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Schläge und Qual: Fünffacher Familienvater vor Gericht

41-Jähriger traktierte seine Kinder mit Holzscheiten und Staubsaugerrohr - 23.11.2017 05:52 Uhr

Es war noch nicht einmal sieben Uhr morgens, als Stefan (Namen der Betroffenen geändert) am 5. Juni 2016 bei einer Nachbarin in Wilhermsdorf klingelte – der Junge trug nur Unterhosen und ein T-Shirt. Sein Läuten riss Sabine M. aus dem Schlaf. Weil sie vermutete, dass ihr Mann von der Nachtschicht kam, vielleicht seinen Schlüssel vergessen hat, ging sie zur Sprechanlage – doch an der Tür stand Stefan, ein 14-Jähriger aus der Nachbarschaft.

Eineinhalb Jahre später sitzt Sabine M. als Zeugin vor der Jugendkammer I des Landgerichts Nürnberg-Fürth und schildert, dass in Wilhermsdorf, einem Markt im Landkreis Fürth, so gut wie jeder wusste, dass mit Sebastians Vater nicht gut Kirschen essen war. Ein "Prahlhans, ein unangenehmer Zeitgenosse, sagen wir es mal so", erzählt Frau M.; nun begegnet sie Sebastians Vater im Gerichtssaal. Mindestens drei Dutzend Mal, so wirft Staatsanwalt Matthias Engelhardt dem Angeklagten, einem fünffachen Familienvater vor, würgte und schlug er im vergangenen Jahr seine beiden älteren Kinder. Stefan ist damals 14, Felizia 16 Jahre alt.

Misshandlung in 37 Fällen

Der Vater traktierte sie mit Holzscheiten, dem Staubsaugerrohr, einem Gürtel, besonders häufig griff er zur Ofenschaufel. Die Rede ist von Misshandlung von Schutzbefohlenen in 37 Fällen – man könnte auch sagen, dass hier aus Erziehungsmaßnahmen Gewalt-Exzesse wurden. "Bitte bitte, lass mich schnell rein", flehte Sebastian an jenem Morgen an ihrer Haustür, erinnert sich die Zeugin Sabine M., "eingeschüchtert und verängstigt", sei der Junge gewesen.

Sie fuhr mit ihm ins Fürther Klinikum, am Abend dauerte es Stunden, bis er sich in den Schlaf geweint hatte. Er habe Angst um seine Geschwister gehabt, und sich auch gefragt, was nun mit dem Vater passiere. Sie habe an jenem Tag lange mit Sebastian gesprochen, schildert die Nachbarin. Sie wollte ihm helfen, die Polizei informieren und sicher sein, dass der Junge seine Aussage nicht zurückziehen würde.

Sebastian schilderte, dass sich der Vater an jenem Morgen vom Geschrei der anderen Kinder gestört gefühlt habe – als er die jüngeren Geschwister verteidigen wollte, stieß ihn der Vater erst brutal die Treppe hinab, schleifte ihn dann an den Beinen weiter über die Stufen.

Hammerschläge aufs Knie

An jenem Tag stürmte die Polizei das Einfamilienhaus, der Vater wurde vorläufig festgenommen. Nach einem Aufenthalt in der Psychiatrie lebte er anschließend in einer betreuten Wohngruppe in Ansbach. Auch dort soll es zu Gewalttaten gekommen sein: Hier lernte er seine neue Lebensgefährtin kennen – diese Frau soll er gewürgt und mit Pfefferspray attackiert haben. Angeblich verbot er ihr, ihr Zimmer zu verlassen.

Sebastian und seine Geschwister wurden in anderen Familien in Obhut genommen, auch deren Mutter (37) lebt in einer sozialen Einrichtung. Auch gegen sie soll sich seine Gewalt gerichtet haben, angeblich drückte er ihr einmal ein Kissen auf das Gesicht, bis sie fast bewusstlos wurde, ein andermal soll er ihr mit einem Hammer auf das Knie geschlagen haben.

Das Ausmaß der Qual, die Ausführungen des Staatsanwalts, die Beschreibungen des Rechtsmediziners der jüngsten Verletzungen – all das ist schwer zu ertragen. Wer tut seinen Kindern nur so etwas an?

Der Frührentner (41) bestreitet all die Vorwürfe. Es sei ein "ruhiges Leben", in Wilhermsdorf gewesen, "für mich war es gut", sagt er, nur seine Frau sei überfordert gewesen, er kümmerte sich neben der Arbeit um Haushalt und Kinder. Wie gut er dies meisterte, die guten Noten von Stefan und Felizia würden es belegen. Und Stefans Blessuren seien erklärbar: Eine Rangelei in der Schule. Die Treppe sei er nur hinabgestürzt, weil er ausrutschte.

Der Staatsanwalt sieht es anders: Die blauen Flecken, die Schrammen, Hämatome und Hautrötungen der Kinder versteckte der Angeklagte schon früher – er zwang seine Tochter, sie zu überschminken oder zu Hause zu bleiben. 

Ulrike Löw

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