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Probe für den nuklearen Ernstfall in Nürnberg

"Notfallstationsgruppe 6" übt Szenario - Zermürbender Weg auf die "reine Seite" - 28.10.2012 17:55 Uhr

Teil der Übung: Wer muss gleich ins Krankenhaus? Wer ist weniger stark verstrahlt?

Teil der Übung: Wer muss gleich ins Krankenhaus? Wer ist weniger stark verstrahlt? © Roland Fengler


„Notfallstationen sind Einrichtungen des Katastrophenschutzes in der Umgebung kerntechnischer Anlagen“, sagt Übungsleiter Stefan Lauber, Leiter des Bevölkerungsschutzes bei der Berufsfeuerwehr Nürnberg. Wer der Strahlung ausgesetzt war, erhält hier eine medizinische Erstversorgung, wird auf radioaktive Kontamination überprüft und gegebenenfalls dekontaminiert. Die „Gruppe6“ ist unter den zwölf Notfallstationengruppen in Bayern für allgemeine Katastrophenlagen im ABC-Bereich, beispielsweise Transportunfälle, zuständig und steht zudem als Reserve bereit. „Wir sind eine mobile Einheit“, erklärt Lauber, während um ihn her 18 Unterstationen entstehen, die kontaminierte Bürger im Ernstfall durchlaufen müssten. „99,9 Prozent der heute anwesenden 143 Helfer sind ehrenamtliche Mitarbeiter“, betont er.

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Alarm in Nürnberg: Probe für den nuklearen Ernstfall

Noch laufen sie, die bayerischen Atomkraftwerke. Und solange das der Fall ist, müssen sich Einsatzkräfte und Hilfsorganisationen für ein mögliches Unglück wappnen. Am Berliner Platz übten Feuerwehrleute, das BRK und andere die Einrichtung einer so genannten Notfallstation.


Für sie alle hieß es früh aufstehen an diesem Samstag, denn auch der Aufbau einer Notfallstation gehört zur Übung. Alle zwei Jahre proben sie das komplexe Zusammenspiel der Fachdienste mit Übungsdarstellern. 15 „Bürger“ werden diesmal durch die Station „geschleust“, jeder mit einer anderen Geschichte, die entsprechend bewertet werden muss. Gleich nach dem Eingang überprüfen Helfer in weißen Schutzanzügen einen Herren – das unheimliche Tackern des Geigerzählers hallt von den Wänden: Ja, er ist kontaminiert; schon hängt eine rote Plakette um seinen Hals. Nächste Station: „Erste Hilfe.“ Wie schwer ist er verletzt? Wie sind die Symptome?

Der „Bürger“ wird zum Patienten: Auf einer Anhängekarte stehen die persönlichen Daten wie die Ergebnisse der Erstuntersuchung. „Diese Daten erhält ebenfalls das Kreisauskunftsbüro, damit die Leute ausfindig zu machen sind – auch für die eigenen Angehörigen“, erläutert Stefan Knopf, stellvertretender Bezirksbereitschaftsleiter des BRK. Ein Farbcode zeigt den Grad der Verletzung an. Bürger Nr. 1 hat Glück: grün bedeutet „leicht verletzt“. Nebenan sieht es anders aus: Eine Frau klagt u.a. über starke Kopfschmerzen und Übelkeit. „Verdacht auf Kreislaufkollaps, Krankenhaus!“, wird angeordnet.

Wer weniger stark verletzt ist, wird erneut gemessen, muss seine Wertsachen vorerst abgeben – auch sie werden dekontaminiert – schließlich dann seine Kleidung. „Bei dieser Station geht es darum, die Leute zu beruhigen und ihnen Mut zuzusprechen, wenn sie da nackt sitzen und aufs Duschen warten“, erklärt Karin Geist vom BRK im Damenbereich mitfühlend. Mit einem speziellen Gel müssen sich die Leute gründlich und unter Aufsicht waschen; „maximal drei Minuten, es geht um die Hautoberfläche!“, betont eine Helferin im Schutzanzug. Ein Ersatzkleidungsset bietet von Einmal-Handtüchern bis zur Unterhose erst mal das Nötigste. Wer nach erneuter Messung keine Strahlung mehr aufweist, darf auf die „reine Seite“; sonst geht es zurück unter die Dusche.

Auch Notfallseelsorger und die Polizei sind normalerweise eingebunden – „in einer solch unglaublichen Stress-Situation kann vieles passieren“, betont Stefan Lauber. Nach dem Erhalt der Wertgegenstände folgt eine Befragung zu den genaueren Umständen der Verstrahlung und schließlich das Gespräch mit dem ärztlichen Strahlenschutzexperten. „Nur zehn ermächtigte Strahlenschutzärzte gibt es in Nürnberg“, informiert Karlheinz Ammon, der als einziger Arzt an der Übung teilnimmt.

Wo die Menschen schließlich untergebracht würden, falls sie nicht nach Hause zurück können, müsse ad hoc geplant werden, so Lauber. „In der Regel sind die Schnittstellen, beispielsweise zu den Krankenhäusern, das Problem. Eine Gesamt-Übung, bei der alle Facetten ineinandergreifen und geprüft werden, gab es bislang noch nicht.“

Für Carina Deckert (18, Feuerwehr Hersbruck) lief die Übung gut. „Ich glaube aber, im Ernstfall hätte ich dennoch Angst, auch kontaminiert zu werden“, gibt sie ernst zu. „So eine Übung ist extrem gut, auch für die Zusammenarbeit mit anderen Feuerwehren! Und einiges habe ich in meinem Bereich auch entdeckt, was man vielleicht verbessern könnte.“ In der abschließenden Besprechung wird sie das zur Sprache bringen... 

Von Anabel Schaffer (Text) und Roland Fengler (Fotos)

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