuchtturm ragt die Michaelskirche mit ihrer Zwiebelhaube über dem Häusermeer des Sandbergs im Westen von St. Johannis auf. Sieht man von der Egidienkirche in der Altstadt ab, sind Gotteshäuser mit barocken Fassaden und Zwiebelturm in Nürnberg rar gesät.

Kein Wunder, war die Zeit nach dem Dreißigjährigen Krieg für die Reichsstadt doch vom stetigen politischen und ökonomischen Abstieg geprägt. Erst mit Anbruch des Industriezeitalters im 19. Jahrhundert erhob sich die Pegnitzmetropole wie Phoenix aus der Asche, um sich erneut zu einem der führenden Wirtschaftszentren Süddeutschlands zu mausern.

92 Jahre später ist St. Michael noch immer das Wahrzeichen des Sandbergs, wenn auch mit neuem Turmabschluss. © Sebastian Gulden


Woher kommt sie also, die barocke Pracht der Michaelskirche an der Wilhelm-Marx-Straße? Ein kräftiger Schluck reinen Weins vorweg: Das Bauwerk ist kein Original der Barockzeit, sondern eine Schöpfung der Jahre 1908 bis 1910. Und ihre Architektur hängt mit den Bewohnern des Sandbergs und ihrer Herkunft zusammen.

Um 1900 lebten auf dem Sandberg vor allem Arbeiter, Handwerker, kleine Kaufleute und Beamte. Viele waren auf der Suche nach Arbeit aus Oberfranken und der Oberpfalz nach Nürnberg gezogen. Im Unterschied zu den meisten Alteingesessenen stammten viele von ihnen aus katholischen Familien.

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Beeindruckende Bilder: Nürnberg und Region früher - und heute

Seit September 2014 läuft die große NZ-Leseraktion "Mein Platz, meine Straße, meine Stadt", in der wir Orte zeigen, die sich im Laufe der letzten Jahrzehnte gravierend verändert haben.


Während die Lutheraner zum Gottesdienst in die nahe Johanniskirche pilgerten, mussten die Katholiken den langen Weg zur Frauenkirche in der Sebalder Altstadt auf sich nehmen. Das konnte, je nach Kondition, schon mal eine halbe Stunde dauern.

Das Viertel brauchte dringend eine eigene Kirche, und um die Jahrhundertwende waren genügend Geldmittel vorhanden, um die Sache ins Werk zu setzen.

Pfarrer Kinle (im Erdgeschoss rechts), seine Mitbewohner und Gemeindemitarbeiter posieren 1922 an den Fenstern des Pfarrhauses für den Fotografen. © anonym


Als es um die Gestaltung des Gotteshauses ging, holte sich Architekt Otto Schulz seine Inspiration dort, wo das Gros der Kirchgänger herkam: in den ländlichen Gegenden des Erzbistums Bamberg und des Bistums Regensburg. Die vertrauten barocken Formen gaben den Neubürgern ein Stück Heimat in fremder Umgebung.

2015 zeigt sich das Pfarrhaus noch fast so wie bei seiner Fertigstellung. © Sebastian Gulden


Außerdem war der Barock eine beliebte Marketingmaßnahme des Vatikans, markierte die Epoche doch eine Blütezeit der katholischen Kirche.

Manchen Nürnberger mag es an der Ehre packen, dass die Fürther Katholiken sich im Süden der Stadt mit St. Heinrich just zur selben Zeit eine prächtige Kirche im neubarocken Stil bauen ließen, die fast unverändert erhalten ist.

Die Nürnberger Michaelskirche hatte weniger Glück: 1945 fügten ihr Bomben schwere Schäden zu. Die unter größten Anstrengungen abgestotterte Ausstattung, darunter Werke bekannter Künstler wie Karl Johann Becker-Gundahl und Felix Baumhauer, wurde ein Raub der Flammen.

Heute ist das Innere der Kirche karg und nüchtern, und auch der Kirchturm erhielt nach dem Krieg einen vereinfachten Abschluss. Ein Leuchtturm im Häusermeer aber ist er geblieben.

Die Michaelskirche erhielt ein eigenes Pfarrhaus – auch dieses selbstredend in barocken Formen –, in dem 1922 nicht weniger als drei Priester wohnten. Ein Einzelstück war es jedoch nicht, denn das Haus hat einen Zwilling, und zwar einen protestantischen: Er steht an der Königstraße in der Lorenzer Altstadt und beherbergt das Pfarramt der evangelisch-reformierten Gemeinde St. Martha. Gebaute Ökumene könnte kaum schöner sein.

Liebe NZ-Leser, haben Sie auch noch alte Fotos von Ansichten aus der Region? Dann schicken Sie sie uns bitte zu. Für jede Veröffentlichung gibt es einmalig 50 Euro. Wir machen ein aktuelles Foto und erzählen die Geschichte dazu. Per Post: Nürnberger Zeitung, Marienstraße 9, 90402 Nürnberg; per E-Mail: nz-leseraktion@pressenetz.de.

Noch mehr Artikel des Projekts "Nürnberg – Stadtbild im Wandel" finden Sie im Internet unter www.nuernberg-und-so.de/thema/stadtbild-im-wandel oder www.facebook.com/nuernberg.stadtbildimwandel. 

Sebastian Gulden

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