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Nürnbergerin lebt vom bedingungslosen Grundeinkommen

Gemeinnütziger Verein aus Berlin finanziert die Köchin zu Testzwecken - 09.01.2018 05:50 Uhr

Die Nürnbergerin Daniela Thieme hat ein bedingungsloses Grundeinkommen gewonnen. © Stefan Hippel


Das ist wie ein Lotto-Gewinn: 1000 Euro monatlich, ohne Abzüge. "Viel Spaß damit", steht als Gruß des Berliner Vereins "Mein Grundeinkommen" auf dem Kontoauszug. Daniela Thieme bekommt seit Mai 2017 Geld aus Berlin, bedingungslos.

Die gemeinnützige Initiative aus Berlin verlost seit 2014 bedingungslose Grundeinkommen für ein Jahr. Die 47-jährige Köchin aus der Nürnberger Südstadt gewann. "Das Geld ist wie eine Befreiung." Daniela Thieme verdient in einer Großküche 1300 Euro netto, allein die Miete frisst 520 Euro. Zwei Töchter hat sie alleine großgezogen. "Es ging immer irgendwie, aber das Grundeinkommen erlaubt mir ein finanziell sorgenfreies Leben."

Wer sich bei dem Berliner Verein bewirbt, muss angeben, wofür er das Geld ausgeben möchte. Thieme schrieb: Die Wohnung renovieren, endlich das kaputte Schlafsofa im Wohnzimmer entsorgen, auf dem sie jahrelang schlief, damit die Töchter ein eigenes Zimmer hatten. Urlaub machen.

Kleine Träume erfüllt

Als der erste Tausender auf dem Konto war, war das endlich mal nicht mehr in den Miesen. Thiemes Eltern und ihre erwachsenen Töchter bekamen Geschenke. "Es war so ein tolles Gefühl, endlich mal wieder etwas für andere tun zu können."

Sich selber erfüllte die 47-Jährige kleine Träume: Ein neues Sofa kam, sie verlegte einen hübschen PVC-Fußboden in Fliesenoptik. Der große Fernseher ist ihr ganzer Stolz, die neuen Schränke und Kommoden hat sie liebevoll dekoriert.

1000 Euro bedingungslos jeden Monat – bei Thieme nehmen sie den Druck raus aus einem Leben, das immer auf Kante genäht war. "Die Waschmaschine war kürzlich kaputt, jetzt schwächelt der Geschirrspüler. Das sind vielleicht Kleinigkeiten, aber es war bislang nie drin, dass ich einfach den Kundendienst anrufe und es reparieren lasse. Mit dem Grundeinkommen geht das."

Immer knapp unter den Fördergrenzen

Das bedingungslose Grundeinkommen ist keine neue Idee. Der englische Revolutionär Thomas Spence forderte bereits 1797 die Einführung eines Grundeinkommens für alle Mitglieder des Gewesens. Aktuell propagieren Politiker linker Parteien die Idee, aber auch Firmenbosse wie Tesla-Gründer Elon Musk sympathisieren damit.

Keine Frage, dass Thieme ein Grundeinkommen für alle prima fände. Als Aushilfsköchin verdiente sie gerade mal 1000 Euro und blieb immer knapp unter irgendwelchen Fördergrenzen. "Das war hart." Zugleich habe sie erlebt, dass Ein-Euro-Jobber auch nicht weniger zum Leben hatten als sie. "Mit dem Grundeinkommen habe ich das Gefühl, dass es sich lohnt, arbeiten zu gehen. Auch wenn ich wenig verdiene, kann ich mir jetzt auch mal etwas leisten."

Eine Studie des Marktforschungsinstituts "Splendid Research" in Deutschland ergab, dass 75,9 Prozent der Befragten unabhängig von der Höhe eines Grundeinkommens ihren Beruf behalten würden. Man sollte die Formulierung bedingungsloses Grundeinkommen ernst nehmen, sagt Thieme. "Es sollten alle bekommen, egal wie viel sie verdienen."

"Plötzlich keine Ausreden mehr"

Eine, die auch dank des Grundeinkommens des Berliner Vereins ihr Leben auf neue Füße gestellt hat, ist Marlene Graßl. Die Betriebswirtschaftlerin hatte genug von ihrem Job im Marketing eines großen Unternehmens, war durch Neuseeland gereist, wollte als Mentalcoach neu starten. Genau zu dem Zeitpunkt flog der 35-Jährigen das Grundeinkommen zu. "Da gab es plötzlich keine Ausreden mehr."

Graßl eröffnete ihre eigenen Räume. "Dank der finanziellen Absicherung war ich flexibler, kreativer und mutiger, als ich es sonst gewesen wäre." Außer 1000 Euro zusätzlich auf dem Konto habe sie das tolle Gefühl von Vertrauen und Sicherheit gehabt. "Bedingungslos heißt, von der Gesellschaft einen Freifahrschein dafür zu bekommen, so sein zu dürfen, wie man ist."

Seit acht Monaten lebt Graßl wieder ohne die Überweisungen des Berliner Vereins. Und sie sind wieder da: die Existenzängste, der Stress. "Bevor ich das Grundeinkommen bekam, war ich sicher, dass es gut ist, dass es zeitlich begrenzt ist. Weil man sonst vielleicht in der Komfortzone verharrt. Jetzt bin ich mir da nicht mehr so sicher." Sie ist überzeugt, dass die wenigsten nur faulenzen würden. Im Gegenteil. "Der Mensch will etwas erreichen. Und das Grundeinkommen fordert einen dazu auf: Hey, mach was aus deinem Leben!"

Was halten Sie von einem bedingungslosen Grundeinkommen? Ist es eine mögliche Antwort auf die Veränderungen in der Arbeitswelt oder schlicht ein Freibrief fürs Faulenzen?

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Ute Möller

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