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"Reichsbürger"-Brief für 6 Cent kam tatsächlich an

Ominöser Briefumschlag war falsch frankiert - Post hatte es übersehen - 16.02.2016 11:57 Uhr

Dieses rätselhafte Kuvert landete auf dem Tisch der NZ-Lokalredaktion und löste viele Fragen aus.

Dieses rätselhafte Kuvert landete auf dem Tisch der NZ-Lokalredaktion und löste viele Fragen aus. © Foto: Roland Fengler


Eigentlich wäre es uns gar nicht aufgefallen. Aber NZ-Leser Raphael H. schärfte unsere Sinne. Er merkte am Ende seines Leserbriefes zum Thema "Schwarzfahren" an: "Sollten Sie für diesen Brief Nachporto bezahlen müssen, lassen Sie es mich wissen. Ich übernehme selbstverständlich die Kosten." Und so fiel unser Blick auf den Briefumschlag. Der war mit zwei 3-Cent-Briefmarken frankiert und mit dem Aufdruck "non domestic FRG" versehen. Und um es gleich vorwegzunehmen: Die Redaktion musste kein Nachporto bezahlen. Der Brief kam ordnungsgemäß an.

Ehrlich gesagt, von einer 3-Cent-Briefmarke hatte ich noch nie etwas gehört. Nun weiß ich, dass es sich dabei um einen "Ergänzungswert, 3 Cent“ (!) handelt. „Damit nicht aufgebrauchte Briefmarkenbestände weiter verwendet werden können“, heißt es in der Info der Deutschen Post. Wie aber kann ein Standardbrief, der bis 20 Gramm seit Jahresbeginn mit 70 Cent frankiert werden muss, mit zwei 3-Cent-Briefmarken unbeanstandet sein Ziel erreichen? Und was versteckt sich hinter dem ominösen Begriff "non domestic F.R.G."? Dieser Begriff steht für "nicht innerstaatlich BRD".

Vom Weltpostvertrag und dem Deutschen Reich

Und im Netz kursierte, dass dieser Brieftarif das Resultat eines Abkommens zwischen dem Deutschen Kaiserreich und dem Weltpostverein aus dem Jahr 1875 sowie dem Reichspostgesetz von 1871 sei. Und dann wird es noch abenteuerlicher. Die Bundesrepublik Deutschland sei immer noch kein souveräner Staat. Es würden völkerrechtlich immer noch die Gesetze des Deutschen Reiches gelten . . . "das bedeutet für die Deutsche Bundespost, entsprechend gekennzeichnete Briefe für ermäßigtes Porto zu befördern". Da bleibt einem doch die Briefmarke auf der Zunge kleben!

Die Post teilt dazu (nicht zur Zunge) mit: "Das Gerücht, wonach laut Weltpostvertrag Briefe auch dann befördert würden, wenn sie nur mit 3 oder 4 Cent frankiert sind, entspricht nicht den Tatsachen." Der Weltpostvertrag besage gar nichts über nationale Preise und Tarife. Er regele ausschließlich die Endvergütungen für grenzüberschreitende Sendungen. Und dabei wiederum würden die Vergütungen zwischen Postunternehmen geregelt, nicht die Preise für die Kunden/Absender.

Somit ist es kein Postgeheimnis: Unser NZ-Leser gehörte zu den Glücklichen, deren unterfrankierte Briefe bei täglich 64 Millionen Briefen "durchrutschten". Mithin, und jetzt kann jeder die Briefmarke wieder von der Zunge lösen, ist die "unterfrankierte Beförderung" nicht als Beweis für die Reichsbürger-Theorie tauglich.

Übrigens: Die WAZ hatte 2014 ein Experiment gewagt und zwölf drastisch unterfrankierte Briefe losgeschickt - davon kamen neun an. Als Grund machte man damals aus, dass in den Briefzentren der Post keine ausreichenden automatisierten Kontrollen stattfänden. Wie es scheint, hat sich daran bis heute nicht viel geändert. 

Dieter Wegener

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