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Security prügelte bei Rock im Park auf Flaschensammler ein

Männer des Sicherheitsdienstes hielten Asperger-Autisten für einen Dieb - 16.06.2018 05:47 Uhr

Eine blutige Nase, Hämatome und Prellungen erlitt Valentin K. durch die Schläge. © privat


Mit einer blutigen Nase, Hämatomen und Prellungen tauchte Valentin K. im Südklinikum Nürnberg auf. Es ist der 4. Juni 2018. Die Ärzte der dortigen Klinik für Orthopädie und Unfallchirurgie diagnostizieren bei ihm auch eine Gehirnerschütterung.

Wer hat ihn so ramponiert? K. schildert den Ärzten und später auch den Nürnberger Nachrichten seine Version des Geschehenen. Der Redaktion liegt der Bericht des Klinikums vor. Es war am frühen Morgen des 4. Juni auf dem Gelände von Rock im Park in der Nähe des Dutzendteichs. Am Abend zuvor hatten die letzten Bands gespielt. "Ich habe noch Freunde verabschiedet und bin mit einer Stirnlampe zu meinem Zelt gegangen", erzählt der 29-jährige Berliner.

Auf dem Weg dahin habe er auch den Abfall durchsucht, der überall herumlag, möglicherweise würde er etwas Brauchbares wie leere PET-Flaschen finden. Irgendwann habe er sich von einer Gruppe Männer mit gelben Warnwesten beobachtet gefühlt. "Die fragten, was ich da mache, und drohten mir dann, mich ins Wasser zu werfen", erinnert sich K. "Die dachten vielleicht, ich bin ein Zelt-Schlitzer, der was klauen will."Die sechs Männer, so seine weitere Darstellung, hätten ihn dann abgepasst. K. identifizierte sie als Ordner, als Mitarbeiter einer Sicherheitsfirma.

Merkwürdig und ungeschickt

K. spricht langsam und verzögert. Er kann nicht anders. "Ich stehe nicht unter Alkohol und habe auch keine Drogen genommen", sagt er unaufgefordert. Der 29-Jährige leidet seit seiner Geburt am Asperger-Syndrom, einer Variante des Autismus. Das gab K. auch gegenüber den Klinikärzten an. Menschen mit Asperger-Autismus können durch ihr Kontakt- und Kommunikationsverhalten merkwürdig und ungeschickt erscheinen. Der Berliner Festival-Gänger vermutet, dass die Leute um ihn herum an besagtem Morgen dachten, er sei zugedröhnt.

Die sechs Männer seien dann immer aggressiver geworden. Dann kam es zur körperlichen Auseinandersetzung. "Die einen haben mich festgehalten und ein anderer hat mir mehrfach mit der Faust ins Gesicht und auf den Hinterkopf geschlagen. Ich habe auch versucht, mich zu wehren", berichtet er. Blut sei aus seiner Nase und dem Mund geschossen. "Ich schrie um Hilfe." Wie lange es gedauert hat, bis Polizei und Sanitäter kamen, könne er nicht sagen. "Gefühlt war es eine halbe Ewigkeit."

Erst am Montag ins Krankenhaus

Auch wer die Einsatzkräfte gerufen habe, wisse er nicht. K. nimmt an, dass die Männer mit den gelben Westen selbst zum Handy gegriffen haben. "Drei der Schläger mussten zur Vernehmung mit auf die Polizeiwache. Ich bin auch mitgegangen." K. ließ sich von den Sanitätern nicht in die Klinik fahren. Erst später im Laufe des Montags, 4. Juni, suchte er aufgrund der Schmerzen und dem guten Zureden seiner Freundin, mit der er telefonierte, im Krankenhaus medizinische Hilfe und ließ sich untersuchen.

Auf Anfrage hält sich die Polizeipressestelle des Präsidiums Mittelfranken zurück. Nur so viel: "Die Ermittlungen in diesem Fall laufen", sagt Sprecher Wolfgang Prehl. Dem Vernehmen nach wurde in dem laufenden Verfahren gegenseitig Anzeige erstattet. Veranstalter von Rock im Park ist die Argo Konzerte GmbH. Nach Angaben des Unternehmens waren während des gesamten Festivals rund 1500 Sicherheitskräfte im Einsatz. Dahinter steckten 14 Security-Unternehmen, die von Argo beauftragt wurden. "Argo selbst hat keinerlei Ordner angestellt", so Unternehmenssprecher Dario Lob.

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Schwierige Suche

Der Veranstalter tut sich schwer, mögliche Beteiligte des Vorfalls zu finden. "Genauere Auskünfte sind erst möglich, wenn wir wissen, wo exakt sich der Vorfall ereignet hat." Das aber kann der Geschädigte nicht mehr verlässlich sagen. "Allgemein gesprochen, wird selbstredend jedwede ungerechtfertigte Gewalt von Sicherheitskräften gegenüber Besuchern abgelehnt und aufs Schärfste verurteilt. Sollte sich der Sachverhalt bestätigen, wird das Unternehmen nicht mehr eingesetzt", so Sprecher Lob. Valentin K. ist längst wieder in Berlin und versucht, die Geschehnisse zu verarbeiten. "Das war für mich ein traumatisches Erlebnis. Und noch heute schmerzen mir die Lippen von den Schlägen." 

Alexander Brock

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