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Retter im Mittelmeer: Ein Nürnberger an Bord der Sea-Eye

Organisation rettete schon 12.000 Menschen aus dem Mittelmeer - 02.08.2017 12:01 Uhr

Dicht gedrängt sitzen Flüchtlinge auf einem völlig überfüllten Schlauchboot. Freiwillige vom Rettungsschiff Sea-Eye verteilen gerade Schwimmwesten an die Menschen. Danach wird die Küstenwache sie bergen. © Foto: Sea-Eye


Hans-Peter Buschheuer, 64, ist Journalist und hat von 1977 bis 1981 bei den Nürnberger Nachrichten gearbeitet. Heute ist er unter anderem ehrenamtlicher Pressesprecher der Seenotrettungsorganisation Sea-Eye.

Die Retter auf See müssen sich gerade gegen den Vorwurf verteidigen, Sie seien Helfershelfer der Schlepper. Ist da etwas dran?

Hans-Peter Buschheuer: Das ist absurd. Es haut niemand aus Gambia oder Eritrea ab, nur weil er weiß, da wartet die Sea-Eye vor der Küste. Menschen sind keine Lemminge. Man muss sehr verzweifelt sein, um sich auf diesen Weg zu machen. Wenn man sich mit diesem Vorwurf überhaupt beschäftigen will: Er träfe dann auch die italienische Küstenwache, die schon unendlich viele Flüchtlinge gerettet hat und ohne die unser Einsatz gar nicht möglich wäre.

Warum braucht es dann Schiffe wie die Sea-Eye?

Buschheuer: Das Problem ist: Die Italiener und die europäische Küstenwache Frontex, an der die deutsche Marine mitwirkt, operieren weit entfernt von der libyschen Küste. In die unmittelbare Rettung sind sie nicht involviert. Ihr Auftrag ist es, die EU-Außengrenzen zu schützen — wo immer die draußen im Meer verlaufen.

Freiwilligenorganisationen wie Ihre holen also die Kohlen aus dem Feuer?

Buschheuer: Ja, die Küstenwache ist so weit weg von der Tragödie, dass sie sich daran offiziell nicht schuldig macht. Sea-Eye bedeutet Auge, wir verstehen uns als Auge einer Öffentlichkeit, die sehen will, was dort unten passiert.

Wie nahe können Sie denn an die libysche Küste heranfahren?

Buschheuer: Die Zwölf-Meilen-Zone vor der Küste ist für uns tabu, schon aus Selbstschutzgründen, denn die libysche Küstenwache schießt, auch auf Rettungsdienste und unbewaffnete Flüchtlinge. Wir würden unsere Leute niemals in Gefahr bringen.

Eben diese Küstenwache, die laut UN-Berichten selbst an den Flüchtlingen verdient, bekommt von der EU Geld. Was sagen Sie dazu?

Buschheuer: Dass die Libyer dadurch ihre lukrative Zusammenarbeit mit den Schleppern intensivieren können und zum Beispiel Flüchtlingsboote wieder zurückschleppen, sagt wohl alles. Die Menschen kommen dann wieder in das Land, in dem sie Furchtbares erlebt haben, und werden wieder versuchen zu fliehen, wieder bezahlen. Es ist absurd zu glauben, die Unterbrechung des Seewegs würde die Flüchtlingsströme stoppen.

Jetzt fordert Italien die technische Aufrüstung der Rettungsschiffe. Ist das zu bewältigen?

Hans-Peter Buschheuer, 64, ist Journalist und ehrenamtlicher Pressesprecher der Seenotrettungsorganisation Sea-Eye. © privat


Buschheuer: Es fehlt schlicht und einfach das Geld für ein professionelles Seenotrettungsschiff. Das kostet Millionen. Das sind nur Killerargumente, um uns hinauszukegeln. Das werden wir nicht unterschreiben.

Was wird sich noch ändern auf dem Mittelmeer?

Buschheuer: Es ist geplant, eine Seenotrettungsleitstelle in Libyen zu installieren. Das ist undenkbar, solange Libyen nicht als sicheres Land gilt, wird kein Rettungsschiff Geflüchtete nach Libyen überstellen. Das wäre ein Verstoß gegen geltende Gesetze und sittenwidrig. Alle anderen Forderungen Italiens werden wir erfüllen, auch wenn sie auf Behauptungen basieren, die nie belegt wurden. Keine Zusammenarbeit mit Schleusern, keine Funk- oder Lichtsignale an sie, das war für uns schon immer selbstverständlich.

Es wird behauptet, dass die Schlepper die Boote erst losschicken, wenn ein Rettungsschiff in der Nähe ist.

Buschheuer: Die Flüchtlingsboote starten nur, wenn der richtige Wind weht. Kommt er von Norden, können ihre seeuntauglichen Schiffe gar nicht auslaufen. Manchmal ist drei Wochen lang kaum ein Boot zu sehen. Dann ändert sich das Wetter und alle fahren gleichzeitig los. Nicht Richtung Sea-Eye, sondern Richtung Lampedusa.

Wie finanziert sich Sea-Eye?

Buschheuer: 2016 hatten wir viele Spenden und haben 250 000 Euro gebraucht. Dazu kam der Kauf des zweiten Schiffes. Zwei Boote verdoppeln natürlich die Kosten. Wir kommen über die Runden, die Missionen sind nicht gefährdet, aber unsere Ausstattung ist verbesserungswürdig.

Die Freiwilligen arbeiten umsonst?

Buschheuer: Sie bezahlen sogar ihre Flüge nach Malta selber. Würde man ihre Arbeit in Stundenlöhne umrechnen, käme man auf ganz andere Summen. Wir haben fast 1000 Freiwillige auf der Warteliste, seit die Vorwürfe gegen uns eskalieren, melden sich noch viel mehr. Wir brauchen viele hochqualifizierte Mechaniker und Seeleute, das ist nicht so einfach.

2353 Tote im Mittelmeer dieses Jahr — was muss passieren, damit das Sterben aufhört?

Buschheuer: Man kann leider nie ausschließen, dass Menschen umkommen, weil ihr Schiff unter unserem Radar bleibt. Aber man könnte die Zahl der Toten verringern, wenn man die professionelle Rettung wieder aufnähme, wie sie die italienische Küstenwache Mare Nostrum bot. Die konnten besser helfen als wir mit unseren kleinen Nussschalen. Mare Nostrum wurde 2014 eingestellt, jetzt gibt es Frontex.

Die Abwehr der Flüchtlinge steht seither im Vordergrund?

Buschheuer: So sieht es aus. Die Seenotrettung ist eine völkerrechtliche Verpflichtung, vor der sich die EU drückt. Also springen wir ein, ohne Auftrag. Das gibt es auch bei der Bergrettung, die nicht der Staat, sondern die Bergwacht übernimmt. Die haben natürlich einen Auftrag — und Geld vom Staat.

Erfahren Sie, was die Menschen, die Sie aus dem Meer fischen, erlebt haben?

Buschheuer: Die Leute sind erschöpft und geschockt und nur kurz an Bord. Aber viele berichten nach einiger Zeit an Land über die entsetzlichen Zustände in libyschen Lagern. Wer nicht darüber redet, sind die Frauen. So gut wie jede Schwangere, die von dort kommt, ist vergewaltigt worden. Europa hat Libyen schon 400 Millionen Euro rübergeschoben, damit es die schmutzige Arbeit erledigt. Das ist moralisch so verwerflich, da fehlen mir die Worte.

Waren Sie auf einer der Missionen dabei?

Buschheuer: Um Gottes willen, keine zwei Meter würde ich da mitfahren. Ich werde seekrank und bin besser in der Öffentlichkeitsarbeit aufgehoben.

Die Sea-Eye ist auch ein kleines Familienunternehmen, oder?

Buschheuer: Ich hatte mir vorgenommen, mich nach einer Auszeit in Berlin um die Flüchtlingshilfe zu kümmern. Dann kam Sea-Eye, gegründet von meinem Neffen Michael Buschheuer in Regensburg, und das lag dann näher.

Sie waren Chefredakteur von Berliner und Kölner Boulevardzeitungen, die alle nicht mit Samthandschuhen arbeiten. Ist der Einsatz für Sea-Eye Ihre ganz persönliche Buße?

Buschheuer: Ich sehe das nicht so. Allein die Tatsache, dass ich bei Boulevardzeitungen gearbeitet habe, ist ja noch keine Sünde. Natürlich macht man in einem langen Berufsleben Fehler und Dinge, die man heute nicht mehr machen würde. Alles andere wäre selbstgerecht. 

Interview: Claudine Stauber

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