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Nürnberger Kunstakademie gestaltet mysteriöse Wahlplakate

Klobürste und Sprüche vermitteln tiefgründige Botschaften - 08.03.2014 13:51 Uhr

Auf den ersten Blick zeigt dieses Wahlplakat nur eine Klobürste. Die Abbildung ist allerdings eine Anspielung auf vergangene Demonstrationen in Hamburg, wo die Bürste zum Symbol des Widerstands wurde. © dpa


Es sind die Sprüche, mit denen kaum ein Wahlkämpfer punkten könnte - trotzdem sorgen sie derzeit im Nürnberger Kommunalwahlkampf fast für mehr Aufsehen als die Wahlslogans der etablierten Parteien. "Du musst mir 'nen Job holen, Alter" oder "Das war in letzter Minute" künden seit ein paar Wochen weiß beklebte Plakatständer im Nürnberger Stadtbild. Andere zeigen Porträt-Kollagen, wieder andere eine auf schwarzem Untergrund gemalte Klobürste oder rätselhafte rote und blaue Linien.

Was manche Passanten für einen Ulk halten, ist eine durchaus ernst gemeinte Kunstaktion der Nürnberger Kunstakademie - unterstützt von der Ein-Mann-Stadtratsfraktion der "Guten". Die politische Wählervereinigung, die mit Stephan Grosse-Grollmann im Nürnberger Rat vertreten ist, hat zwei Akademieklassen von Professorin Simone Decker 150 ihrer 500 Plakatständer für die Zeit des Kommunalwahlkampfs zur Verfügung gestellt - und die Gestaltung den Studenten überlassen.

"Kunst unter politischen Gesichtspunkten"

"Die Kunstschaffenden sollten damit Kunst unter politischen Gesichtspunkten schaffen, ohne für uns Wahlwerbung machen zu müssen", erläuterte der 57 Jahre alte Politiker und Filmemacher. Nicht einmal das Vereins-Logo prangt auf den künstlerischen Manifestationen. Wohlwissend, dass er auch mit 350 Wahltafeln seine traditionellen Wähler erreicht, ging es Grosse-Grollmann um eine Art Kontrapunkt im Nürnberger Straßenwahlkampf: "Der öffentliche Raum ist in Wahlkampfzeiten eh' schon mit Wahlwerbung überfüllt", findet er.

Akademie-Professorin Decker, die unter anderem das Fach "Kunst im öffentlichen Raum" lehrt, nahm das Angebot der "Guten" gerne an. Sie biete den zwölf Studenten die seltene Gelegenheit, vor einer breiten Öffentlichkeit Kunst zu präsentieren. "Kunst auf öffentlichen Plätzen zu zeigen, ist sonst mit extrem viel Geld verbunden. Das könnten wir uns sonst gar nicht leisten", erläutert sie. Dank der "Guten"-Aktion könnten die Kunstplakate nun überall in der Stadt mietfrei aufgestellt werden; nur den Verkehr dürften sie halt nicht behindern.

Unter dem Motto "Kunst im öffentlichen Raum - getarnt als Politik" nutzten die Kunststudenten die ihnen gebotene Möglichkeit auf ganz unterschiedliche Weise. So schauten etwa Jasmin Fleischmann, Victoria Roder, Philippa Schäfer und Han Tang den Nürnbergern beim Schlendern durch Nürnberg buchstäblich aufs Maul. Was sie dabei an Gesprächsfetzen einfingen, ließen sie auf ihre weißen Plakaten drucken - und postierten die Tafeln genau dort, wo sie die Gespräche aufschnappten.

Mysteriöse Botschaften in Plakatform

Wer freilich beim Betreten der Nürnberger Altstadt jene Tafel übersehen hat, die den Hintergrund der Kunstaktion erläutert, wird beim Lesen der Gesprächsfetzen wohl genauso ratlos sein wie beim Betrachten einer Klobürsten-Abbildung. Mit ihr spielen Eva Schleippmann und Selina Tappe auf Demonstrationen in Hamburg an; dort waren Klobürsten zum Symbol des Widerstands geworden. Hingegen erschließen sich die Arbeiten von Akademie-Student Ulrich Stolz zumindest beim näheren Hinsehen: Unterschiedliche farbige Linien markieren einstige und heutige Flussverläufe - ein Beleg dafür, wie stark Menschen in die Natur eingegriffen haben.

"Guten"-Stadtrat Grosse-Grollman räumt ein, das auch für ihn die Aktion nicht ohne Überraschungseffekt war. "Ich wusste grob, was geplant war." Aber mit manchen Arbeiten sei auch er erst beim Aufstellen konfrontiert worden. Mit dem Ergebnis ist er zufrieden: "Das ist sehr kreativ, was da aufgestellt wurde." Die "Guten" selbst stehen in Nürnberg für einen eher unkonventionellen Politikstil. Die aus 50 Mitgliedern bestehende Vereinigung hatte sich 1990 gegründet. Seit 1996 ist sie mit einem Mandatsträger im Stadtparlament vertreten. Dort plädiert die Gruppe für freie Kultur, eine autofreie Stadt, bessere Bus- und Bahnverbindungen und mehr Grün.

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Klaus Tscharnke, dpa

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