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Russlanddeutsche und die AfD: Spurensuche in Langwasser

"Es kam nicht gut an, dass Merkel alle reinließ" - 29.09.2017 08:06 Uhr

Die russischen Läden sowie Werbung auf Russisch in den Schaufenstern prägen das Straßenbild in der Ladenpassage in Langwasser-Nord. In diesem Stadtteil leben auch viele Russlanddeutsche. © Foto: Stefan Hippel


Wer die U-Bahnstation Langwasser-Nord verlässt und die Ladenpassage in der Wettersteinstraße entlangläuft, sieht es sofort: Hier leben viele Menschen, die einst aus den GUS-Ländern ausgewandert sind. Immer wieder ist Russisch auf der Straße zu hören. Die Geschäftsleute haben das Potenzial längst erkannt: Der Goldschmied kündigt seine Dienste in deutscher und russischer Sprache im Schaufenster an, genauso ein Pflegedienst sowie ein Bestattungsinstitut. Zwei russische Läden, die ihr Obst und Gemüse auf der Straße aufgestellt haben, konkurrieren gleich nebeneinander um die Kunden.


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An diesem Dienstagabend ist das Wetter mild, die Menschen bleiben gemütlich vor den Obstständen stehen und schauen sich die Ware an. Ihre Namen wollen sie nicht nennen, aber die meisten lassen sich nach anfänglichem Zögern gerne auf das Gespräch über Politik mit der Journalistin ein – manche lieber auf Russisch, andere in fließendem Deutsch. Unter ihnen ist auch eine Frau in orangener Jacke. "Ich verstehe nichts von Politik. Aber die AfD habe ich nicht gewählt, das tat mein Mann. Ich wählte die Linken. Mir gefällt Sahra Wagenknecht ganz gut. Gegen Flüchtlinge habe ich nichts.

"Wir sind ja auch hierhergekommen. Ich habe kein Problem mit ihnen, solange sie mir nichts tun", sagt die Russlanddeutsche. "Und noch tun sie uns nichts", sagt darauf eine Frau um die 60 und legt dabei ein paar Gurken in die Plastiktüte. Sie selbst hat auch gewählt, und zwar die FDP: "So wie ich sie verstanden habe, will die Partei die Beziehungen zu Russland verbessern und nicht jeden einfach so ohne Grund ins Land lassen." Eine 41-Jährige läuft an dem MixMarkt vorbei und hat es eilig, sagt dann aber doch: "Ich habe nicht gewählt. Ich dachte, es kommt bei der Wahl doch sowieso das, was herausgekommen ist: Merkel bleibt. Mein Sohn fand es nicht gut, dass ich nicht zur Wahl gegangen bin. Er meinte, damit habe ich die Stimme an die Falschen verschenkt. Wenn ich gewählt hätte, dann hätte ich die Linken gewählt."

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Über den Kurs der Linken bei der Flüchtlingspolitik weiß die Frau nicht viel, sie hat aber eine klare Meinung zum Thema: "Ich finde, es sind viele gekommen, die dem Land nicht guttun. Sie kamen und haben alles bekommen, viele von ihnen wollen sich nicht integrieren. Bei uns Russlanddeutschen ist es anders. Es ist sehr selten, dass einer von uns nicht arbeitet. Wir haben uns gut integriert. Viele Kinder der Aussiedler haben eine Hochschulbildung."

Information und Populismus

Ein adrett gekleideter Mann steuert die Weintrauben an. Er ist 37 Jahre alt, ist auch Russlanddeutscher und ist in Langwasser nur zum Einkaufen. Vor der Wahl hat er sich ausführlich über die Parteien informiert: "Das machte leider nicht jeder. Die AfD bietet nichts als Populismus. Ich habe sie nicht gewählt. In meinem Bekanntenkreis gibt es auch nicht viele, die es getan haben. Aber klar ist, dass andere Parteien versagt haben. Ich habe mit der ersten Stimme die CSU gewählt. Sie soll schon weiterhin mitregieren. Aber mit der zweiten Stimme wählte ich die SPD. Aus Protest. Die CSU soll nun schauen, wie sie vorankommt. Das wichtigste Thema ist für mich Bildung. Sie ist die Voraussetzung für alles andere", sagt der Systemtechniker, der seit 13 Jahren in Deutschland lebt.

Auf die Bildung setzt auch eine Frau Ende 50. Deswegen wählte sie die FDP. Außerdem: "Sie verstehen was von der Wirtschaft." Sie war aber kurz davor, die AfD zu wählen, gibt die Russlanddeutsche, die seit 30 Jahren in Deutschland lebt und im medizinischen Bereich tätig ist, zu: "Ja, es kam bei den Menschen nicht gut an, dass Merkel alle reinließ. Ich bin nicht dafür, dass man die Grenzen zumacht, aber man soll sie kontrollieren können. Aber es sind nicht die Flüchtlinge, die bei der Wahl eine große Rolle gespielt haben, sondern die sozialen Themen. Die Menschen schuften ihr Leben lang, aber schauen Sie ihre Renten an. Ich glaube, viele haben die AfD aus Protest gewählt." Dass sich die politische Landschaft mit der AfD im Bundestag groß ändert, glaubt die Nürnbergerin nicht: "Man sollte nicht so einen Zirkus um diese Partei machen, sie fällt von alleine auseinander. Es ist einfach eine Protestpartei."

Rechnerisch müsste etwa jeder fünfte Bewohner von Langwasser der AfD seine Stimme gegeben haben. Wie viele von ihnen einen russlanddeutschen Hintergrund haben, dazu gibt es keine Zahlen. Was am Dienstagabend feststeht: Auch nach dem neunten Gespräch ist im Notizblock der Journalistin kein Zitat eines AfD-Wählers zu finden. Dann findet sich doch ein Mann um die 50, der deutlich macht: "Früher wählte ich die CSU, dieses Mal habe ich die AfD gewählt. Die Mentalität und die Kultur der Flüchtlinge ist so anders, ich kann mir nicht vorstellen, dass sie sich hier anpassen würden. Ich habe Angst, dass Deutschland nicht mehr das sein wird, was es ist." In seinem Bekanntenkreis haben die Menschen unterschiedlich gewählt: "Dass die Aussiedler nur die CSU wählen, diese Zeiten sind vorbei. Jeder sucht sich die Partei aus, die ihm passt."

Nach knapp zwei Stunden in Langwasser-Nord sucht ein AfD-Wähler von sich aus das Gespräch mit der Journalistin: "Wissen Sie, ich bin Russlanddeutscher und ich bin kein Rassist oder so. Auch über uns wurde in den 90ern viel Schlimmes erzählt. Ich fühlte mich hier überhaupt nicht willkommen. Aber ich habe mir hier eine Arbeit gesucht, ich zahle Steuern und benehme mich ordentlich. Ich glaube nicht, dass alle Flüchtlinge das schaffen. Wir haben doch schon genug soziale Probleme. Außerdem haben Flüchtlinge eine ganz andere Kultur. Da wird es nur noch Probleme geben. Dieses Land kann doch nicht für alles Leid auf der Welt einstehen. Man muss auch an die eigenen Leute denken. Und das will die AfD." 

Ella Schindler

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