Dienstag, 26.03.2019

|

Säurezünder: Darum war die Nürnberger Bombe so gefährlich

Spezielle Fliegerbomben explodierten oft erst Tage nach dem Angriff - 18.02.2019 21:13 Uhr

Langzeitzünder bei Fliegerbomben sind besonders perfide (zum Vergrößern bitte anklicken). © nordbayern.de


Die Heimtücke von Fliegerbomben mit chemisch-mechanischen Langzeitzündern, umgangssprachlich auch Säurezünder genannt, wurde von der Propaganda der Nationalsozialisten besonders angeprangert, und bis heute wird diskutiert, ob ihr Einsatz ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit war. Ziel dieser Sprengkörper war es, mit Explosionen ohne jede Vorwarnung die Moral der Menschen endgültig zu brechen.

Bilderstrecke zum Thema

Bombe in Nürnberg gefunden: Gebiet weiträumig abgesperrt

Nach einem Bombenfund am Montagmorgen im Nürnberger Südwesten ist das Gebiet rund um die Fundstelle in Nürnberg-Höfen von der Polizei gesperrt worden. Der innerste Evakuierungsbereich samt Datev-Niederlassung und Metropol-Medizin-Zentrum wurde bereits geräumt.


Im Gegensatz zu den technisch wesentlich einfacheren Aufschlagzündern sollten Säurezünder die Detonation einer Bombe hinauszögern, wobei diese Verzögerung wenige Minuten, aber auch mehrere Tage betragen konnte. Die Sprengladung sollte erst dann gezündet werden, wenn die Zivilbevölkerung wieder aus Kellern und Luftschutzbunkern herausgekommen war. Außerdem sollten diese Bomben Lösch- und Bergungsarbeiten behindern oder ganz unmöglich machen. Und heutzutage stellen diese tückischen Kriegsinstrumente Bombenentschärfer vor zusätzliche Herausforderungen.

Bilderstrecke zum Thema

Nach Bombenfund: 2500 Menschen in Fürth evakuiert

Aufregung am Montag auch in Fürth: Nachdem in Nürnberg nahe der Südwesttangente eine Bombe aus dem Zweiten Weltkrieg entdeckt wurde, mussten Firmen und Gebäude in einem Umkreis von einem Kilometer evakuiert werden - was auch Auswirkungen auf die Fürther Südstadt hatte, rund 2500 Menschen mussten hier evakuiert werden.


Am häufigsten setzten die Alliierten Zeitzünder mit einer mit Aceton gefüllten Glasampulle und Zelluloidplättchen ein. Wenn das Glas beim Aufprall der Bombe zerbrach, begann ein chemischer Zersetzungsprozess. Das Aceton zerfraß nach und nach die Plättchen, die eine gespannte Feder zurückhielten. Konnten die Zelluloidscheiben, deren Anzahl und Dicke je nach der gewünschten Verzögerungszeit variierten, die Feder nicht mehr halten, schnellte diese mit einem Metallbolzen Richtung Sprengstoff – die Bombe explodierte.


Fliegerbombe in Nürnberg: Der Ticker


Um zu vermeiden, dass solche Fliegerbomben vor Ablauf der Verzögerungszeit durch Herausschrauben des Zünders entschärft werden, waren in manchen Modellen Ausbausperren eingebaut. Beim Versuch, die Bombe zu entschärfen, detonierte diese sofort.

Tückische Korrosion

Oft aber blieb der Acetonbehälter intakt, zum Beispiel wenn die Bombe auf weichem Untergrund aufschlug, oder die Zelluloidplättchen zersetzten sich nicht wie vorgesehen. Aus der Bombe wurde ein Blindgänger, und was damals ein Glück für die deutsche Bevölkerung war, ist heute ein Problem. Und zwar ein wachsendes, dennje länger solche Bomben mit Säurezündern unentdeckt im Erdreich liegen, desto gefährlicher werden sie. Im Gegensatz zu den Bauteilen des Zünders korrodiert der Sprengstoff nicht, weshalb solche Bomben keinesfalls in ihrer Lage verändert werden dürfen.

Bilderstrecke zum Thema

Blindgänger in der Region Nürnberg: Eine Chronik der Bombenfunde

Alarmsirene und Bombenhagel: Spätestens seit 1941 bekamen die Nürnberger die Schrecken des Zweiten Weltkrieges hautnah zu spüren. Immer wieder drangen alliierte Flugzeugverbände in den Luftraum über der Noris ein, um die Stadt zu bombardieren. Der Krieg ist seit 1945 beendet, doch seine Zeugnisse liegen noch im Erdreich unter der Frankenmetropole begraben. Immer wieder tauchen bei Bauarbeiten und Erdrutschen verrostete Fliegerbomben auf.


Nur Fachleute des Kampfmittelräumdienstes haben das nötige technische Wissen, um diese Mordinstrumente zu entschärfen. Manchmal kommt es dennoch zu tragischen Unfällen, bei denen die Entschärfer getötet werden. So forderte 2010 die Explosion einer Fliegerbombe in Göttingen drei Menschenleben. 

André Ammer

35

35 Kommentare

Seite drucken

Seite versenden



Um selbst einen Kommentar abgeben oder empfehlen zu können, müssen Sie sich einloggen oder sich zuvor registrieren

Ihr Kommentar

Ihr Kommentar:

Bitte beachten Sie unsere Netiquette.

weitere Meldungen aus: Nürnberg