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Schnitzelchen mit Staniol

Essen im Grünen: Im „Kieslinghof“ kocht Bianca Maderer fränkische Spezialitäten - 23.08.2012 07:44 Uhr

Bianca Maderer kocht nur, was sie auch selbst isst in der Gaststätte "Kieslinghof" in der Kleingartenkolonie Kieslinghof. © Hagen Gerullis


Freitagabend, die Stadt trudelt ins Wochenende. Die ersten Grills in der Gartenkolonie sind angeworfen, die Veranda der Gaststätte füllt sich, in der Küche werden Schnitzel geklopft. Feierabendstimmung breitet sich aus. Ein Gast auf Bianca Maderers Terrasse ist gleich in der blauen Arbeitslatzhose gekommen, das Tattoo am Unterarm zeigt ein Herz, das von einem Pfeil durchbohrt wird, die Haare kleben in der Stirn, das Gesicht ist fahl und grau — ein leichter Tag war das nicht.

An den anderen Tischen Paare aus den Gärten ringsum, mal mit, mal ohne Erdbeerkörbchen. Der Stammtisch fest in Männerhand. Als Eva, die freundliche Bedienung, versehentlich Popey, dem daneben liegenden Zwergpinscher auf die Pfote tritt, gibt es großes Gejaule. Eva scheint mindestens so erschrocken zu sein wie das Tier. Das geht ja gut los.

Mit Blick auf das MerianForum (hinten) und die langgezogene Hecke kann man im „Kieslinghof“ unter einer hölzernen Pergola sitzen.


„Hunde absteigen. Radfahrer an die Leine nehmen“, heißt es auf der gelben Tafel am Eingang. Kleingärtnerhumor, ein wenig von gestern, aber ganz sympathisch. Popey jedenfalls hat sich längst wieder eingekriegt und liegt friedlich da, das Wasserschälchen neben sich. Gut möglich, dass er noch mal übersehen wird.

Kartoffelsalat ist leider aus, sagt Eva. Das ist schon mal gut. Keine Sättigungsbeilage aus dem Zehn-Kilo-Plastikeimer also, dem für alle Fälle. Dafür Pommes, Gartensalat und — auf Nachfrage — drei Tütchen Ketchup. Da sehnt man sich doch ein wenig nach der Heinz-Flasche zu Hause.

„So, die Schnitzelchen“, sagt die Wirtin, wenn sie sie selbst an den Tisch bringt. Die Schnitzelchen, das sind zwei Riesenteile, die nur übereinanderlappend auf dem Teller Platz finden. „Soll mers einpacken?“, wird Eva beim Abräumen fragen, „des wär’ doch schad drum.“

Aber klar doch. Man ist ja nicht der Einzige, der an diesem Abend das Lokal mit einem Staniolpäckchen in der Hand verlässt. Kleingärtner haben eben gerne Vorräte, die Wirte wissen das.

Zurzeit sind alle 148 Gärten in der Kieslingstraße verpachtet. Aber da viele Besitzer zwischen 75 und 90 Jahre alt seien, hätten die Nachrücker eine gute Chance. Die Nachfrage nach dem Fleckchen Grün mitten in der Stadt ist jedenfalls groß. „Wir haben 6500 Mitglieder in der Stadt und können knapp 6000 Parzellen verpachten“, sagt Franz Bauer.

OB war auch zu Gast

Das muss man sich auf der Zunge zergehen lassen: Hinter den akkurat gestutzten Sichtschutzhecken, die in der Kieslingstraße besonders hoch sind, ist eine Bürgerbewegung verborgen, die sich in der Öffentlichkeit kaum als solche präsentiert. Allenfalls wenn, wie kürzlich passiert, der OB vorbeischaut, lässt sie sich blicken. Da war der Laden bei Bianca Maderer voll, sogar im Nebenzimmer, dem Raum für besondere Anlässe, saßen sie und ratschten endlos, Ulrich Maly und CSU-Stadtrat Hans Paul Seel inbegriffen.

Höchste Zeit, das Lokal als solches zu inspizieren. Etwas altdeutsch wirkt es mit dem vielen Zinn vom alten Nürnberg an der Wand, der Bahnhofs-uhr über der Theke und der Eistruhe mitten im Raum. Bei manchen der Brauereien, die mit ihren Reklamespiegeln vertreten sind, ist man sich nicht sicher, ob es sie noch gibt. In jedem Fall ein Raum, an dem jede Veränderung zuverlässig abprallt. Ein Flachbildschirm? Das wäre ja noch schöner. Wlan gefällig ? Also, bitte! Bei dem piept’s wohl!

Seit fünf Jahren führt Bianca Maderer in der „Kieslinghof“-Kneipe das Regiment. Zuvor war sie im städtischen Bäderamt angestellt, aber es reizte sie, ihre eigene Chefin zu sein. In ihrer Küche redet ihr keiner rein, höchstens mal die Mutter, die, 65-jährig, mittags kocht. Dann gibt es Schälrippchen, Krautwickel und was die Franken eben so mögen. „Dazu gibt’s einen selbst gemachten Stopfer“, erzählt Bianca Maderer stolz, deren Kundschaft nicht zufällig bis von Zirndorf und Lauf kommt. Auch im Winter übrigens, da finden dann die Weihnachtsfeiern statt, und in den Gärten ist es dann so ruhig, dass man sich gar kein Leben mehr darin vorstellen kann.

Als wir gehen, liegt Popey zusammengerollt neben dem Stammtisch und schläft. Es ist alles in Ordnung in der Kieslingstraße.

Mehr Informationen über den Kieslinghof in unserer Rubrik Essen und Trinken! 

DIETMAR BRUCKNER E-Mail

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